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11.07.02
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Von: Arnold, Judith

"Un Ange passe"
Die Kirchen an der Expo 02

Wenn es plötzlich still wird und niemand mehr spricht, sagen die Romands "Un ange passe". Die sieben Räume des Glaubens, womit die Kirchen an der Expo 02 das Thema "Augenblick und Ewigkeit" der Arteplage Murten aufnehmen, wollen solche Momente des Innehaltens schaffen.

Von Judith Arnold

Murten. Oben die Stadtmauer, die Wehrgänge, die Türme und unten der See. Die Expo 02 ist eingebettet im historischen Mauerwerk und im Naturschauspiel der Umgebung. Fast unwillkürlich lenken die Schritte zu den einzelnen Exponaten, die sich teils markant, teils unauffällig als Baustelle präsentieren. Die Besucher changieren zwischen den örtlichen Gegebenheiten und den inszenierten Attraktivitäten. Grösste Anziehungskraft hat aber nach wie vor der See - und im See der Monolith (Jean Nouvel), der im Begriff ist, zum Sinnbild für die Schweizerische Landesausstellung 2002 schlechthin zu werden.

Die sieben Himmel

Entlang des Ufers und im Dialog mit dem Monolithen finden sich in regelmässigen Abständen versetzt die sieben Räume des Glaubens. Gewölbt und mit rostigen Eisenplatten verkleidet bilden sie schützende Hüllen für einen Moment der Besinnung. Nebst Einkehr sorgen Durchbrüche durch Wände, Decken und Böden, dass die Aussenwelt ins Innere dringt. In Achsen längs, quer, senkrecht und in der Vierung schaffen sie immer wieder neue Zugänge und Ausblicke des Glaubens: Wunder, Jenseits, Gute Nachricht, Wort, Segen und Schöpfung bilden die Ausgangsfragen für die künstlerischen Reflexionen. Den teils subtil in die Räume integrierten, teils schrill dazu kontrastierten Werken gelingt es in unterschiedlicher Intensität und Tiefe, Erfahrungen über den Weg der Sinne zu lenken.

Vor dem Jenseits

Die überzeugendste und zugleich anspruchsvollste Umsetzung ist wohl Anish Kapoor (England) mit seiner Reflexion über den Tod gelungen. Ein gewölbter Spiegel an der Wand stellt alles auf den Kopf. Bei allmählicher Näherung tritt das eigene Konterfei in der Verzerrung entgegen. Ist die Position in der Mitte erreicht, füllt das Spiegelbild die Fläche zur Unkenntlichkeit aus. Selbstwahrnehmung und Transformation sind unvermeidlich, bevor der Blick durch sich selbst hindurchfällt.

Erosion der Sprache

Ebenfalls reüssiert hat Anton Egloff (Schweiz) mit seiner Auseinandersetzung mit dem Wort, das am Anfang war. Aus Eisenplatten gestanzte Klammern, Punkte und Gedankenstriche sind die sprachlichen Überreste einer zunehmend von Bildern geprägten Welt. Nur vier Worte zu Stapeln aufgetürmt und montiert weisen aus dem nach allen vier Seiten offenen Raum: 'Licht', 'Welt', 'Salz', 'Erde' sind die Elemente, die noch bleiben, wenn die Sprache dereinst abgetragen sein wird.

"Une feuille légère portée par son souffle"

Die Gute Nachricht besagt, dass Gott existiert, bevor wir sind. Jedem Menschen geht somit ein Gedanke voraus. "Wer bist du für Gott?", fragen Ernst Hiestand & Partner (Schweiz) und Paul Bason (England) mit ihrer Videoinstallation. An die Wand projizierte Schriftbänder geben das Spektrum möglicher Aussagen wieder. Über einen Terminal können von Besuchern eigene Gedanken hinzugefügt werden: "Pour Dieu je suis moi", "He knows it", "Wohl nur Nummer 031961 in dieser verrückten Welt". Die Stärke des Konzepts besteht in der Unmöglichkeit, sich der Frage zu entziehen, selbst wenn die Antwort diffus, in Varianten oder in der Verneinung bestehen sollte. "Je me suis reconvertie dans cette philosophie pour, justement, ne plus être l'objet d'un Dieu."

