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08.03.08
00:00

Von: Arnold, Judith

Vom Nutzen der Medienforschung
Eine Podiumsdiskussion zwischen Theorie und Praxis

Haben sich die Medien zuerst ganz ohne Beleitung der Medienwissenschaft entwickelt, sind sie heute zuweilen dankbare Abnehmer von wissenschaftlichen Befunden. Und hinkte die Forschung lange Zeit der Medienentwicklung hinterher, so ist sie heute auch eine innovative Kraft. Trotz dieser Annäherung im produktiven Austausch bleibt eine gewisse Distanz gewahrt, wie ein Podium von Wissenschaft und Praxis unlängst zeigte. Kontrovers diskutiert bleibt etwa die Frage um die journalistische Qualität.

Von Judith Arnold

Das Verhältnis von Theorie und Praxis ist spannungsreich, denn es treffen hier Perspektiven aufeinander, die sich nie ganz finden können. Doch die Wissenschaft wird von der Gesellschaft getragen, und es ist daher eine berechtigte Frage, was die Theorie für die Praxis leisten kann. Die Universität Zürich, die 2008 ihr 175-jähriges Bestehen feiert, ist sich dieser gesellschaftlichen Erwartung bewusst und stellt ihr Jubiläum unter das Motto "Wissen teilen". Denn nur, wenn Wissen geteilt wird, kann es seine eigentliche Bestimmung finden. Was aber genau der Sinn und Zweck von wissenschaftlichen Erkenntnissen ist, kann wiederum nur in Bezug auf die Gesellschaft geklärt werden.

Das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) wagte vergangenen Montag die Probe aufs Exempel und lud Vertreterinnen und Vertreter der Medienpraxis zu einer Podiumsdiskussion ein, die von Roger de Weck geleitet wurde. Unter den Gästen waren Ingrid Deltenre, Direktorin des Schweizer Fernsehens (SF), Matthias Ramsauer, Vize-Direktor des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM), Josefa Haas, Leiterin des Medieninstituts des Verbandes Schweizer Presse, Markus Spillmann, Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), sowie die Medienprofessoren Heinz Bonfadelli, neuer Institutsleiter des IPMZ und Experte für Mediennutzungs- und -wirkungsforschung, Gabriele Siegert, Professorin für Medienökonomie, und Kurt Imhof, Mediensoziologe und Leiter des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög).

Die einleitenden Worte sprach Professor Otfried Jarren, Alt-Institutsleiter des IPMZ und neuer Prorektor der Universität Zürich. Soeben zurück aus seinem Forschungsurlaub aus Kalifornien fand Jarren ein ungewöhnliches Vorbild für das Verhältnis von Theorie und Medienpraxis, nämlich William Randolph Hearst. Angefangen als Journalist unter Joseph Pulitzer wurde er bald zum Konkurrenten seines Mentors und begann mit dem Kauf des New Yorker "Morning Journal" 1895 ein Medienimperium aufzubauen, das rund fünfzig Jahre später 25 Tageszeitungen, 24 Wochenzeitungen, 12 Radiosender, zwei Nachrichtenunternehmen, das Cosmopolitan-Filmstudio sowie einen der ersten Fernsehsender der USA umfasste.

 

Citizen Kane – ein Innovator der Praxis

Zwar war Hearst mit seinem Abschluss in Journalismus der Harvard University nicht ganz ahnungslos und mit einem Erbe von 7.5 Millionen Dollar als Startkapital auch nicht ganz mittellos. Seine Karriere mag dennoch beeindrucken, kam doch der Medienmogul, der für Orson Welles Film "Citizen Kane" (1941) unfreiwillig Pate gestanden hat, ganz ohne wissenschaftliche Begleitung aus. Statt auf die Erkenntnisse der Medienforschung zu warten, die es damals in dieser Form noch gar nicht gab, bewies sich Hearst als Innovator. Er baute sich ein Castle aus Versatzstücken historischer europäischer Bauten und versammelte dort Persönlichkeiten aus der Kulturszene, Wirtschaft und Politik, um sich über die technischen Entwicklungen und die gesellschaftspolitischen Fragen seiner Zeit auszutauschen. In diesem think tank wurden die Weichen gestellt für den ersten multimedialen Konzern Amerikas. Man mag zwar den eklektizistischen Bau des "Hearst Castle" ebenso befremdlich finden wie die Tatsache, dass Hearst als Erfinder der "Yellow Press" die Boulevardisierung in den Zeitungsmarkt eingebracht hat. Doch er hat damit, so Jarren, auch neue Leserkreise erschlossen und ein Cluster von informationstechnologischer Industrie und Medienbranche geschaffen, das sich noch heute in der Medienstruktur Amerikas erkennen lässt. Schliesslich bildeten diese Innovationen der Praxis auch einen Teil des Antriebs, der die Kommunikationswissenschaft und Medienforschung hervorgebracht hat.

