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08.09.08
00:00

Von: Schön, Gerti

Sündenböcke, Satiriker und Statisten
Die wechselhafte Rolle der Medien im US-Wahlkampf

Der Wahlkampf um die Präsidentschaft in den USA geht in die letzte Runde. Derweil spitzt sich die Hassliebe der Kandidaten gegenüber den Medien weiter zu.

Von Gerti Schön

Die Parteitage der Republikanischen und Demokratischen Partei sind vorbei, und die entscheidende Phase des Wahlkampfes um die US-Präsidentschaft hat begonnen. Das Wahl- wie auch das Medienvolk, hin- und hergerissen zwischen Barack Obamas Charisma und Sarah Palins mädchenhafter Dreistigkeit, muss sich nun der Substanz der Kandidaten und ihrer Programme zuwenden und aufhören, sich auf Jon Stewarts abendliche Satireshow „Daily News“ zu verlassen. Denn hier, bei dem Kabelsender „Comedy Central“, hat man die besten Chancen, die Widersprüchlichkeiten in den Aussagen der Politiker schonungslos serviert und die allgemeine Verzerrung der Realität durch eine Dosis Realsatire ersetzt zu bekommen. Hatte doch das republikanische Lager bei der Vorstellung der Vizekandidatin Sarah Palin, der jungen Gouverneurin von Alaska, sogleich ein Gegenargument für ihre politische Unerfahrenheit parat: Alaska sei ja schliesslich jener US-Bundesstaat, der am nächsten bei Russland liege. Worauf Stewart bemerkte, dass Alaska ja auch am nächsten zum Nordpol gelegen sei – wo Santa Claus wohne.


McCain: Vom Querdenker zum Parteigetreuen

Palin stahl sogar dem eigentlichen Kandidaten John McCain die Show, ein Umstand, der nicht lange währen wird, denn am Ende geht es um die Präsidentschafts- und nicht um die Vizepräsidentschaftswahl, worauf viele Kommentatoren hinwiesen. McCain selbst und sein Verhältnis zu den Medien hat in den letzten Wochen eine radikale Wandlung durchgemacht: All die Jahre, in denen McCain in der Presse als „Maverick“, also als Draufgänger und Querdenker galt, war seine Beziehung zu den Journalisten bestens. Sie liebten ihn für seine Direktheit, und er gab ihnen grenzenlos Zeit und Gelegenheit, mit ihm zu plaudern. Doch McCain musste sich im Präsidentschaftswahlkampf vor acht Jahren gegen George Bush geschlagen geben und suchte danach die Unterstützung Bushs in seiner diesjährigen Kandidatur. Und obwohl die Presse ziemlich lange brauchte, bis sich die Kursänderung McCains in ihrer Berichterstattung niederschlug, so hat inzwischen doch auch die Mainstreampresse den Mythos des Partei-Mavericks fallen gelassen.


Palin: Kinder als Argument

Auf dem Parteitag ging McCain nun zum Gegenangriff über: Attacken gegen die Presse und ihre angebliche Unausgewogenheit kurz vor einer wichtigen Wahl sind in den USA nicht neu und wurden schon von Richard Nixon in den 60er Jahren genutzt, um die Bevölkerung gegen die vermeintliche Hetzjagd aufzubringen und an die Wahlurnen zu treiben. Doch eine Anti-Medienkampagne kann erst gestartet werden, wenn die Presse anfängt, kritische Fragen zu stellen; und das tat sie, als Sarah Palin auf den Plan trat, über die praktisch niemand etwas wusste. Die Presse diskutierte zu Recht die Schwangerschaft von Palins 17-jähriger Tochter, ist doch Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen in den USA illegal. Sie stellte auch legitime Fragen nach Palins Qualifikation und Vergangenheit und kassierte dafür von McCains Sprecher Steve Schmidt prompt den Vorwurf, sich auf einer „Zerstörungsmission“ zu befinden. Die Kampagne wehrte sich schrill dagegen, das Privatleben der Politikerkinder zum Gegenstand der Berichterstattung zu machen, und benutzte doch gleichzeitig Palins Sohn mit Down-Syndrom, der beim Parteitag einen prominenten Platz in der Familienloge bekam, als überaus präsentes Mittel, um Palins Anti-Abtreibungsposition zu demonstrieren. Andere nannten den schlichten Umstand, Palins Hintergrund auszuleuchten, gar „sexistisch“.


