12. September 2001

Reaktionen auf "A.I. - Artificial Intelligence"

Gesammelte Statements von Publikum und Medien

Franz Everschor

Ein mechanisches Ersatzkind, das zur bedingungslosen Liebe programmiert ist, findet keine menschliche Gegenliebe und verbohrt sich in den Gedanken, wie der hölzerne Pinocchio ein wirklicher Junge werden zu wollen. Der Film begleitet seine artifizielle Hauptfigur durch eine destruktive Welt, deren Hoffnungslosigkeit nur durch das Vertrauen auf den Mythos einer kindlichen Fantasiegeschichte und auf eine gnädige Evolution aufgehellt wird. Steven Spielberg hat den Film als eine Hommage auf Stanley Kubrick inszeniert, ohne einen homogenen Stil oder eine mehr als an den Nahtstellen deckungsfähige Perspektive zu erreichen. Auch wenn er bei den Anhängern beider Regisseure Ratlosigkeit und Widerspruch auslösen dürfte, verdienen seine existenzphilosophischen Ansätze eine Auseinandersetzung.

 

Amerikanische Kritiker und Zuschauer streiten sich

"A.I. - Artificial Intelligence" war in den USA nicht der erwartete grosse Kinoerfolg, aber "A.I." war der am meisten widersprüchlich und hartnäckig diskutierte Film des Sommers. Bei einer Meinungsumfrage in Dallas sagte ein Zuschauer: "Ich habe das Gefühl, dass 'A.I.' der am häufigsten missverstandene Film der letzten Zeit ist. Das ist kein Film, bei dem man sein Herz und seinen Verstand vor der Kinotür parken kann." Nur wenige der Kritiker und kaum einer der zahllosen Kinogänger, die bei den Feuilletons der amerikanischen Zeitungen und im Internet ihre Meinung kundtaten, gingen mit analytischer Gründlichkeit und emotionaler Gelassenheit an die Arbeit (das bleibt Zeitschriften wie "Film Comment" vorbehalten), sondern sie argumentierten mit einer Emphase, als gelte es, nicht einen einzelnen Film zu beurteilen, sondern die Zukunft des Kinos zu retten.

Da war von "bravouröser Filmarbeit" die Rede (David Ansen in "Newsweek") oder von einer "pompösen Weltuntergangsfantasie" (David Denby in "The New Yorker"), von dem "faszinierendesten, provokantesten und verblüffendsten Film, der seit Jahren in Hollywood entstanden ist" (John Anderson in "Newsday") oder von einer "Kollektion von Extremen, die sich gegenseitig totschlagen" (Jeff Strickler in "The Minneapolis Star-Tribune"). Vierundvierzig Prozent der von "Entertainment Weekly" befragten Kinobesucher fanden "A.I." schlechter als sie erwartet hatten. Eine Zuschrift in der "Los Angeles Times" hingegen glaubte, die Schuld für so viel Unverständnis beim Publikum selbst zu finden: "Der Film verlangt nichts anderes als ein bisschen Mitdenken bei seinem Dialog, seinem visuellen Symbolismus und seiner Thematik - etwas, das sommerliche Kinobesucher (und einige Kritiker) offenbar nicht leisten wollen." Nur wenige beschritten einen Mittelweg. Eine der vermittelnden Stimmen war Leah Rozen im "People-Magazin". Sie schrieb: "Wir haben schreckliche sechs Monate hinter uns, nichts als kompletten Dreck. Wenn man dann einen Film sieht, der sich an erwachsene Menschen richtet statt an 13-Jährige, dann ist man auch dankbar für kleine Segnungen. Selbst wenn der Film problematisch ist, bleibt man respektvoll, weil man sich sagt: 'Er hat mich nachdenklich gemacht, da waren Substanz und Hintersinn, da war etwas, worüber man reden konnte.'"

 

Ein unerhörter Overkill

Es lag nahe, dass sich zumindest die professionellen Kritiker allesamt damit auseinander setzen würden, wie sich die Herkunft des Stoffes aus der Werkstatt zweier so gegensätzlicher Regisseure wie Stanley Kubrick und Steven Spielberg darstellt. Es gab ziemliche Übereinstimmung in der Beurteilung genereller stilistischer Divergenzen. Im Detail jedoch waren die Meinungen gespalten. Kenneth Turan in der "Los Angeles Times": "Kubricks kühle Unnahbarkeit und analytische Distanz könnte kaum weiter entfernt sein von Spielbergs hart zu erschütternder Passion für behagliche Gefühle und Publikumsakzeptanz (...). 'A.I.' ist jedoch nicht nur kälter und unheimlicher geworden als Spielberg beabsichtigt haben mag, sondern der Film hat auch dessen Tendenz, übermässig ernst mit Gefühlen umzugehen, deutlicher gemacht." Susan King in derselben Zeitung: "So, wie die europäischen Juden in 'Schindlers List' verhöhnt, wie Tiere behandelt und abgeschlachtet wurden, müssen sich in 'A.I.' die ausgestossenen Roboter davor fürchten, zusammengetrieben und zur Vernichtung auf die Flesh Fair geschickt zu werden. Die erschütternde Sequenz, in der mehrere Roboter vor einer beifälligen Menschenmenge gefoltert und zerstört werden, ruft die Gladiator-Szenen in Kubricks Epos 'Spartacus' ins Gedächtnis." Joe Morgenstern in "The Wall Street Journal": "In einer Sequenz auf der Flesh Fair (...) herrscht der mir unwillkommene Geist von 'A Clockwork Orange': erbarmungslos und hämisch ritualisierte Gewalt. Als Rechtfertigung für diese schauderhaft effektvollen Szenen soll der Gedanke dienen, dass sie die Unmenschlichkeit des Menschen - nicht nur gegenüber Menschen - illustrieren. Aber sie ragen heraus als unerhörter Overkill, so überdeutlich in ihrer Intensität, dass sie am Rand der Pornografie stehen."

