18. September 2008

Grenzenlose Werbefreiheit

Der Jahreskongress der Schweizer Presse mit Wahrnehmungsgrenzen

Wolf Ludwig

Die Schweizer Verleger wollten beim jüngsten Jahreskongress in Montreux offenbar Grenzen überschreiten – mit einem Programm voller Kontraste. Das Thema „Médias sans frontières“ liess einen hohen Anspruch erkennen. Für den Blick über den Tellerrand sorgten jedoch allenfalls die ausländischen Gäste.

Gleich zum Auftakt des Programms gab’s die erste verpasste Chance. Denn die versammelten Chefredakteure auf dem Podium sprachen bei der Debatte über „Neue Medien – neue Chancen?“ und die „Herausforderungen des Journalismus“ hauptsächlich über Geld, Rendite und Auflagen. Bernhard Weissberg, Chefredaktor „Blick“, machte noch einen anderen Widerspruch deutlich: „Wenn der Verlegerverband über Neue Medien spricht, lädt er Zeitungsvertreter ein“, kommentierte er bissig. Die Hauptsorge der Chef-Journalisten galt aber mehr den Herausforderungen des Verlagsgeschäfts, des Vertriebs und der neuen multimedialen Vermarktungsstrategien statt den eigentlichen publizistischen Inhalten. Mit der rühmlichen Ausnahme von Andrea Masüger, Chefredaktor der „Südostschweiz“, dem solche Widersprüche immerhin noch auffielen und der noch erkennbar journalistische Anliegen vertrat. Sacha Wigdorovits, Verwaltungsratsdelegierter der Media Punkt AG, machte ansonsten seinem Ruf alle Ehre, indem er „Redaktion und Verlag noch weiter zusammenführen“ möchte und von Journalisten ausserdem „mehr Marketing erwarte, damit sie das Kommerzielle noch besser bedienen können“. Dass JournalistInnen bei der Ausübung ihres Berufs nicht gleich noch weitere Grenzen überschreiten und nebenher Anzeigen akquirieren, soweit wollte selbst Wigdorovits dann aber doch nicht gehen.

 

Verkehrte entgrenzte Welt

Einen rhetorisch wie inhaltlich gelungenen Kontrapunkt setzte Mathias Döpfner. Vom Chef der Axel Springer AG hätte man eher eine smarte PowerPoint-Präsentation mit harten Zahlen und unternehmerischen Fakten erwartet. Stattdessen hielt Döpfner ein flammendes Plädoyer auf einen selbstbewussten und substanziellen Journalismus und mahnte, die Kernkompetenzen des Metiers nicht aus den Augen zu verlieren. Der Springer-Mann brachte so banale Kernelemente für guten Journalismus in Erinnerung wie „exklusive Nachrichten, profunde Kommentare und eindringliche Sprache“. Döpfner forderte gar eine Renaissance der als verstaubt geltenden Berufstugenden: „Die Zukunft gehört den Journalisten, bei denen die Selbstkritik wichtiger ist als die Selbstzufriedenheit“ (Kleinreport, 13.09.08). Einen Crash-Kurs in Weltkunde, zeitgeschichtlicher Orientierung und Teilhabe an seinem prallen Anekdoten-Schatz bot Peter Scholl-Latour, Grenzgänger und Urgestein der Korrespondentenzunft. Wie Opas Geschichten aus anderen Welten und Zeiten klangen seine Schilderungen über Arbeits- und Nachrichtentransferbedingungen im letzten Jahrhundert, bevor neue Kommunikationstechnologien den Reporteralltag prägten wie beschleunigten. Fast wehmütig wirkte sein Hinweis, dass die längeren Übermittlungszeiten aus Afrika oder Südostasien auch noch mehr Reflexion über Inhalte ermöglichten. Substanz hatte noch Vorrang vor Hilfsmitteln und Zeit.