Das für die Wissenschaft zunächst ernüchternde Fazit lautet also, dass die Medienpraxis früher ganz ohne sie ausgekommen ist. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwiefern die Medienentwicklung in den USA auch die Entstehung der Kommunikationswissenschaft in Europa vorangetrieben hat. 1903 gab es in Zürich zwar noch kein Institut – oder "Journalistisches Seminar", wie es zunächst hiess –, doch es wurde bereits eine erste kommunikationswissenschaftliche Habilitation geschrieben, nämlich von Oskar Wettstein, dem damaligen Chefredaktor der "Zürcher Post". Die Institutionalisierung des Forschungsbereichs blieb in Zürich jedoch ein schwieriger Prozess. Erst in den 60er und 70er Jahren erlebte das Institut einen entscheidenden Ausbau, zunächst mit Christian Padrutt, dann mit Ulrich Saxer. Heute ist in der Schweiz geradezu ein Boom der Medienwissenschaft zu beobachten mit Standorten in Lugano, St. Gallen, Basel, Bern, Fribourg und Luzern. Hinzu kommen die zahlreichen Fachhochschulen, die praxisbezogene Studiengänge anbieten. Doch die Frage bleibt: Ist in der wissenschaftlichen Forschung ein Austauschprozessen mit der Medienpraxis zu beobachten, wie das von Hearst forcierte Cluster die Medienlandschaft in den USA geprägt hat, und welche Innovationskraft geht heute von der Kommunikationswissenschaft für die Praxis aus?

 

Nutzwert der Forschung

Heinz Bonfadelli sieht eine anhaltende Nachfrage der kommunikationswissenschaftlichen Forschung, nicht zuletzt für das BAKOM. Bereits als Assistent bei Professor Ulrich Saxer hat er in den 80er Jahren die Einführung der Lokalradios wissenschaftlich begleitet und 25 Jahre später eine weitere Studie zur Qualität der Programme durchgeführt. Die Erwartung sei jetzt, so Bonfadelli, dass die Befunde nun auch von der Regulierungsbehörde zur Kenntnis genommen werden, um eine Optimierung der Kommunikationspraxis anzustreben. Matthias Ramsauer betonte denn auch den Nutzen der Wissenschaft für das BAKOM, das immerhin rund eine Million Franken pro Jahr für die Forschung ausgibt. Auch verwies er auf die zahlreichen aktuellen Ausschreibungen, um die Qualität und Vielfalt der elektronischen Medien zu erfassen. Denn nach Abschluss des laufenden Konzessionierungsverfahrens will das BAKOM eine umfassende Programmanalyse in Auftrag geben, um die Qualitätssicherung auszubauen.

Diese Ankündigung quittierte Ingrid Deltenre mit Zurückhaltung, räumte aber ein, ebenfalls schon verschiedentlich von wissenschaftlichen Erkenntnissen profitiert zu haben, so etwa im Vorfeld der Revision des Radio- und Fernsehgesetzes. Damals habe man unter anderem die Funktion der Online-Medien untersucht und aus den Ergebnissen Handlungsanweisungen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen abgeleitet. "Ich war froh um diese Untersuchung, weil sie beim Regulator und bei anderen Entscheidungsträgern einige Aha-Effekte ausgelöst haben dürfte." Und aktuell steht bei der SRG eine Integrationswoche an, die ebenfalls auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. So wurden vom IPMZ und von der INFRAS Studien durchgeführt, um das Mediennutzungsverhalten von Menschen mit Migrationshintergrund zu erforschen. Diese Studien hätten dem Schweizer Fernsehen einen kritischen Spiegel vorgehalten und die Selbstreflexion verbessert, so Deltenre. Als dankbare Abnehmerin von Forschungserkenntnissen des IPMZ zeigte sich Deltenre auch in Fragen der Medienwirkungsforschung, etwa im Zusammenhang mit dem Kinderprogramm oder mit Gewaltdarstellungen in fiktionalen Programmen. Zwar gab sich Deltenre mit den Qualitätssicherungsinstrumenten des Schweizer Fernsehens zufrieden, doch sofern die Forschung auch "eine gewisse Wahrheit der Praxis" akzeptieren würde, komme es zu fruchtbaren Ergebnissen, die auch für die Praxis relevant seien.

