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20.04.2011
00:00 Von: Preuss, Johannes

Community Radio im Reality Check

Kritischer Journalismus kann in Gemeinschaftsmedien die zivile Gesellschaft stärken. Voraussetzung dafür wären jedoch ausreichende finanzielle Ressourcen und ein unbestechliches journalistisches Rollenverständnis. Ein Erfahrungsbericht aus der lokalen Radiostation Arise FM in Ghana.


Von Johannes Preuß, Twifu Praso

Community Radios werden im Diskurs der Entwicklungszusammenarbeit hoch gehandelt. Sie sollen den Unterprivilegierten als Sprachrohr der eigenen Interessen dienen und die manipulative Macht von staatlichen wie privaten Medienunternehmen begrenzen. Ihr Potential wird besonders für Afrika hoch eingeschätzt, da sie in den lokalen Sprachen, kostenfrei Informationen an Orte bringen, an die kein anderes Medium wirkungsvoll vordringt. Die Hoffnung besteht, dass die lokalen, nicht auf Profit ausgerichteten Sender subversive Kräfte entwickeln und einen Beitrag zur Entfaltung einer informierten und selbstbewussten Zivilgesellschaft leisten. Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit die Realität dieser Vision gerecht wird beziehungsweise was ein mittelloser Sender in einer von Stromausfällen geplagten afrikanischen Kleinstadt tatsächlich leisten kann. Als Entwicklungsstipendiat der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) habe ich derzeit die Möglichkeit, diesen Fragen an der Basis nachzugehen.


Strom seit einer Generation

Mein Einsatzort ist Twifu Praso. Dabei handelt es sich um eine Ortschaft mit etwa 16’000 Einwohnern im tropischen Südwesten Ghanas am Ufer des Pra-River, eines breiten schlammbraunen Stromes. Die meisten Menschen im Sendegebiet arbeiten in der Landwirtschaft, vornehmlich im Kakao-, Palmöl-, Bananen- und Maniok-Anbau. Goldsucher aus der Umgebung bringen schnelles Geld in den Ort und beschleunigen die Entwicklung von Gastronomie und Dienstleistungsunternehmen. Das wird dadurch sichtbar, dass die noch vorherrschenden Holzbuden an den Hauptstraßen nach und nach zweistöckigen Betonbauten weichen. Die Tatsache, dass junge Erwachsene sich noch an eine Kindheit erinnern, in der es keinen Strom gab und die Straßen nachts nur vom Licht der Kerzen und Öllampen beleuchtet wurden, lässt erahnen, welche Transformation Twifu Praso in den letzten zwei Jahrzehnten durchlebt haben muss. Seit 2007 verfügt der Ort mit Arise FM über sein eigenes Community Radio, dessen Programm im Lokaldialekt Twi mittlerweile fester Bestandteil der örtlichen Soundkulisse ist: Aus übersteuerten Lautsprechern dröhnt in den Geschäften, den Bars und den Frisiersalons überall der Sound des Radios und auch an entlegeneren Orten hört man den Arise-Jingle aus tragbaren Kofferradios und vorbeifahrenden Kleinbussen.


Reichweite – das Recht des Stärkeren

Die Popularität der Station geht allerdings nicht allein auf überzeugende Programminhalte zurück, sondern auch auf technische Unzulänglichkeiten. Der Kurzwellensender des Radios ist nicht präzise eingestellt und so durchdringt Arise FM außer der ihr zugeteilten Frequenz auch weite Bereiche des restlichen FM-Spektrums. Konkurrierende Radiostationen werden so durch ein massives Störsignal ferngehalten. Die für die Vergabe der Sendelizenzen zuständige Behörde ist nicht in der Lage, alle Frequenzen im Land zu überwachen, und so kommt es zu regelrechten Rüstungswettläufen zwischen benachbarten Radios. Es gewinnt, wer den längsten Mast mit dem stärksten Sender hat. Im Umkreis von Twifu Praso macht Arise FM das Rennen und verfügt daher fast über ein Informationsmonopol. Internet oder die englischsprachigen Zeitungen und Fernsehprogramme sind noch weit von der Lebensrealität vieler Anwohner entfernt. Die Informationshoheit verleiht Arise FM ein enormes Potential, Themen auf die Agenda zu setzen, Hintergrundwissen zu vermitteln, Zusammenhänge klarzustellen und dadurch positive Veränderungsprozesse anzustoßen.


