Trauer hat ihre Zeit
Vier Tage nach dem Massaker von Erfurt
Am Tag vier nach dem Massaker von Erfurt hat die Diskussion um die Rolle der Medien beim Thema Gewalt schon begonnen. Die Politik hat die Thematisierung in die Hand genommen, der Bundeskanzler lädt die Senderchefs zum Gespräch ein, erste Wahlkampfäusserungen im Zusammenhang mit dem 16-fachen Mord sind auch schon zu hören.
Von Bernd Merz
Es ist der Tag vier, und ich bin - Gott sei Dank - noch nicht so weit. Ich trauere noch und versuche zu begreifen, was da in Erfurt geschehen ist, eine Stadt, die bisher für mich ein Synonym für KiKa (den Kinderkanal), für die "Kinderfilm GmbH" und für den "Netcode" war, dem von den Kirchen initiierten Ethikcode für Kinderseiten im Internet. Meine Gedanken sind bei den Opfern, mein Mitgefühl bei den Menschen, die als Ehepartner, als Eltern, als Kinder, als Geschwister jetzt irgendwie begreifen müssen, dass da ein geliebter Mensch in diesem Leben nie wiederkehren wird. Und die sich fragen "warum?", die weinen, klagen, vielleicht auch stumm geworden sind. Auch dass das Ausmass der Tat so unvorstellbar ist, dass so unzählig viele in Erhurt jetzt trauern, macht es mir so schwer, gleich zur Ursachendiskussion überzugehen.
Die Trauer hat ihre Zeit, auch das gehört zu den Werten, die Christen als Grundlage dieser Gesellschaft verteidigen. Und es sind die sofort unter Generalverdacht genommenen Medien, die mir helfen zu trauern, die mir Bilder zeigen von betenden Schülerinnen und Schülern, von ihrer Suche nach Gemeinschaft, vom Verlangen nach menschlicher Zuwendung bei betroffenen Erfurtern. Es sind die Medien, die mir in Interviews einen jungen weinenden Lehrer zeigen, der seine Kollegen und Kolleginnen vermisst und unter Tränen sagt, dass er seinen Beruf liebt. Der im Fernsehen sichtbare Schmerz der Lehrer und Schüler, die leisen Töne, die zu hören sind, die Bilder vom Blumenmeer und den brennenden Kerzen - all das hilft mir, das Unfassbare begreifen zu lernen.
Wir leben in einer Mediengesellschaft, und die Macht und die Möglichkeiten der Medien sind sehr ambivalent. Zu kurz denkt, wer meint, mit dem Verbot von Gewaltfilmen sei es getan. Wer hier etwas ändern will, muss differenzierter denken, zumal Videospiele und das unkontrollierbare Internet jede einfache Lösung unterlaufen werden.
Gefragt werden muss aber nach der vielfältigen Gewalt im Fernsehen, gefragt werden muss wie effizient und wirklich unabhängig Jugendschutz-Kontrolleinrichtungen sind bzw. in Zukunft sein werden. Gefragt werden muss dabei auch besonders die Politik, die die Verantwortung unabhängiger Vertreter aus den gesellschaftlichen Gruppen, darunter auch die Kirchen mit ihren Werten, wenig wichtig zu erachten scheint. Gefragt werden muss, wie junge Menschen eigentlich all die Kriegs- und Schreckensbilder dieser Welt verkraften können, die als Nachrichten in Sekundenschnelle von allen Orten dieses Globus ins Wohnzimmer drängen. Gefragt werden müssen auch die Verantwortlichen wie z.B. von "Radio Energie Sachsen", die unter der Überschrift "lebendig begraben" ein skurriles Gewinnspiel veranstalten wollten, bei welchem Jugendliche in einer Katakombe die Urängste vor Dunkelheit und beklemmender Situation erfahren sollten. Nur die Tragödie in Erfurt hat diese idiotische Idee gestoppt. Gefragt sind die Landesmedienanstalten, ob sie nicht solchen Sendern Einhalt gebieten müssen.
Die Entwicklung der Medien hat in der Tat unser Leben nachhaltig verändert - und nicht nur zum Guten. Es hat eine Enttabuisierung nicht nur der Gewalt, sondern auch vieler anderer Bereiche gegeben. Es reicht aber nicht, darüber zu jammern, stattdessen müssen Veränderungen angestrebt werden. Wir brauchen in Deutschland eine Debatte, nicht nur über Parteigrenzen hinweg, sondern in allen gesellschaftlichen Gruppen über das Thema Gewalt in unserer Gesellschaft. Eine Debatte auf hohem Niveau und mit Menschen, die differenzieren können - sie muss dringend geführt werden, und wer sie parteipolitisch missbrauchen will, gehört in die Ecke gestellt. Es muss eine Debatte sein, in der wir die falschen Wege unserer Gesellschaft und auch die Irrwege aus Profit und Quotengier schonungslos offen diskutieren, übrigens in meiner Sicht gemeinsam mit Jugendlichen und nicht über sie hinweg.
Alles hat seine Zeit, das Trauern hat seine Zeit, und das Diskutieren über die Ursachen dieser und anderer Tragödien muss seine Zeit haben...
Bernd Merz ist Pfarrer und Rundfunkbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD.
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