Markus Spillmann zeigte sich ebenfalls an der Qualitätsdiskussion interessiert, gestand aber eine gewisse Berührungsangst zur Wissenschaft ein. "Journalismus ist keine exakte Wissenschaft, Journalismus hat sehr viel mit Emotionalität zu tun, mit Handwerk, mit Tagesform, mit Märkten und Produktgestaltung." Es stelle sich daher die Frage, wer eigentlich die Qualität im Journalismus definiert. "Wir sind ja nicht eine ISO-zertifizierte Schraubenfabrik. Wir sind eine politisch positionierte Branche und haben auch eine gesellschaftliche Aufgabe." Die kritische Auseinandersetzung über Qualität sollte daher nicht zur Einbahnstrasse werden, sondern ein konstruktiver Dialog sein. Gabriele Siegert erklärt sich die Schwellenangst der Praxis mit der kritischen Haltung, die von der Wissenschaft erwartet wird. "Kritik ist mit Sicherheit ein grosser Teil der Wissenschaft, aber sie ist nicht alles, was Wissenschaft ausmacht." Ein anderer Teil sei die Systematisierung von Phänomenen, die Erklärung von kausalen Zusammenhängen sowie das Aufzeigen, dass Prozesse manchmal komplexer sind, als gemeinhin angenommen. Doch beim Wissenstransfer würde die Praxis die Wissenschaft oft auf die Position des Kritikers reduzieren und Medienschelte befürchten. Gegenseitiger Respekt und Offenheit gegenüber den unterschiedlichen Perspektiven sieht Josefa Haas denn auch als Voraussetzung für einen gewinnbringenden Dialog. In Kursen und Seminaren des Medieninstituts könnten Praktiker ihre Ameisenperspektive einmal aufgeben und sich vom Alltagsgeschäft der operativen Abläufe und ökonomischen Zwänge distanzieren. Dabei würde die Astronautenperspektive den Blick frei geben auf die übergeordneten Strukturen und die langfristigen Entwicklungen.

 

Kritikscheu der Macht

Nach Einschätzung von Kurt Imhof sei kein Gewerbe kritikscheuer als die Medien: "Ausgerechnet der Teilbereich der Gesellschaft, der am stärksten kritisiert, ist ausgesprochen kritikscheu." Im Gegensatz dazu hätten betriebswirtschaftlich ausgerichtete Wissenschaften keine Probleme, Unternehmen zu beraten. Und auch das Bildungssystem werde einer permanenten Evaluation unterzogen. Doch in der Auseinandersetzung mit dem Mediensystem bleibe nur "ein therapeutisches Vorgehen", so Imhof. "Ich habe noch nie, in keinem anderen sozialen Feld erlebt, wie die Keule der Praxis das Denken sofort abstellt." Die Gründe sieht Imhof zum einen darin, dass sich die Medien, insbesondere die Parteimedien, früher gegenseitig kritisiert hätten. Zum anderen habe das Prinzip der freien Rede und das aufklärerische Verständnis der Medien als Hersteller von Öffentlichkeit eine gewisse Immunität gegenüber Kritik zur Folge. "Heute stellen wir fest, dass die Binnenkritik innerhalb der Medien gegen Null tendiert und dass hier der Wissenschaft eine fundamentale Bedeutung von der Gesellschaft her zuwachsen muss", folgert Imhof. Denn während die Medienkritik degeneriere, würden Rudeljournalismus, Skandalisierungseffekte, Softnachrichten und journalistische Fehlleistungen zunehmen – auch bei Qualitätsmedien, die sich laut Imhof an die Gratismedien angleichen. Und weil die Medien keine Selbstkritik mehr leisten würden, sei es nun die Aufgabe der Wissenschaft, hier kritisch-reflexives Wissen einzuspeisen.

