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22.09.00
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Von: Martig, Charles

Tiefsinniger Provokateur
Lars von Triers neuer Film "Dancer in the Dark"

Eine Frau in der Isolationshaft. Selma weiss, dass sie zum Tode verurteilt ist und leidet unter einem schrecklichen Dilemma. Entweder benutzt sie ihr schwer verdientes Geld für die Augenoperation ihres Sohnes oder sie bezahlt damit einen Anwalt, der das Berufungsverfahren einleitet. Es gibt keine Lösung für dieses Dilemma. Doch am meisten leidet Selma in ihrer Zelle unter der Abwesenheit von Geräuschen. Sie selbst ist fast erblindet und das einzige was ihr bleibt ist die Musik des Alltags, Geräusche und Rhythmen. Sie klammert sich am Gitter des Lüftungsschachtes fest und lauscht gierig nach Lebenszeichen von anderen Gefangenen. Leise beginnt sie zu singen. Das musikalische Leitmotiv des Films zerfällt in Einzelstücke, doch die Montage führt die Fragmente wieder zusammen. Beine, Körper, Kopf , Hände und Gegenstände gleiten aufeinander zu. Der musikalische Tanz der Bilder versucht die existentielle Not aufzufangen. Die isländische Sängerin Björk ist identisch mit Selma, mit ihrem Leiden, eine Tänzerin im Dunkel der Seele.

Von Charles Martig

Lars von Trier ist der tiefsinnige Provokateur, der sein Filmschaffen gegen den Strich immer auch als Dekonstruktion versteht. Er verknüpft in “Dancer in the Dark” eine Geschichte über die Todesstrafe einer Fabrikarbeiterin mit dem leichtfüssigen Genre des Musicals. Die Spannung zwischen den Szenen des Alltags und den Tanzszenen beruht auf einer seltsamen ästhetischen Irritation.

 

Ästhetische Irritationen

Wo im herkömmlichen Musical versucht wird, mit präzise definierten Kamerafahrten und -bewegungen den Rhythmus der Musik aufzunehmen, geht von Trier in die entgegengesetzte Richtung. Er hat einhundert feste Kameras verwendet und die Tanzszenen in der Fabrik in einem Durchlauf gefilmt – sozusagen als Aufzeichnung einer live performance. Erst in der Montage treten diese Einzelbilder zueinander in Beziehung und ergeben einen Gesamtablauf, der den Eindruck des choreographierten Zufälligen und Nicht-Perfekten hinterlässt. Die Qualität der Live-Aufzeichnung wird auf der Tonspur erneut gebrochen durch die Nachsynchronisation der Singstimmen.

Doch “Dancer in the Dark” geht über den Versuch eines Musicals weit hinaus. Der gestalterische Gegenpol sind die Alltagsszenen: das Leben der alleinerziehenden Mutter Selma (Björk Gudmundsdottir), die in einem Presswerk für Metallwannen arbeitet, ihr karges Leben im Wohnwagen und ihre Proben für ein Amateur-Musical mit Unterstützung ihrer Arbeitskollegin Kathy (Cathrine Deneuve). Diese Sequenzen sind konsequent im Stil der bewegten Handkamera gestaltet. Sie vermitteln eine Direktheit und Authentizität, die Kameramann Robby Müller bereits in “Breaking the Waves” (1986) umgesetzt hat. Im Gegensatz zu den Tanzszenen setzt von Trier in diesen Teilen des Films auf sozialen Realismus, auf die Eindringlichkeit der Bilder und die Ausweglosigkeit der Situation.


Sehnsucht nach Perfektion

In der grossen ästhetischen Spannung zwischen der nicht vollendeten Traumwelt des Musicals und der inszenierten Authentizität der Alltagswelt versetzt von Trier sein Publikum in einen Zustand der fortdauernden Irritation. Der Widerspruch in der Gestaltung schafft eindringliche Momente und geht gleichzeitig an die Grenze des Erträglichen. “Dancer in the Dark” spiegelt damit eine Konstellation, die Lars von Trier seit seinen Abschlussarbeiten an der dänischen Filmakademie beschäftigt. Seine Begabung für das cineastische Zauberspiel hat er bereits in “Befrielsebilleder” (Bilder der Befreiung, 1982), “The Element of Crime” (1984) oder in seiner Adaptation des Drehbuches von Carl Theodor Dreyer in “Medea” (1988) gezeigt. Hier paart sich eine schlafwandlerische Virtuosität mit grandiosem Einfallsreichtum. Nach dem internationalen Erfolg von “The Element of Crime” produzierte von Trier zusammen mit dem Drehbuchautor Niels Vorsel den low budget Film “Epidemic” (1987), der die grossen Erwartungen in das junge Talent schwer enttäuschte. In “Epidemic” zeigt sich bereits die anarchische Lust am Experiment, der Hochseilakt über dem Abgrund, das Spiel mit der Irritation. Die unvollkommene Form und die rauhen Oberflächen spiegeln den holprigen und kurvenreichen Schaffensprozess wider. Auch wenn der Film-im-Film mit der Geschichte des Doktors tatsächlich ein Klischee aus Klischees darstellt, so erscheint das vermeintlich Unfertige trotzdem sehr genau komponiert und kalkuliert, selbst die schockierenden splatter Effekte der ausbrechenden Pest am Schluss des Films. Von “Epidemic” gibt es eine direkte Verbindung zur Neuerfindung der Krankenhaus-Serie “Riget” (Geister 1994 und 1997) und zur Umsetzung des Manifests Dogma 95 in “Idioterne” (Die Idioten 1998). Tatsächlich ist das Filmschaffen Lars von Triers eine beständiger innerer Kampf zwischen dem Verlangen nach technischer Perfektion, die er in “Europa” (1991) realisierte, und einer Bewegung zurück zum cinéma vérité, das sich aller technischer Hilfsmittel und Tricks entledigt.