 

Unliebsames Ende

Am wenigsten Übereinstimmung erzielten Kritiker und Zuschauer angesichts der Schlussszenen des Films. Analysten machten das Ende von "A.I." als ursächlich für das wirtschaftliche Versagen des Films in den USA aus. "Das Ende hat schon immer einen unproportionalen Einfluss darauf ausgeübt, was der Zuschauer von einem Film hält", schrieb Stephen Farber in einem Kommentar über die Rezeption von "A.I.". "Besitzt ein Film ein fesselndes Ende, so ist das Publikum gern bereit, vorausgegangene Schwächen zu übersehen. Hat ein Film jedoch ein unbefriedigendes Ende, so vergessen die Zuschauer nahezu alles, was sie an dem Film gemocht hatten." Lois Wadsworth in "Eugene Weekly": "Dann fängt es an, langweilig zu werden: Anstatt dass David lernt, in einer polarisierten Welt, wo Roboter gejagt, gefoltert und getötet werden, auf sich selbst aufzupassen, zermartert sich der Junge seinen Kopf über die verlorene Mutter. Davids standhafte Begleiter, ein Teddybär und ein Mecha mit Namen Gigolo Joe, lehren ihn das Leben. Hier müsste die Story enden, denn in der letzten halben Stunde werden wir zu nichts anderem gebracht als die allzu menschliche Bockigkeit, den Zorn und die unbegründeten Forderungen eines Kindes hassen zu lernen, das sich weigert, aufzugeben und erwachsen zu werden. Doch wenn sich 'A.I.' nicht von unsicherer Domestizität zu unterkühltem Surrealismus zu vollkommenem Kitsch entwickeln würde, wäre es dann überhaupt ein Spielberg-Film?"

Setzen wir dieser Einschätzung, die im amerikanischen Blätterwald keineswegs allein steht, A. O. Scott in der "New York Times" entgegen: "Die Schlussszenen werden höchstwahrscheinlich Diskussionen, Verunsicherung und eine Menge Widerstand provozieren. Zum zweiten Mal schwenkt der Film von dem Pfad ab, den er einzuschlagen schien, und Mr. Spielberg riskiert mit atemberaubender Selbstsicherheit und heroischer Überzeugung die Gefahr der Absurdität im Gefolge von Sublimität. Das Ende verbindet irgendwie den kathartischen Trost der kindlichen Wunscherfüllung - der Traum, dass die erste vollkommene Liebe, deren Verlust wir wie die Vertreibung aus dem Paradies erleben, wiederhergestellt werden könnte - mit einem Gefühl, das fast zu schrecklich ist, um es einzugestehen oder beim Namen zu nennen. Indem er sich weigert, uns in den Arm zu nehmen oder uns in einen bequemen Schlaf zu lullen, ortet Mr. Spielberg die unausgesprochene Moral aller unserer Märchen. Teil der Wirklichkeit zu sein, bedeutet, sterblich zu sein; Mensch sein heisst, zu lieben, zu träumen und zu vergehen."

 

Zwiespältige Gefühle

David Ansen versucht am Schluss seiner Kritik in "Newsweek", Empfindungen und Gedanken, die nicht nur ihn, sondern auch viele Zuschauer bewegt haben, zusammenzufassen: "'A.I.' ruft mehr zwiespältige Gefühle hervor als wir von einem Spielberg-Film gewohnt sind. Es gab Augenblicke, wo ich mir nicht mehr sicher war, ob Spielberg noch Kontrolle über die emotionalen Effekte besass. (Das wäre etwas ganz Neues.) Er scheint sich zu erhoffen, dass 'A.I.' unsere Herzen brechen möge; aber könnte Kubrick das im Sinn gehabt haben? Das Hin und Her des Kampfes - zwischen der Düsternis der Fabel und Spielbergs Bedürfnis nach Wärme - ist Teil dessen, was 'A.I.' so schillernd und so offen für Interpretationen macht. Einige mögen es als eine simple Fabel über einen Roboter ansehen, der zu lieben lernt; doch was auf der Leinwand erscheint, ist nicht so banal. Es ist ein Film, der uns über die wirkliche Natur der Liebe nachdenken lässt - wie sie in uns fest verwoben ist, wie sie die feine Linie zwischen Eigensucht und Selbstlosigkeit verwischt. Ist Liebe die ultimative Bestätigung unseres freien Willens oder dessen Negation? 'A.I.' regt auf, frustriert und fordert uns heraus: Es ist der ehrgeizigste Hollywood-Film weit und breit."

 

Ein Nachdruck der Filmkritik von Franz Everschor mit freundlicher Genehmigung des Film-Dienstes

Druckversion:    pdf    (Zur Ansicht im pdf-Format benötigen Sie den Acrobat Reader)

TOP


© Medienheft Herausgeber: Katholischer Mediendienst und Reformierte Medien | Impressum ZOOM K&M