Einen Einblick in Publizistik unter Extrembedingungen lieferte auch Trevor Ncube, Präsident des südafrikanischen Verlegerverbands. Der aus Zimbabwe stammende Medienmann schilderte völlig andere Dimensionen von Staatsgewalt als sie mitteleuro­päische Verlegerkollegen in ihren kommoden Verhältnissen larmoyant beklagen. „Ihre Probleme möchte ich mal haben“, lästerte Ncube ironisch. Der frühere Journalist wurde einst verhaftet, nur weil er über die neue Ehe des Despoten Mugabe mit seiner Sekretärin berichtete, und verlor daraufhin noch seinen zimbabwischen Pass. Auch in seinem südafrikanischen Exil und neuen Wirkungsfeld sind Medien und deren Verleger mit unvergleichlichen Herausforderungen konfrontiert: mit dem ständigen Kampf um Lizenzen mit autoritären Regierungsstellen, die gleichzeitig die potentesten Inserenten sind, mit einer völlig veralteten Drucktechnik, mit Distributionen über weiteste Distanzen und über ein miserables Strassennetz und nicht zuletzt mit einer Leserschaft, die entweder des Lesens nicht mächtig ist, oder andere Überlebenssorgen und damit schlicht keine Kaufkraft für luxuriöse Druckerzeugnisse hat.

 

Meinungsfreiheit als Überrecht

Grenzüberschreitend und provokant war auch der Beitrag von Flemming Rose über „Grenzen freier Meinungsäusserung in Europa“. Der Feuilletonchef der dänischen Zeitung „Jyllands Posten“ war nach eigenem Bekunden mitverantwortlich für die Veröffentlichung der heftig umstrittenen Mohammed-Karikaturen im September 2005, deren verheerende Wirkungen in der islamischen Welt von den Urhebern offenbar völlig unterschätzt wurden (vgl. tagesschau.de, 14.09.08). Rose beklagte die zunehmenden Einschränkungen von Meinungsfreiheit, nur weil sich Minderheiten und religiöse Gemeinschaften von kritischen Äusserungen verletzt fühlten und Blasphemievorwürfe zum Vorwand gegen kritische Berichterstattung instrumentalisierten. Der Journalist forderte „klare Unterscheidungen zwischen Worten und Taten sowie zwischen Bildern und Aktionen“, die für ihn zunehmend gleichgesetzt würden. Auch nannte er mehrere historische Beispiele, wo Meinungsfreiheit anderen Opportunitäten oder Kalkülen zuliebe geopfert wurde. Rose warnte davor, dass ein reiner Blasphemie-Verdacht zur Allzweckwaffe gegen jeglichen kritischen Diskurs missbraucht werden könne. Der Kulturchef sieht dadurch die abendländischen Errungenschaften der Aufklärung sowie die Grundlagen von Presse- und Meinungsfreiheit bedroht. Dieses verbriefte Individualrecht dürfe nicht von einem inflationären Gruppenschutz ausgehebelt werden. Im Spannungsverhältnis von schützenswerten Rechtsgütern fordert Rose ein Primat der Meinungsfreiheit. Um deren Grundbestand zu sichern, sollten alle bisher geltenden Einschränkungen wie Aufrufe zum Rassenhass, Holocaust-Leugnungen und dergleichen fallen gelassen und stattdessen nur noch „Aufrufe zur Gewalt“ geächtet werden. Dass die Grauzonen zwischen Herabsetzungen, Hasstiraden und Gewaltaufrufen jedoch fliessend und daher kaum voneinander abzugrenzen sind, nimmt der Fundamentalist in Sachen Meinungsfreiheit offenbar billigend in Kauf. Der Journalist möchte Meinungsfreiheit zum Überrecht unter den Menschenrechten postulieren, wobei diffizile Abwägungen von Rechtsgütern wie Menschenwürde, Persönlichkeitsschutz, Schutz vor Diskriminierungen nebst politischen oder historischen Erfahrungen für ihn allenfalls störend und nebensächlich sind.

Den Tiefpunkt im sonst abwechslungsreichen Tagesprogramm setzte Verbandspräsident Hanspeter Lebrument höchstpersönlich. Über das ursprünglich angekündigte Thema „Die Kommunikationsfreiheit für Zeitungen und Zeitschriften wird enger“ wollte er nicht mehr reden, sondern sich vielmehr auf Wesentliches wie „Abonnements und Anzeigen“ beschränken – die seit der Lebrument-Ära ohnehin als die eigentlichen und verbleibenden Kernanliegen des Verlegerverbands erscheinen. Denn „Kommunikationsfreiheit“ meint für Lebrument weniger Pressefreiheit als schier grenzenlose Werbefreiheit. Journalismus, so scheint’s, ist dabei noch nützliches Beiwerk zur besseren Verbreitung von Anzeigen. Nicht Haupt-, sondern eher Nebensache. Und Pressefreiheit bedeutet für ihn einzig und allein „die Unabhängigkeit vom Staat“. Auch Qualität misst sich für den Bündner Verleger weniger an dem, was in der Zeitung steht, sondern „am Erfolg“ oder kommerziellen Erlös – auch wenn mit den verkauften Blättern im Zweifelsfall Fische verpackt werden. Nach der Lebrumentschen Logik ist auch Einschaltquote gleichbedeutend mit verbriefter Qualität. Und für Qualität im Lebrumentschen Sinn ist „Disziplin“ als handwerkliche Tugend und konstitutives Element des Journalismus erforderlich.