Investigativer Journalismus mit Folgen

Einige Wochen nach meiner Ankunft im Juli 2010 konnte ich miterleben, wie dieses Potential zur Geltung kommen kann. Mit einem unserer Reporter besuchte ich die westlich gelegene Region, in der internationale Gesellschaften in großem Maßstab Gold schürfen. In einer der Gemeinden zeigten uns die Bewohner Risse in den Häusern und führten uns zu verwüsteten Äckern. Sie erklärten uns, die Goldsucher benutzten Dynamit, um neue Schächte in den Erdboden zu sprengen. Bei den Explosionen würde die Erde derart erschüttert, dass Häuserwände einrissen, Straßen erodierten und Felder zerstört würden. Ein großer Teil des Schadens sei schon vor Jahren entstanden und bis heute zögerten die Unternehmen ihre Kompensationszahlungen heraus. Als wir die Geschichte ins Radio brachten und einige Male bei dem Unternehmen vorstellig wurden,  änderten die Verantwortlichen sehr schnell ihre Haltung und erklärten sich bereit, für den Schaden aufzukommen. Ähnliche Erfolge verbuchte Arise FM durch Berichte über schlechte sanitäre Zustände und unvollendete Infrastrukturprojekte. Als im Dezember 2010 die Lokalwahlen stattfanden, war Arise FM die einzige Informationsquelle, die der Bevölkerung ein Bild von dem Geschehen an den Urnen in den entlegenen Wahlbezirken vermitteln konnte.


Zweifelhafte Werbung

Leider jedoch hat kritischer Journalismus dieser Art einen schweren Stand im Radio. Das größte Problem besteht darin, dass er kaum lukrativ ist. Der kritische Journalismus kostet im Vergleich zu Musik- oder Talksendungen einen enormen Aufwand ohne dabei mehr Einnahmen einzuspielen. Das Radio muss seine laufenden Kosten – beispielsweise für Strom und Löhne – durch Werbeprogramme und die Verpachtung von Sendezeit finanzieren. Die finanzkräftigsten Kunden für Radiosendezeit im Umland von Twifu Praso sind Pastoren, selbsternannte Propheten und Kräuterdoktoren. Die Doktoren verkaufen Heilmittel gegen jegliche Gebrechen inklusive schlechter Performance im Ehebett, und die Pastoren bieten Erlösung und Seelenheil. In Ghana sind ähnlich wie in vielen anderen afrikanischen Ländern seit Jahren religiöse Sekten im Vormarsch, die nach dem Prinzip von Franchise-Unternehmen funktionieren und überall im Land neue Filialen eröffnen. Darunter finden sich Mormonen, die Zeugen Jehovas und einige weitere im europäischen Raum eher unbekannte Kirchen, die sich vornehmlich mit der Austreibung böser Geister befassen und bei ihren Messen furchteinflößenden Krach verursachen. Was von diesen Kunden an die Hörerschaft gesendet wird, entspricht meist nicht dem emanzipativen, aufklärerischen Gedankengut, das sich mit dem Schlagwort Community Media verbindet.


Fehlendes Geld für Recherche

Da die Werbekunden von Arise FM ihre Spots am liebsten in Sportnachrichten und in einer beliebten Musiksendung am frühen Nachmittag platzieren, sieht das Management des Radios keinen Bedarf, den Reportern besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Als ich meine Arbeit bei Arise FM antrat, hatten die Reporter keinen eigenen Raum, keinen PC, sogar das Papier, auf dem sie ihre Geschichten aufschrieben, wurde nur sehr zögerlich ausgegeben. Das Busticket, mit dem wir in die Goldgräberregion fuhren, musste ich aus meiner eigenen Tasche bezahlen. Obwohl die Fahrt über zwei Stunden dauerte, hat sie für meinen Kollegen und mich umgerechnet nur zwei Euro gekostet. Doch auch diese zwei Euro stellen für die Reporter oft ein unüberwindliches Hindernis dar. Monatlich verdienen sie zwischen 15 bis 40 Euro. Nur einige der Kollegen haben nebenbei noch einen Teilzeitjob als Lehrer, mit dem sie ihr Gehalt aufbessern können.


Not macht bestechlich

Die schlechte Bezahlung nimmt Auswirkungen auf die Qualifikation des Personals. Jeder der Reporter, dem sich eine Möglichkeit bietet, sucht sein Glück bei anderen Arbeitgebern. Eine Anstellung im Radio ist dennoch keinesfalls unbeliebt, sie verspricht soziales Prestige und eröffnet darüber hinaus neue Wege an Geld zu gelangen. Für die Reporter kommen die besten Nebeneinkünfte aus den so genannten «Teilnahmevergütungen»  (sitting allowances). Diese werden den Journalisten für ihre Anwesenheit bei bestimmten Kundgebungen ausgezahlt. Die Verlockung der bunten Scheine macht die Reporter zu bereitwilligen Handlangern jeglicher Informationskampagnen, ob von Politikern, Geistlichen, Förstereiunternehmen oder Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit spielt dabei keine Rolle. So wurde bei Arise FM nach der Kundgebung einer örtlichen Bank die Meldung ihres Managers gesendet, die Filiale würde einen brausenden Aufschwung erleben, obwohl die Unternehmenszahlen zeigten, dass der Umsatz der Bank in den vergangen zwei Jahren fast um ein Viertel zusammenschrumpfte. Die kritische Urteilsfähigkeit der Reporter ist durch die großzügige Bezuschussung nachvollziehbar stark beeinträchtigt, denn sie können bei einer solchen Veranstaltung leicht ein halbes Monatsgehalt verdienen. Es geht dabei nicht um idealistische Fragen, die sich mit einem Workshop über die ethische Moral des Journalismus beheben ließen, sondern um die existenzielle Frage, ob am Abend eine Suppe auf dem Tisch steht oder nicht.


