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23. Februar 2001 A Time for Drunken Horses Ein Film von Bahman Ghobadi Charles Martig Das Leben von Kindern an der iranisch-irakischen Grenze erschüttert. Dem Regisseur Bahman Ghobadi ist ein herber und aussergewöhnlicher Film gelungen, der durch seine treibende Erzählkraft besticht. Es gibt viele Filmschaffende, wie Kiarostami oder Ustaoglu, die eine Sympathie für das kurdische Volk zeigen und ihre Werke in respektvoller Annäherung an dessen Kultur gestalten. „Zamani Baraye Masti Asbha“ geht über diese Sympathie hinaus und ermöglicht einen tiefen, unverstellten Blick auf den Kampf des kurdischen Volkes und seine bittere Alltagsrealität. In seiner rohen Direktheit lässt der Film den Neo-Realismus in einer unerwarteten Intensität aufleben. Bereits in den ersten Einstellungen befinden wir uns mitten im Geschehen. Ein Markt, geschäftiges Treiben, der Blick von Kindern, ihre flinken Bewegungen beim Einpacken von Gläsern. Im Gewimmel der Körper und Farben befinden wir uns bereits in der Welt der kurdischen Kinder, sehr nahe an ihrer Arbeit als Lastenträger und Hilfskraft. Ab und zu begegnet uns das Gesicht eines Knaben, ein Mädchen oder eine kleinwüchsige Gestalt in einer gelben Windjacke. Sie sind einander eng verbunden, schlagen sich gemeinsam durch. Ayoub, der älteste Bruder, seine Schwester Amaneh und der behinderte Madi reisen nach dem anstrengenden Arbeitstag zurück in ihr iranisches Dorf. Auf der kleinen Ladefläche des Transporters befindet sich eine Gruppe von Kindern. Eng zusammengepfercht verstecken sie eine Ladung Schulhefte und Bücher. An der Grenze wird der kleine Lastwagen vom Wachtposten angehalten und durchsucht. Die Kinder müssen aussteigen. Aufgereiht lassen sie die Kontrolle über sich ergehen, holen die sorgfältig unter dem Pullover verstauten Hefte hervor und übergeben die Schmuggelware dem Unteroffizier. Darauf können sie die Grenze überqueren und müssen zu Fuss durch die eiskalte Schneelandschaft nach Hause waten. Im iranischen Kurdistan leben fünf Geschwister, die sich aus eigenen Kräften durchschlagen. Sie streben nach Bildung, doch wird ihnen diese immer wieder verweigert. Sie hätten gerne eine intakte Familie. Doch die Mutter ist bei der Geburt der jüngsten Schwester gestorben und der Vater durch eine Mine im iranisch-irakischen Krieg umgekommen. Madi, der älteste Bruder, leidet an einer schweren Krankheit. Die Medikamente sind teuer und der Arzt ist der Ansicht, dass Madi so schnell als möglich operiert werden muss, damit er noch einige Monate überleben kann. Trotz den grossen Anstrengungen des Bruders Ayoub, der sich als Träger von Schmuggelware verdingt, gelingt es der Familie nicht, das notwendige Geld für die Operation aufzutreiben. Deshalb willigt die älteste Schwester Rojine in die Heirat mit einem Iraker ein, da dieser bereit ist, Madi die Operation im Irak zu ermöglichen. Doch bei der Übergabe der jungen, geschmückten Braut kommt es zum Konflikt um den behinderten Jungen und die Hoffnungen zerschlagen sich. In dieser verzweifelten Situation entscheidet sich Ayoub für den gefährlichen Gang über die Grenze. Die Situation der Kinder im Iran, das Elend des kurdischen Volkes und das Gewicht der Tradition verbinden sich in dieser Geschichte zu einem Ganzen. Zuerst einmal schöpft der kurdische Regisseur aus eigenen Erfahrungen. Mit grosser Aufrichtigkeit und Sorgfalt erzählt er die Geschichte und treibt sie in einem lebendigen Rhythmus voran. Dabei richtet sich die ganze Energie auf ein einziges dringendes Anliegen, nämlich die Sorge des Knaben Ayoub und seiner beiden Schwestern Amaneh und Rojine um ihren kranken Bruder Madi. Das Elend der Situation, die schwierigen Lebensumstände der Kinder, die sich ohne Eltern durchschlagen müssen und dabei gleichzeitig den behinderten Madi mit grosser Liebe pflegen und umsorgen, ist in Bildern von überwältigender Schönheit festgehalten. Die Kamerarbeit von Saed Nikzat hüllt das Geschehen in eine intensive Aura von Blau- und Brauntönen. Sie gewinnt den bitterkalten Winterlandschaften immer wieder neue Nuancen ab und verzaubert sie. Dieser Kontrast zwischen Geschehen und Gestaltung schafft eine Intensität, wie sie im Kino selten zu erleben ist. Der Film duldet jedoch keine Sentimentalität im Hinblick auf die Kinder. Die Darsteller und Darstellerinnen überzeugen durch ihre szenische Präsenz. Die Kamera bleibt so nahe bei den Figuren, als wäre sie ein Teil von ihnen. Jenseits von einer zwiespältigen Ethnographie erlaubt Ghobadi einen leidenschaftlichen und authentischen Blick in die Alltagswelt der kurdischen Kinder.
Charles Martig ist katholischer Filmbeauftragter Regie, Buch: Bahman Ghobadi; Kamera: Saed Nikzat; Schnitt: Samad Tavazoee; Musik: Hossein Alizadeh; Besetzung: Ayoub Ahmadi, Rojin Younessi, Amaneh Ekhtiardini, Madi Ekhtiar-dini, Kolsolum Ekhtiardini, Rahman Salehi, Osman Karimi u. a.; Produktion: Iran/F 2000, Bahman Ghobadi/MK 2, 80 Min.; Verleih: LOOK NOW!, Zürich. Druckversion: pdf (Zur
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Reader) Zum Thema Kurdische Öffentlichkeiten ist ein Dossier erschienen.
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