«Tatort» trifft Wirklichkeit
Fiktion unter Anklage
Erst rief eine «Tatort»-Folge den heftigen Widerspruch der Aleviten hervor. Dann wurde eine Folge, die im Türken-Milieu spielt, kurzerhand abgesetzt. Zwar müssen fiktionale Sendungen nicht wie Nachrichtenformate auf Fakten beruhen. Aber auch die Fiktion lässt sich als Beschreibung der sozialen Realität interpretieren, was sich bei der Darstellung von Minderheiten als problematisch erweisen kann. Die Vorfälle um den «Tatort»-Krimi zeigen, wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit gesellschaftspolitischen Themen ist – auch in der Fiktion.
Von Fritz Wolf
Erträgt das Genre die Wirklichkeit nicht? Oder verfälscht es sie so, dass Minderheiten dagegen protestieren müssen? Zweimal sind Filme aus der «Tatort»-Reihe unversehens in politisch vermintes Gelände geraten. Im Dezember 2007 rief ein «Tatort» des Norddeutschen Rundfunks Mitglieder der alevitischen Gemeinde in Deutschland auf den Plan – der Protest der türkischstämmigen, islamischen Glaubensgemeinschaft gipfelte in einer Großdemonstration in Köln mit 20’000 Teilnehmern. Wenig später, Anfang Februar 2008, setzten die Programmplaner nach dem Brand eines Wohnhauses in Ludwigshafen, bei dem neun Menschen türkischer Nationalität ums Leben kamen, einen «Tatort»-Krimi ab – der Film spielte im türkischen Milieu in Ludwigshafen.
«Schatten der Angst» heißt der «Tatort» aus Ludwigshafen. Mit dem Drama des Häuserbrandes hat er nichts zu tun; er war lange davor geplant, geschrieben und gedreht worden. Der Film spielt in der türkischen Community und arbeitet mit den Motiven Ehrenmord, Zwangsheirat, kriminelle Geschäfte. Gut und Böse, die genretypischen Ingredienzien, verteilen sich gleichmäßig auf das türkische Milieu.
Trotzdem wurde der Film abgesetzt. Auch der SPD-Vorsitzende Kurt Beck verlangte einen solchen Eingriff. Den politischen Wink wies SWR-Intendant Peter Boudgoust zurück, verteidigte aber die Entscheidung. Mit der Absetzung nehme der Sender «Rücksicht auf eine große Trauergemeinde, deren Gefühle wir nicht verletzen wollen». Es habe die Gefahr bestanden, dass der Film völlig falsch verstanden werde.
«Es wäre wahrscheinlich nicht vermittelbar gewesen, wenn die ARD diesen ‚Tatort’ zu diesem Zeitpunkt ausgestrahlt hätte», meint auch Gebhard Henke, Leiter des Programmbereichs «Film, Unterhaltung und Familie» beim WDR und «Tatort»-Koordinator in der ARD: «Ich verstehe die Absetzung, auch ohne den Ratschlag von Beck.» Hans Janke, Hauptredaktionsleiter Fernsehspiel und «Koordinator Fiktionale Programme» im ZDF, zeigt ebenfalls Verständnis: «Vermutlich hätten wir den Film auch abgesetzt; das ist nur unproduktiver Ärger.» Kritisch fügt er hinzu, es handle sich leider um so etwas wie «stellvertretende Empfindung»: «Man kommt Empfindungen zuvor, die sich möglicherweise gar nicht einstellen oder mit denen die Leute selber fertig werden können.» Martin Eigler, Autor und Regisseur, wünschte sich derweil im Berliner «Tagesspiegel», «dass der Film mit seinen leisen Zwischentönen differenziert wahrgenommen wird». In der angespannten Stimmung sei das vermutlich nicht möglich.
«Nun verbrennen sie uns wieder»
Der Fall zeigt, wie heikel und empfindlich das gesellschaftliche Klima geworden ist. Die Jahre zurückliegenden Brandanschläge auf Unterkünfte türkischer Familien in Solingen und Mölln sind noch im Bewusstsein. Darauf spielte auch die türkische Zeitung «Hürriyet» an: «Nun verbrennen sie uns wieder», titelte sie nach dem Wohnhausbrand in Ludwigshafen und unterstellte einen fremdenfeindlichen Anschlag (bis zum Zeitpunkt, da dieser Text geschrieben wurde, war die Brandursache noch nicht geklärt). Die Diskussion um Moschee-Bauten, der Fall des deutschen Jugendlichen Marco – der Vergewaltigung verdächtigt und lange in türkischer Untersuchungshaft – sowie der explizit fremdenfeindliche Wahlkampf des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch haben deutliche Spuren im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen. So konnte auch die Katastrophe von Ludwigshafen politisch instrumentalisiert werden, etwa durch den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, der damit innertürkischen Wahlkampf betrieb. Bei so viel politischer Indienstnahme können selbst die sorgfältigsten und nachdenklichsten «Tatort»-Macher nur kopfschüttelnd beiseite sitzen.
Etwas komplizierter gelagert ist der Fall des «Tatorts», der Ende Dezember 2007 ausgestrahlt wurde. «Wem Ehre gebührt» hiess die Folge, und die Autorin und Regisseurin Angelina Maccarone erzählt darin eine Geschichte aus einer türkischen Familie. Eine junge Frau wird ermordet aufgefunden. Die Kommissarin vermutet einen Ehrenmord, bekommt mysteriöse Andeutungen und kabbelt sich mit ihrem türkischen Kollegen. Erkennbar bemüht spielt der Krimi mit Vermutungen und Nichtwissen über Türken und Deutsche türkischer Herkunft, führt so manches Klischee ad absurdum – und am Ende steht dann kein Ehrenmord, sondern sexueller Missbrauch: der Vater der Ermordeten hatte sich an seiner jüngeren Tochter vergangen.