Nach der Erfahrung von Roger de Weck, ehemaliger Chef von zwei Zeitungen, gäbe es vier Berufsgruppen, die besonders empfindlich seien auf Kritik: die Lehrer, die Ärzte, die Richter und am empfindlichsten die Journalisten. Gemeinsam sei ihnen die Machtposition und eine relativ unhinterfragte gesellschaftliche Stellung. De Weck glaubt daher, dass die Kritikfähigkeit in einem Wechselspiel mit dem Machtbewusstsein steht.

Markus Spillmann bestätigte zwar die Kritikscheu der Medien, verteidigte aber auch ihr Selbstbewusstsein. Denn gerade in der Demokratie sei diese Schutzwirkung wichtig, damit die Medien nicht noch stärker instrumentalisierbar würden, als sie es ohnehin schon seien. Spillmann räumte aber ein, dass der Markt heute viel wichtiger sei als noch vor 15, 20 Jahren. Gerade in diesem Spannungsfeld von Rentabilitätskriterien und Konkurrenz sei es wichtig, dass die Wissenschaft den Medien immer wieder einen kritischen Spiegel vorhalte. Andererseits müsse die Wissenschaft auch auf die Umsetzbarkeit ihrer Empfehlungen achten, indem sie die veränderten Arbeits- und Marktbedingungen der Medien anerkennt.

Heinz Bonfadelli sah die Situation entspannter und betrachtete sowohl die Kritikfähigkeit der Medien als auch den Nutzwert der Wissenschaft als gegeben. Dabei versäumte er die Gelegenheit nicht, auf einige Expertisen hinzuweisen, die unlängst von der Medienpraxis beim IPMZ nachgefragt wurden, angefangen von einer Blattkritik der "NZZ am Sonntag" bis hin zu einer Inhaltsanalyse des Lokalteils der NZZ im Vergleich zur Konkurrenz beim "Tages-Anzeiger". Mehr Offenheit würde sich Bonfadelli allerdings beim Nationalfonds wünschen, der sich gegenüber der publizistikwissenschaftlichen Grundlagenforschung noch eher verschlossen zeige.

Auch Ingrid Deltenre liess den latenten Vorwurf nicht gelten, dass die Medien immer unkritischer und fast schon beratungsresistent werden, wie es Roger de Weck formulierte. Im Gegenteil gäbe es laut Deltenre kaum ein Medium, das so der Kritik ausgesetzt sei, wie der öffentlich-rechtliche Radio- und Fernsehveranstalter. Zudem gäbe es kaum ein Medium, das derart gut beobachtet wird: "Wir haben den Publikumsrat, wir haben die Unabhängige Beschwerdekommission, wir haben den Ombudsmann und viele andere Stellen, die mit der Aufsicht unserer Programmqualität beauftragt sind." Hinzu kommen nach Schätzung von Deltenre jeden Monat rund 20'000 E-Mails aus dem Publikum. "Wir sind also gewohnt, mit Kritik konfrontiert zu werden, und wir nehmen diese auch durchaus ernst." Doch selbst hin und wieder "Opfer der Berichterstattung" kann Deltenre auch nachvollziehen, wenn manchmal eine mangelnde Kritikfähigkeit der Medien konstatiert wird. Tatsächlich sei die Medienbranche eine spezielle Branche und journalistische Fehlleistungen hätten kaum je Konsequenzen. Medienkritik in den Zeitungen sei daher wichtig, so Deltenre, nur gäbe es ausser der NZZ und der Mittellandzeitung keine spezialisierte Redaktion mehr.