 

Sturm auf Berufskodex

Kaum war der Schweizer Verlegerverband im Sommer 08 nach langem Tauziehen endlich dem Schweizer Presserat beigetreten, bliess Lebrument in Montreux zum Sturm auf die Feste der „Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“, dem Berufskodex eben dieses Presserats. Denn mit der „inneren Pressefreiheit“ der 80er Jahre „sind wir deutlich zu weit gegangen“, so der Verleger-Präsident. Damit „wurde konsequent die Trennung von Verlegern und Redaktion angestrebt“, der Unterschied zwischen publizistischen Inhalten und Verlagsgeschäften. Wegen dieser „Schwächung“ habe sich gemäss der Lebrumentschen Analyse „die Verlegerschaft nur noch mit halbem Herzen und eingeschränktem Einsatz um ihren redaktionellen Teil bemüht“. Die journalistischen Reglemente hätten ausserdem Hierarchien wie Verantwortungen verschoben, da das schreibende Personal nach der Lebrumentschen Überzeugung vielmehr ihrem Verleger, Vorgesetzten und Arbeitgeber als der Öffentlichkeit verpflichtet sei. Denn der Verleger ist schliesslich der Herr im eigenen Haus. In diesem gutsherrlichen Weltbild scheint es nur selbstverständlich, dass der Verbandschef auch künftig nicht über berufsspezifische Rahmenbedingungen oder gar einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) verhandeln will – dieses „Lieblingsspielzeug“ der Berufsverbände, wie der Patriarch höhnte. Man redet lieber übereinander statt miteinander; folgerichtig war in diesem Zusammenhang auch die Abschaffung des bisherigen VSP-Departements Sozialpartnerschaft (vgl. Kleinreport 11.09.08). Die polternden Rundumschläge waren jedoch ausgewogen und zeigten eine Opfersymmetrie, denn alle kriegten schliesslich ihr Fett ab. Selbst Verlegerkollegen reagierten auf die Lebrumentschen Ausfälle mit Kopfschütteln oder fanden diese „oberpeinlich“; freilich wollte keiner namentlich zitiert werden. Mit einer Einschätzung hatte der Verbandspräsident jedoch uneingeschränkt recht, „dass die einst heitere Gelassenheit einer zunehmenden Spannung gewichen ist“.

Auch Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die zum Abschluss des Jahreskongresses in Montreux sprach, wies dezent darauf hin, dass Politik bisweilen komplexer ist, als es dem schlichten Weltbild des Verlegerpräsidenten entspricht. Denn Politik, so die Bundesrätin, verordne und reguliere nicht eigenmächtig und selbstvergessen vor sich hin. Regierungspolitik reagiere vielmehr und häufiger auf Probleme und Anliegen aus der Gesellschaft, die über die Medien vermittelt wurden und sich erst danach in Gesetzen und Verordnungen niederschlagen. Und in heutigen Zeiten geschehe so etwas auch immer häufiger über Grenzen hinweg.

 

Wolf Ludwig ist Medienjournalist in Neuchâtel

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Quellen:

Leidenschaftliches Plädoyer für engagierten Journalismus. In: Kleinreport-News vom 13.09.08: http://www.kleinreport.ch/meld.phtml?id=48251

Zeitungsverleger engagieren sich gegen Werbeverbote. In: Kleinreport-News vom 11.09.08: http://www.kleinreport.ch/meld.phtml?id=48245

Streit um Mohammed-Karikaturen: Chronologie. In: tagesschau.de: http://www.tagesschau.de/ausland/meldung130662.html (14.09.08)

Streams der Beiträge vom Verleger-Kongress werden in dieser Woche auf der Website des Verbandes Schweizer Presse zur Verfügung gestellt: http://www.schweizerpresse.ch/

 

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