Radio als Stimme des Volks

Wenn die Politik mit ins Spiel kommt, kann kritischer Journalismus nicht nur für den einzelnen Reporter, sondern für das gesamte Radio existenzbedrohliche Auswirkungen haben. Eine solche Situation erlebte Arise FM einige Monate vor meiner Ankunft. Die Geschichte begann mit der Vergewaltigung eines jungen Mädchens. Als Tatverdächtiger kam der lokale Vorsitzende der Regierungspartei in Frage. Juristisch konnte ihm nie etwas nachgewiesen werden, doch im Radio zweifelt hinter vorgehaltener Hand niemand an seiner Schuld. Parteifunktionäre kamen ins Radio und verteilten Geld an die Reporter für ihr Stillschweigen. Die Bestechung wirkte, bis einige Wochen später eine nationale Zeitung die Geschichte aufspürte und einen Zeitungsartikel publizierte. Da die Geschichte nun schon im Licht der Öffentlichkeit lag, entschlossen sich die Arise-Reporter ein Interview mit dem Opfer aufzunehmen. Als die Partei dies zu hören bekam, brach ein Sturm gegen das Radio los. Die Aufregung der Parteifunktionäre kann auch als weitere Bestätigung für die Breitenwirksamkeit des Radios gelten: Als Artikel in englischer Sprache in einer Zeitung, die umgerechnet 50 Eurocent kostet, war die Geschichte für die Partei nicht sonderlich bedrohlich, doch ein Interview mit dem Opfer, im lokalen Dialekt, das aus den Lautsprechern überall im Ort schallt, stellte sich ihnen als Schreckensszenario dar. Obwohl das Interview schon aufgenommen war, entschloss sich Arise FM, die Geschichte fallen zu lassen. Auf meine Frage, was den Ausschlag für diese Entscheidung gab, zeigten mir meine Kollegen Fotos, auf denen zu sehen war, wie die so genannten «Fußsoldaten» (Footsoldiers) der Partei gerade das Haus eines politischen Gegners zerlegten. Es handelt sich dabei um junge, kräftige, arbeitslose Männer, die gegen großzügige Versprechen die schmutzige Arbeit für die Parteien erledigen.


Aufklärungspotenzial ohne Garantie

Das schlechte ökonomischen Preis-Leistungs-Verhältnis, die magere Bezahlung der Reporter und die Gefahr, sich den Zorn einflussreicher Persönlichkeiten aufzuhalsen, sind nur einige der zahlreichen Hindernisse, die einem kritischen Journalismus bei Arise FM im Wege stehen. Dies hat zur Folge, dass er vom Management nicht gerade priorisiert wird. Der Sender investiert weit mehr dafür herauszufinden, welcher Fußballspieler in der kommenden Saison für den FC Chelsea spielt und wie Barcelona in der UEFA Champions League abschneidet, als dafür, warum brachliegendes Land neben dem örtlichen Krankenhaus als Müllhalde missbraucht werden kann. Darüber hinaus wird ein großer Teil der Sendezeit für Desinformationskampagnen von Politikern, Unternehmern und zwielichtigen Kirchen geopfert.

Die Erfahrungen bei Arise FM bestätigen, dass Radio ein mächtiges Werkzeug ist. Sie zeigen jedoch auch, dass dieses Werkzeug genauso konstruktiv wie destruktiv eingesetzt werden kann und dass die schlichte Existenz einer lokalen Radiostation keine Garantie dafür birgt, dass ein positiver Beitrag zur zivilgesellschaftlichen Entwicklung geleistet wird. Richtungweisend ist, dass diejenigen, die für die Gestaltung des Programms zuständig sind, ein klar definiertes kulturelles oder soziales Ziel verfolgen oder ein eigenes Interesse an der Entwicklung einer informierten Hörerschaft haben. Darüber hinaus brauchen die Radiostationen Rückhalt in der Bevölkerung ihres Sendegebietes. Diese Voraussetzungen machen es notwendig, dass ein regelmäßiger Dialog mit der Zielgruppe des Radios stattfindet, indem sich die Teilnehmer über den Nutzen und die Agenda des Radios verständigen. Wenn ein klares Ziel erarbeitet ist, das mehr als eine Wiederholung von Floskeln aus der Entwicklungszusammenarbeit enthalten muss, kann das Radio mit Rückendeckung arbeiten und seiner Rolle als Sprachrohr für die sozialen Anliegen der Community gerecht werden.


 
 

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