 

Qualität unter Kommerzialisierungsdruck

Josefa Haas, selbst einstige Medienjournalistin, betonte ebenfalls den zentralen Stellenwert der Medienkritik. Diese müsse konsistent argumentieren und ihre Behauptungen auch mit Fakten empirisch belegen können. Zudem sei man im Medienjournalismus sehr exponiert und herausgefordert, auch mit Kollegen und potenziellen Arbeitgebern einen kritischen Diskurs zu führen. Medienjournalisten müssten daher besonders gepflegt und gefördert werden. "Sie brauchen Arbeitsbedingungen, die den Ansprüchen ihrer Arbeit genügen, und vor allem die Rückendeckung der Chefs", so Josefa Haas. Tatsächlich sind die Bedingungen der Medienkritik schwierig, wie Gabriele Siegert bestätigte. Denn Medien, die einander kritisieren, stehen immer bereits in einer bestimmten Beziehung zueinander. Entweder sie sind im gleichen Haus verbandelt oder sie sind Konkurrenten. Eine Beobachtung von aussen kann es innerhalb der Medien daher nicht geben. Zudem gäbe es unter dem Kommerzialisierungsdruck tendenziell mehr Eigenwerbung und weniger Medienkritik.

Das Problem beginnt jedoch laut Markus Ramsauer nicht erst mit der Medienkritik, sondern schon bei der Bereitschaft, über Qualität zu sprechen. So seien die Gespräche über die Qualitätssicherung mit der SRG und mit den lokalen Radio- und Fernsehveranstaltern sehr anstrengend verlaufen. Dabei hätte das BAKOM in Zusammenarbeit mit Vinzenz Wyss pragmatische und ökonomisch sinnvolle Lösungen erarbeitet, wie Qualitätssicherungssysteme institutionalisiert werden könnten. Doch wie sich gezeigt habe, seien Redaktionsstatute, Leitbilder und Feedback-Sitzungen nicht üblich in der Radio- und Fernsehbranche. Wie Roger de Weck einwarf, sei aber auch verständlich, wenn die Medienschaffenden eine gewisse Scheu zeigten, sich mit einer staatlichen Behörde über die Qualität ihrer Leistungen zu unterhalten. Doch Ramsauer konkretisierte: "Wir reden nicht über den Output, wir reden über die Input-Faktoren." Der Regulator könne natürlich nicht hoheitlich sagen, was Qualität sei, da gälte die Programmautonomie. Doch es werde von der SRG erwartet, dass sie sich selbst Qualitätsstandards vorgibt und diese auch selbst überprüft. Diese Innensicht soll daraufhin der Aussensicht einer wissenschaftlichen Begleitforschung gegenüber gestellt werden. Wesentlich sei der Diskurs, der daraus entstehen soll. Denn auch die Wissenschaft könne nicht abschliessend sagen, was gut oder schlecht sei. Vielmehr gehe es darum, einen Diskurs über Qualität zu institutionalisieren.

Dem pflichtete Imhof bei und redete von einer "lernenden Partnerschaft", die selbstreflexiv sei. Allerdings betreffe die Qualitätsdiskussion nicht nur das Leitmedium Fernsehen, sondern auch das Leitmedium Presse. Denn die Qualitätszeitungen – laut Imhof die "Zentralorgane der politischen Öffentlichkeit" – seien allesamt in einer schwierigen finanziellen Lage. Deshalb sei es angebracht, aus einer gesellschaftlichen Perspektive über Finanzierungsmodelle nachzudenken, um diese Zentralorgane der politischen Öffentlichkeit zu erhalten. Früher seien die Leitmedien Gesinnungsmedien gewesen und es ging nicht um Profit, sondern darum, den Staatsbürger zu überzeugen. Heute sei die Werbung die Finanzierungsgrundlage der Presse – und je nach Konjunkturlage äusserst volatil. "Ausgerechnet in Krisenperioden, wenn die Gesellschaft den höchsten Kommunikationsbedarf hat, kippt die Werbewirtschaft weg und wird das Medienwesen defizitär", konstatiert Imhof. "Das ist kein funktionierendes Modell für die Aufrechterhaltung des wichtigsten Gutes der Demokratie", so Imhof weiter.

"Tatsächlich kann die Medienwissenschaft sehr schön nachweisen, dass die meisten Medienmärkte versagen und nicht so funktionieren, wie eigentlich vom Markt erwartet", ergänzte Gabriele Siegert. Allerdings würde sie auch feststellen, dass sich in Nischenbereichen qualitätsorientierte Angebote erhalten können. Für Siegert geht es daher zunächst um die Frage, welche markteigenen Möglichkeiten auszumachen sind, bevor andere Finanzierungsmodelle erwogen werden. Beispielsweise stelle sich die Frage, wie Finanzierungslücken geschlossen werden können, wenn die Werbewirtschaft von den klassischen Medien weg ins Internet oder in den Mobilfunk abwandert.