Falls tatsächlich ein Engel entlang des Ufers am Murtensee gestreift ist, so hat er nicht in allen sieben Räumen gleich lang verweilt. Totemmasken, Votivbilder, Facts-Schlagzeilen und Ufo-Romane - das Sammelsurium von Gegenständen rund um das Thema Religion und Übersinnlichkeit, welche die Künstlerin Susanne Walder (Schweiz) aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zusammengetragen hat, transportiert wenig mehr als das schillernde Spektrum alltäglicher Wahrnehmung. Ebenfalls mehr über den Verstand als über die Sinne zu begreifen ist die Installation mit sieben holzgeschnitzten, gelb lackierten und schreienden Eseln von Bob Wilson (USA), die das Seufzen der Welt in der Schöpfung zeigen sollen. Gesamthaft gesehen bleibt aber der Eindruck, dass es über die Kunst möglich ist, Fragen der Transzendenz zu begegnen. Auch glaubensferne Besucherinnen und Besucher an der Expo 02 dürften in den sieben Räumen des Glaubens einen Augenblick innehalten.



Idee: Gabriel de Montmollin

Konzept: Gabriel de Montmollin, Georg Schubert

Projektleitung: Georg Schubert, Katja Müller

Architektur: Entwurf: Jean Nouvel, Realisation: Kury Stähelin architectes, Erwin Gerber SA, Mascom SA, NSESG, Wasser Malerei GmbH

Künstlerische Projekte: "Mystère - Wunder" von Bob Wilson (USA), "Au-delà - Jenseits" von Anish Kapoor (England), "Gute Nachricht - Bonne Nouvelle" von Ernst Hiestand & Partner (Schweiz) und Paul Bason (England), "Wort - Parole" von Anton Egloff (Schweiz), "Segen - Bénédiction", von Roland Herzog (Schweiz), "Création - Schöpfung", von Bob Wilson (USA) in Zusammenarbeit mit der Schnitzmanufaktur Brienz

Begleitgruppe ESE.02: Daniel Alexander, Thérèse Meyer, Edmond Moret

Partner der Ausstellung: Verein ESE.02 (Eglises de Suisse à l'Expo 02): Armenisch-Apostolische Kirchengemeinde in der Deutschen Schweiz; Bund Evangelisch-Lutherischer Kirchen in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein (BELK); Christkatholische Kirche der Schweiz; Evangelisch-Methodistische Kirche; Fédération Romande des Eglises et Oevres Evangéliques (FREOE); Heilsarmee; Koptisch-Orthodoxe Kirche; Ökumenisches Patriarchat, Erzbistum Schweiz; Schweizer Bischofskonferenz (SBK); Schweizer Union der Freikirche der Siebenten-Tags Adventisten; Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK); Serbisch-Orthodoxe Kirche, Bischofsvikariat Schweiz; Syrisch-Orthodoxe Kirche in der Schweiz; Verband Evangelischer Freikirchen und Gemeinden in der Schweiz (VFG)

Informationen und Führungen: Büro "Un Ange passe", Meylandstrasse 19, 3280 Murten, Telefon: +41 (0)26 672 27 71, E-Mail: murten@ese-02.ch,  Internet: www.ese-02.ch 

Publikation: Im August erscheint das Buch zur Ausstellung: "Un Ange passe / 7 lieux spirituel / 7 Räume des Glaubens". Auskunft: Labor et Fides, 1, rue Beauregard, 1204 Genève, Telefon: +41 (0)22 311 32 69, Fax: +41 (0)22 781 30 51

Die Schweizerische Landesausstellung dauert vom 15. Mai bis 20. Oktober 2002. Tickets können in Reisebüros bestellt werden. Telefon: +41 (0)900 02 02 02, Internet: www.expo.02.ch 


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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