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16.02.04
00:00

Von: Schön, Gerti

Trendwende der US-Medien
Kritik an der Bush-Regierung häuft sich

Bill O'Reilly, Talkmaster bei Fox News, war ein glühender Verfechter der Bush-Regierung. Wer Rechtfertigung für den amerikanischen Kriegfeldzug gegen Saddam Hussein suchte, hielt sich an seinen Nachrichtensender. Als er nun vergangene Woche in einem Interview des Fernsehsenders ABC eingestand, die Lage des Irak-Krieges falsch eingeschätzt zu haben, bezeichnete dies eine Wende in der medialen Gunst des amerikanischen Präsidenten. Damit steht George W. Bush im Jahr des Wahlkampfs auf einem harten Prüfstand.

Von Gerti Schön

Der Tag, an dem Bill O'Reilly die dickste Kröte seiner Karriere schlucken musste, wird zweifellos in die Annalen der amerikanischen TV-Geschichte eingehen. O'Reilly galt mit seiner täglichen Talkshow auf dem Murdoch-Sender Fox News als einer der treuesten Anhänger der Bush-Administration unter den amerikanischen Medienleuten. Und als George W. Bush in den Krieg gegen Saddam Hussein zog, bekam er erwartungsgemäss jede Menge Applaus von seiner Seite. Im Zweifelsfall hat nun aber O’Reilly neben seiner Reputation als Regierungsgetreuer noch einen anderen Ruf zu verlieren: denjenigen des aufrechten Journalisten nämlich, der sich laut Eigenwerbung nicht scheut, den Grosskopferten auf die Finger zu schauen und die Sache des gemeinen Mannes zu verteidigen. Und als vor kurzem David Kay, seines Zeichens Ex-Waffeninspekteur der US-Regierung in Irak, feststellen musste, dass es keine Massenvernichtungswaffen mehr im Lande gebe, da fühlte sich auch O'Reilly zum Gang nach Canossa genötigt.

Vor laufenden Kameras entschuldigte er sich bei seinen Zuschauern dafür, dass er die Bush-Beteuerungen akzeptiert habe. Er gab zu, dass er "sehr viel kritischer" gegenüber der Regierung geworden sei und ermahnte die Amerikaner, dass sie über die Entwicklung ebenso besorgt sein müssten wie er. Sollten auch bis zu den Präsidentschaftswahlen in diesem November keine Massenvernichtungswaffen in Irak gefunden worden sein, müsse Bush um den Wahlsieg fürchten, prophezeite er. Allerdings fiel die öffentliche Selbstkasteiung, die O'Reilly vor einem Jahr versprochen hatte für den Fall, dass er sich irren sollte, dem abgebrühten Nachrichtenmann nicht leicht: "Was soll ich denn noch machen", klagte er. "Soll ich vielleicht die Kamera küssen?"

Dabei ist der Fox-Star nicht der einzige konservative Meinungsmacher, der allmählich vom Glauben an die Regierung abzufallen scheint. Auch andere prominente Kommentatoren äussern zunehmend Kritik - und nicht nur über den Verlauf der Ereignisse in Irak. Was etwa Joe Scarborough, früherer Kongressabgeordneter der Republikanischen Partei und heute konservativer Talkshow-Moderator auf dem Nachrichtensender MSNBC, am meisten stört, ist die Haushaltspolitik der Regierung. Bush hat eines der grössten Haushaltslöcher in der Geschichte des Landes zu verantworten und macht dennoch weiterhin grosszügige Versprechungen, wie etwa Steuern zu senken und die Raumfahrt zu fördern. "Als ich anfing, mich darüber kritisch zu äussern, bekam ich Anrufe von einigen Republikanern, die mich rüffelten, dass ich einen der unseren angreifen würde", sagte er in einem Interview mit der New York Times. "Zwei Monate später scheinen sich alle darüber aufzuregen". Robert Thompson, Kommunikationsprofessor an der Syracuse University, hält die Umkehr der konservativen Medien jedoch für einen eher "subtilen Trend". Auch Nachrichtenleute haben seiner Ansicht nach einen Ruf zu verlieren: "Sie denken eher in langfristigen Massstäben und wollen sich nicht auf einen einzigen Mann festlegen".

Laut einer Untersuchung der Fachzeitschrift "Editor & Publisher" wurden in einem Drittel von 27 Kolumnen konservativer Autoren in den letzten Wochen Zweifel an der Regierung geäussert. Darin ging es neben Problembereichen wie Irak und dem Haushaltsdefizit ausserdem um die von Bush promotete Politik, Billigjobs ins Ausland zu exportieren, oder um seine bisher demonstrierte Vorsicht, die demokratischen Kandidaten offensiver anzugreifen. Robert Novak, Chefredakteur der Chicago Sun-Times, findet es besonders Besorgnis erregend, dass der derzeitige demokratische Spitzenreiter John Kerry während des Vietnamkrieges Heldentaten leistete, während George Bush "in Alabama sass und Bier trank". Und der Republikaner und CNN-Kommentator Pat Buchanan wirft Bush gar vor, die Gründe für die Irak-Invasion "erfunden" zu haben.

Besonders schwach kam Bush bei den seinen weg, nachdem er dem TV-Sender NBC vergangene Woche ein einstündiges Interview gegeben hatte: "Der Präsident schien müde, unsicher und oft stümperhaft", schrieb die konservative Redenschreiberin Peggy Noonan. "Er wiederholte sich oft, und wenn er Dinge klarstellen wollte, machte er es nur noch schlimmer". Dabei hätte Bush nach Einschätzung von Robert Thompson das Debakel gut vermeiden können. Die Idee des Präsidenten, das Interview überhaupt anzufragen, um der Kritik an seiner Politik etwas entgegenzusetzen, sei kein schlauer Schachzug gewesen. "Interviews sind nicht seine Stärke", meinte Thompson. "Er weiss inzwischen, wie man eine Rede abliest, aber bei spontanen Aussagen, die sich nicht vorformulieren lassen, da ist er schwach".

 

Gerti Schön, Reporterin bei European Media, lebt und arbeitet in New York.


 
 

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