Schon einen Tag vor der Ausstrahlung stellte «Hürriyet» eine Verbindung von «Aleviten und Inzest» her. Der Sender wurde kurz vor der Ausstrahlung gewarnt und schaltete noch schnell einen Vorspann mit dem Hinweis, es handle sich um eine fiktive Geschichte. Es nützte nichts. Tausende Aleviten demonstrierten, sie fühlten sich in ihrer «religiösen Ehre» verletzt. Der Film bestätige ein uraltes Vorurteil der Sunniten, wonach die Aleviten Inzest pflegten. Der Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde warf der ARD vor, sie habe sich von Islamisten instrumentalisieren lassen und erstattete Anzeige wegen Volksverhetzung. Kontext der Vorwürfe: Aleviten werden in der Türkei ausgegrenzt. Sie unterscheiden sich von anderen Muslimen durch einen anderen Umgang mit Koran und Bibel und gelten als Musterbeispiel des modernen Islams und der Integration.
Der Film selbst ist mit solcher Aufregung deutlich überfordert. Er spielt nur oberflächlich auf einen möglichen Konflikt zwischen Aleviten und Sunniten an, gibt dialogisch einige wenige Informationen über das Selbstverständnis dieser Gruppe von Muslimen. Viele deutsche Fernsehzuschauer werden zum ersten Mal von dieser Glaubensgemeinschaft gehört haben.
Offenbar war das Inzest-Vorurteil auch kein Thema für die Redaktion. Die Regisseurin zeigte sich völlig überrascht und erklärte, sie habe bei ihrer Recherche nichts über diese Unterstellung gegenüber den Aleviten gefunden. Anders sah das die Schauspielerin Renan Demirkan: «Ich empfand es als zutiefst respektlos, wie dieser Film ohne Kenntnis der Kultur Behauptungen aufgestellt hat, die durch ein bisschen Recherche leicht zu widerlegen gewesen wären.»
Konflikte und Dramen aller Art
Auch in diesen Konflikt spielt jedoch politische Instrumentalisierung hinein. Schon der zentrale Vorwurf trifft nicht zu. Es geht nicht um Inzest, sondern um Missbrauch. Ganz abwegig ist der Handlungsentwurf auch nicht. Die Islamkritikerin Necla Kelek verwies in der in Berlin erscheinenden Tageszeitung taz darauf, dass in den alevitischen Gemeinden in Anatolien sexuelle Gewalt gegen Frauen, Missbrauch und Zwangsehe vorkommen. Die Empörung über den «Tatort» diene nur dazu, darüber nicht reden zu müssen. Die Diskussion sei deshalb «ein fatales Signal für die Integration» und führe «auf die falsche Spur».
Dennoch ist der Streit um den «Tatort» mit dem Verweis auf politische Instrumentalisierung nicht erledigt. Auch Autoren und Redaktionen müssen sich nach ihrer Verantwortung fragen lassen. «Tatort»-Krimis sind, wie auch andere Reihen von «Polizeiruf 110» bis «Bella Block», das fiktionale Schlüsselgenre im deutschen Fernsehen und verstehen sich oft als gesellschaftskritisch. Gesellschaftliche Konflikte und Dramen aller Art und aller Dimension werden hier erzählt, häufig konventionell, gelegentlich auch unkonventionell. Das heißt aber auch: gesellschaftliche Konfliktstoffe werden Genreregeln unterworfen, sie haben sich nach den Mustern von Spannung und Entspannung, Konflikt und Auflösung zu strecken. «Ich bin skeptisch, wenn der gewöhnliche Krimi sich so aufplustert», sagt ZDF-Hauptredaktionsleiter Hans Janke und sieht gegenwärtig eine Tendenz, die Filme mit «Kurzzeiterregungen» aufzuladen: «Die schnelle Bereitschaft, mal eben ein heißes Eisen anzufassen, ist das Gegenteil von wirklichem Mut.»
Was tun? Offenbar gibt es keine einfachen Lösungen. Beim NDR ist die Verunsicherung groß. Zu einem Gespräch mit dem Medienmagazin «gazette» erklärte die Redaktion sich nicht bereit; noch läuft die Klage der Aleviten, und Gespräche zwischen Sender und Vertretern der Glaubensgemeinschaft sind geplant. Die Gefahr, dass wichtige und brisante Geschichten wegen möglicher Proteste gar nicht mehr erzählt werden, mag derzeit jedoch niemand sehen. «Man darf sich nicht selber unter den Stress stellen, es jedem Recht machen zu wollen», sagt «Tatort»-Koordinator Gebhard Henke: «Ich gehe davon aus, dass unsere Autoren, Redakteure, Produzenten sehr genau hingucken. Aber man muss die Freiheiten der Fiktion haben.» Und wenn bei solchen Konflikten herauskäme, «dass wir auf den gesellschaftskritischen Anspruch verzichten, das fände ich ein Armutszeugnis, das würde ich nie mitmachen». ZDF-Mann Janke setzt derweil auf Vernunft: «Ich finde, man muss keine Parolen ausgeben. Aber man muss auf Angemessenheit achten, auf die angemessenen Proportionen. Es läuft immer auf dieses Wort ‚angemessen’ hinaus.»
Fritz Wolf ist Journalist in Düsseldorf.
Der Beitrag ist zuerst im Medienmagazin «gazette» (1/08) erschienen.
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