Opfer als Provokation

In “Breaking the Waves” hat von Trier eine erste Synthese erreicht, indem er die entfesselte Handkamera zum prägenden Stilmittel im Format der Breitleinwand machte. Die wunderbaren, in sich ruhenden Landschaften der Kapitelüberschriften stehen in einer optischen und emotionalen Spannung zu den Ereignissen der Handlung, die in hektischen Bewegungen und Bildsprüngen gestaltet sind. Aber nicht nur das formale Design beruht auf möglichst grossen Widersprüchen, sondern auch auf der Erzählebene kommt es zu aufregenden Kollisionen. In der Frauenfigur, die sich in einem schrecklichen Dilemma befindet und sich für die Rettung des Geliebten opfert, hat von Trier einen melodramatischen Prototyp wiederentdeckt. “Dancer in the Dark” erzählt die Geschichte von einer junge Fabrikarbeiterin, die durch eine Erbkrankheit ihr Augenlicht verliert. Sie arbeitet bis zum Umfallen für ihren Sohn Gene, dem sie eine Augenoperation ermöglichen möchte. Ihr unbeugsamer Wille zum Guten und ihre überschwengliche Liebe zum Musical führen sie in die Randzonen der menschlichen Existenz. Verstrickt in einen Mord gerät Selma in die staatliche Maschinerie der Todesstrafe. Auch Bess leidet in “Breaking the Waves” an ihrer zu grossen Güte und opfert sich in der Überzeugung, dass sie damit Jan das Leben retten kann. Wie Bess gibt sich auch Selma bedingungslos ihrer Aufgabe hin und geht ihren Weg konsequent bis zur Selbstaufopferung. Auf der narrativen Ebene liegt die Provokation von Triers in der Charakterzeichnung sowie in der irritierenden Faszination für die Opferung der Hauptfiguren. Der offene Bruch mit dem modernen Bild der selbstbewussten und selbstbestimmten Frau macht die beiden Filme zu einem äusserst ambivalenten Skandal.


Dreyer ruft – Björk singt

Der Däne Lars von Trier bezieht seine Inspiration aus den Werken von Carl Theodor Dreyer. Die unerhörte Verbindung von Übersinnlichkeit und Sinnlichkeit am Ende von “Ordet” (Das Wort 1954), wenn die tote Inge, durch ein Wunder wieder zum Leben erweckt, sich sofort mit ihrem Mann Michael in einem sinnlich-erotischen Kuss vereinigt, erinnert an die provokativen Grenzüberschreitungen und Konstellationen in den Filmen Lars von Triers: zwischen Genrethriller und Zeitgeschichte (“Europa”), zwischen melodramatischer Liebesgeschichte und Spiritualität (“Breaking the Waves”), zwischen Musical und Sozialkritik (“Dancer in the Dark”). Bei Dreyer gibt es stets das Zusammenspiel von “Naturalismus” und “Stil”. Trotz seines starken Stilwillens war Dreyer nicht bereit, auf den Einsatz psychologischer Mechanismen und bewegender Wirkungen zu verzichten. Das Hin- und Hergerissensein zwischen Emotionalität und Transzendenz, zwischen Diesseits und Jenseits macht sowohl die Filme von Dreyer als auch diejenigen seines Bewunderers Lars von Trier spannend. In der Widersprüchlichkeit und in der inneren Spannung liegt ihre Qualität.

Mit “Dancer in the Dark” tritt nun ein vollständig neuer Einfluss in das Filmschaffen von Triers. Die Filmmusik wurde von der isländischen Sängerin und Performerin Björk komponiert und interpretiert. Insofern ist das Musical das Ergebnis eines Zusammentreffens zwischen dem tiefsinnigen Provokateur von Trier hinter der Kamera und der waghalsigen Interpretin Björk vor der Kamera. Die Musik trägt entscheidend zum Charakter des Nicht-zu-Ende-Geführten, den rauhen Oberflächen bei. In einer Kollision der Gegensätze haben die beiden sowohl beeindruckende Kinomomente als auch abgrundtiefe Irritation geschaffen: Die Kraft der Stimme, die die Welt verändern kann, ist auch die Kraft der Verstörung.

Von Triers neuer Film „Dancer in the Dark“ mit seinem ausgesprochenen Irritationspotenzial dürfte das wichtigste Kinoereignis in diesem Herbst sein. Der Film kommt am 5. Oktober in die Schweizer Kinos.

Weitere Informationen zum Film finden Sie unter  http:// www.dancerinthedark.com


Dateien:
VonTrier_01.pdf
 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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