Das Online-Geschäft sei allerdings noch nicht rentabel, wie Markus Spillmann am Beispiel von NZZ Online erläuterte. Zwar gehöre der Online-Auftritt der NZZ zu den führenden Internetplattformen im Land und die Werbeerträge zeigten zweistellige Wachstumsraten. Doch auch in absehbarer Zukunft bleibe NZZ Online defizitär. Dennoch würde er weiterhin in diesen Kanal investieren, denn Spillmann gab sich vom Nutzwert von NZZ Online überzeugt. Man müsse eben Geschäftsmodelle entwickeln, um diesen Wert für die Nutzerinnen und Nutzer refinanzieren zu können. Eine Rolle spiele dabei auch die veränderte Wahrnehmung der Leute, die heute weniger bereit seien, für Information zu bezahlen. Das seien ökonomische Realitäten, die nicht ausgeklammert werden können. Abstriche bei der Qualität kämen aber nicht in Frage, denn diese sei ein zentrales Überlebenskriterium des Unternehmens. Andernfalls würde die NZZ am Markt vorbei produzieren, wobei er den Markt hier nicht kapitalistisch verstehe, sondern als Publikumsmarkt derjenigen, die Information von der Qualität der NZZ nachfragen.

 

Rosebud – oder worauf es wirklich ankommt

Gabriele Siegert warf ein, dass die Bevölkerung kaum ein Bewusstsein dafür ausgebildet habe, wie aufwändig und kostspielig gute Information sei. Deshalb habe sie auch keine Zahlungsbereitschaft dafür entwickelt, vermutete Siegert und teilte die kritische Einschätzung von Kurt Imhof: "Wir investieren X Beträge in vergoldete Handys. Aber in das, was elementar ist für die Gesellschaft, sind wir nicht bereit zu investieren." Doch Heinz Bonfadelli wandte ein, dass Märkte nicht einfach naturwüchsig gegeben seien. Es sei eine Eigenschaft des Gutes Information, dass die Qualität von Information nicht so einfach beurteilt werden könne. "Entsprechend bedarf es auch einer Erziehung auf Seiten der Nutzer", so Bonfadelli. Und dabei müssten die Medien ihre Stärken auch aktiv vermarkten. Bonfadelli verwies auf das Projekt "Zeitung in der Schule" in Deutschland, das erst mit zehn Jahren Verspätung vom Schweizer Presseverband aufgegriffen wurde. "Ihr seid Schlafmützen gewesen", wetterte Bonfadelli. Und Kurt Imhof legte nach: "Die Qualität, die vorgegeben wird, ist auch die Qualität, die sozialisiert." Gratiszeitungen hält Imhof daher für "suizidal". "Wenn wir die Jugend jetzt mit Gratiszeitungen hochziehen und auf dieses Agenturkurzfutter sozialisieren, dann ziehen wir sie nachher nicht mehr auf die Qualitätszeitungen hoch." Dies sei verheerend im Hinblick auf eine Öffentlichkeit, in der ein politisch-publizistischer Konflikt spielen sollte, so dass sich die Bürgerinnen und Bürger auch als die Legislatoren der Gesetze empfinden können, denen sie sich letztlich unterziehen.

Markus Spillmann wehrte sich gegen diesen Kulturpessimismus ebenso wie gegen eine Verklärung der NZZ in den guten alten Zeiten. "Heute haben wir 40 Auslandkorrespondenten. Vor 20 Jahren waren es vielleicht 15. Hier haben wir also kontinuierlich unser Leistungsangebot ausgebaut." Spillmann gab sich überzeugt, "dass die NZZ heute gewisse Dinge besser im Griff hat als je zuvor – und andere vielleicht weniger, weil die Zeit dafür fehlt oder die Prioritäten anders gesetzt werden". Auch Josefa Haas hält es für falsch, die Medienentwicklung aus einer "larmoyant-defensiven Skandalisierungsecke" zu betrachten. Verglichen mit den Medienschaffenden und Politikern der 50er und 60er Jahre seien heute alle Ministranten. Zudem sei die Gesellschaft "ein lernendes Wesen" und im Begriff, sich neu zu orientieren. Beispielsweise sei die Digitalisierung zunächst einmal eine grosse Errungenschaft: "Man kommt heute von jedem Winkel der Welt auf die Website der NZZ und des Schweizer Fernsehens. Wir haben einen wahnsinnigen Zugewinn von Zugänglichkeit zu Information in hoher Qualität", so Josefa Haas. Zum anderen habe mit dem Internet und den Gratiszeitungen ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der ökonomischer Natur sei. Dieser sei aber nicht a priori negativ, beispielsweise müsse sich der "Tages-Anzeiger" in Konkurrenz mit den Gratiszeitungen wieder mehr anstrengen und Zusatzleistungen erbringen, statt nur die vorgegebene Agenda mit Kurzmeldungen abzubilden. "Auf jede Bewegung gibt es eine Gegenbewegung, und es ist spannend, wie sich die Gesellschaft ausdifferenzieren wird. Medienschelte hin oder her: Letztlich hat jede Gesellschaft die Medien, die sie verdient."

Im Hinblick auf die weitere Entwicklung warf Roger de Weck ein, dass die Wissenschaft ja nicht nur aus der Forschung, sondern auch aus der Lehre besteht. Dabei sei auffällig, wie die Aus- und Weiterbildung von Medienschaffenden in der Schweiz vernachlässigt werde. Die Gründe sieht Kurt Imhof in den Sparmassnahmen der Medienunternehmen. Statt den Nachwuchs intern zu fördern, werde die Ausbildung ausgelagert auf die vom Steuerzahler subventionierte Ausbildungsbranche der Fachhochschulen. Von einer Verknüpfung der Wissenschaft mit einer medienpraktischen Ausbildung hält Imhof aber wenig: "Je stärker die Publizistikwissenschaft mit der Ausbildung verknüpft ist, desto weniger kritisch ist sie, weil zu praxisbezogen."

Ausgezeichnete Arbeit wird demgegenüber beim Schweizer Fernsehen geleistet. Laut Deltenre besucht jeder Mitarbeiter pro Jahr durchschnittlich fünf Weiterbildungstage. Hinzu kommen 70 Praktikumsplätze, 13 Stagaires und eine vielfältige Weiterbildung on the job. "Wir werden auch in Deutschland beneidet, für das Angebot, das wir hier haben", so Deltenre. Und Bonfadelli bestätigte die positive Einschätzung der Fernsehdirektorin: "Wir haben für das BAKOM eine aktuelle Befragung unter den Medienschaffenden gemacht. Und leider ist es so, dass der private Rundfunk schlecht bezahlte Anfänger beschäftigt und relativ wenig oder kaum Mittel für Weiterbildung zur Verfügung stellt." Hier sei es Aufgabe des BAKOM, Minimalstandards vorzugeben. Und wie Ramsauer auch versprach, werde die Regulierungsbehörde gleich in zweifacher Hinsicht Abhilfe schaffen: Zum einen werde das BAKOM mit 800'000 Franken pro Jahr in Ausbildungsinstitute investieren. Zum anderen verlangten die Ausschreibungskriterien für die Konzession jetzt neu ein Aus- und Weiterbildungskonzept. Ein Selektionskriterium sei zudem der Budget-Betrag, den die Radio- und Fernsehveranstalter für Aus- und Weiterbildung vorsehen. Schliesslich sollen die bei der Ausschreibung gemachten Versprechen Teil der Konzession werden.

Die abschliessend formulierten Wünsche der Praxis an die Wissenschaft nahmen sich erwartungsgemäss pragmatisch aus: Matthias Ramsauer wünscht sich weiterhin eine an aktuellen Fragestellungen orientierte Forschung, die zum Diskurs über Qualität in den Medien einen wesentlichen Beitrag leistet. Für Ingrid Deltenre ist zudem wichtig, dass sich die Forschung nicht nur an den hehren wissenschaftlichen Fragen versucht, sondern sich vermehrt auch der Trivialkultur zuwendet. Allerdings sei nach Josefa Haas wichtig, dass die Wissenschaft nicht nur Auftragsforschung betreibe und vorurteilsfrei bleibe. Denn die Wissenschaft habe die gleiche Herausforderung wie die Medienpraxis, nämlich "die Glaubwürdigkeit zu pflegen und aufrecht zu erhalten". Dem pflichtete Markus Spillmann bei und richtete seine Wünsche an die Praxis: "Entscheidend ist schlussendlich die in der Redaktion gelebte Kultur." Denn ein Medium ist nicht nur ein käufliches Produkt, wie Roger de Weck schloss, sondern auch ein gedankliches Projekt.

 

Die Podiumsdiskussion fand statt am 03. März 2008 am IPMZ – Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung anlässlich der 175-Jahr-Feier der Universität Zürich unter dem Titel: "Stoff für die Informationsgesellschaft – Was leistet die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft für die Gesellschaft?" Die Veranstaltung wurde unterstützt von der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).

 

Links:

Bundesamt für Kommunikation (BAKOM):
http://www.bakom.ch 

fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft:
http://www.foeg.uzh.ch 

INFRAS – Forschung und Beratung:
http://www.infras.ch 

IPMZ – Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich:
http://www.ipmz.uzh.ch 

IPMZ transfer – Wissenstransfer und angewandte Medienforschung:
http://www.ipmz.uzh.ch/home.html?/forschung/ipmz_transfer.html

IPMZ – Geschichte des Instituts:
http://www.ipmz.unizh.ch/institut/home.html?/institut/100_jahre/1933-1942_1.html 

Jubiläum 175 Jahre Universität Zürich:
http://www.175jahre.uzh.ch/index.html

Medieninstitut – Verband Schweizer Presse:
http://www.medieninstitut.ch 

Neue Zürcher Zeitung (NZZ):
http://www.nzz.ch 

Schweizer Fernsehen (SF):
http://www.sf.tv 

Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG):
http://www.srg-ssr.ch

 

Quellen:

Wikipedia zu William Randolph Hearst:
http://de.wikipedia.org/wiki/William_Randolph_Hearst 

Wikipedia zu "Citizen Kane" von Orson Welles (1941):
http://de.wikipedia.org/wiki/Citizen_Kane

 

Weiterführende Quellen:

BAKOM – Bundesamt für Kommunikation (2006): Online-Medien zwischen Service public und Geschäft. Die demokratiepolitische Leistungsfähigkeit von Online-Medien als Resultat ordnungspolitischer Institutionalisierung. Ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Josef Trappel und Caroline Uhrmann, IPMZ – Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich mit Unterstützung des BAKOM. Zürich, 30. Oktober 2006: http://www.ipmz.uzh.ch/service/dok_down/transfer/IPMZ_Online-Medien.pdf 

Bonfadelli, Heinz (2005): 22 Jahre Lokalradios in der Schweiz. Ein Rückblick. In: Künzler, Matthias (Hrsg.): Das schweizerische Mediensystem im Wandel. Bern, Stuttgart, Wien, S. 101–116.

Bonfadelli, Heinz/ Marr, Mirko (2007): Journalistinnen und Journalisten im privaten Rundfunk der Schweiz. Ergebnisse einer Online-Befragung im Auftrag des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM). Bericht des IPMZ – Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, 16. Februar 2007.

Bonfadelli, Heinz/ Moser, Heinz (Hrsg.) (2007): Medien und Migration: Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden.

INFRAS (2007) Integration durch TV? Fernsehnutzung durch Ausländerinnen und Ausländer in der Deutschschweiz. Unterstützt vom Bundesamt für Kommunikation (BAKOM), der Eidgenössischen Ausländerkommission (EKA) und dem Schweizer Fernsehen (SF). Zürich, 31. Oktober 2007: http://www.srg-ssr.ch/fileadmin/pdfs/INFRAS-Schlussbericht_TV-Nutzung-Ausl_nder-071031_01.pdf 

Koch, Carmen/ Trütsch, Martina/ Zerboni, Maura (2006): Zeitungen und junge Leser. Lizentiatsarbeit, eingereicht am IPMZ – Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Academic Transfer: http://www.academic-transfer.de/shop/studien/0253.php 

Wyss, Vinzenz (2007): Qualitative Analyse der Strukturen zur redaktionellen Qualitätssicherung im privaten Rundfunk in der Schweiz 2006. Forschungsbericht im Auftrag des BAKOM. Winterthur, 19. Februar 2007.


 
 

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