„No comment“

Eine CNN-Reporterin, die ausnahmsweise einmal vor laufenden Kameras kritische Fragen darüber stellte, warum Obamas Unerfahrenheit ein Nachteil sei, nicht jedoch Palins, wurde von McCain als Sündenbock benutzt, um CNN öffentlich abzustrafen. Beleidigt sagte McCain ein Interview mit Larry King ab. Die „Medienelite“, wie die grossen Nachrichtenorganisationen von den Konservativen gern genannt werden, um sie als Snobs zu porträtieren, die zu arrogant seien, um die Probleme des gemeinen Volks aufzugreifen, nahm es gelassen. Das Onlinemagazin „Politico“ entschuldigte sich im Auftrag aller Medien augenzwinkernd dafür, Fragen gestellt zu haben. „Auf die Presse einprügeln bringt immer Stimmen ein, aber selten genug, um eine Wahl zu entscheiden“, kommentierte das Onlinemagazin „Slate“. „Palin könnte für ihren Kandidaten am Ende zwar die Schlacht gegen die Presse gewinnen, aber den Krieg verlieren“.


Sprecher als Prügelknaben

Das Ironischste an der Angelegenheit ist jedoch, dass ein Grossteil der Presse nach Palins Rede eher positiv auf die Vizekandidatin reagierte, und sowohl CNN als auch „Fox News“ erklärte: „A star is born“. Bezeichnenderweise vermied Palin es bislang, sich in den üblichen Interviewzirkus mit den grossen nationalen Medien zu begeben. „Die Strategie ist, den Medien zu trotzen, indem man niemals ihre Fragen beantwortet, ausser jene der freundlich gesonnenen Medienfiguren“, glaubt Jay Rosen, Journalismusprofessor an der New York University. „Man bricht mit den Erwartungen, Zugang zu ihr zu schaffen. Man schiebt stattdessen Sprecher vor, die sich übel zurichten lassen müssen, und macht dann Stimmung wegen ihrer schlechten Behandlung“. Kombiniert mit dem ständigen Abstreiten potentiell schädlicher politischer Enthüllungen demonstriert man Stärke und schwächt die Presse. Auf diese Weise wird Palin zu einer zentralen Figur in einem „neuen Kulturkampf“, in dem Abtreibungsgegner gegen Abtreibungsbefürworter, Gläubige gegen Nichtgläubige, Kreationisten gegen Darwinisten gegeneinander aufgebracht werden sollen – genau wie bei den letzten Wahlen.


Obama: „kein Weichei“

Dabei sollte doch diesmal alles anders werden, gibt doch die Mehrheit der Amerikaner an, der Polarisierung zwischen Links und Rechts müde zu sein und sich nach politischer Kooperation zu sehnen. Selbst der rechtskonservative Fernsehmoderator Bill O’Reilly lenkte nach einem lang ersehnten Interview mit Barack Obama ein: „Er ist kein Weichei“. Obama hatte sich bisher geweigert, bei „Fox News“ aufzutreten, nachdem der Murdoch-Sender Berichte kolportiert hatte, Obama habe in seiner Kindheit in Indonesien eine jener fanatischen islamischen Religionsschulen besucht. Seine Frau, Michelle Obama, wurde auf „Fox News“ heftig für ihren vermeintlichen Anti-Amerikanismus angegriffen.

Wie zuvor auch schon mit Tony Blair und Hillary Clinton geschehen, scheint auch bei dieser Befriedung eines durch Murdochs konservative Medien pikierten Politstars der Chef selbst seine Hand im Spiel gehabt zu haben. Wie die „Washington Post“ berichtete, traf sich Murdoch persönlich gemeinsam mit „Fox News“-Chef Roger Ailes mit Obama, um das Kriegsbeil zu begraben und um Obama zu versichern, er werde bei dem Sender fair behandelt. Murdoch sei von Obama fasziniert, wenn er auch politisch mit ihm nicht unbedingt übereinstimme. „Keiner war besonders aggressiv, aber es hat auch keiner geblinkt“, gab Ailes anschliessend zu Protokoll.


Direkter Draht zu den Wählern

Dabei hat die Obama-Kampagne bisher gegenüber den Medien allgemein nicht unbedingt versucht, sich einzuschmeicheln. „Die Medien sind hier nicht mehr als Dekoration, nicht mehr oder weniger wichtig als die Luftballons und das Konfetti“, berichtete die „New York Times“ vom Demokratischen Parteitag in Denver. Nachdem viele Nachrichtenorganisationen bereits Tausende von Dollars in die Installation von High-Tech-Studios in der Parteitagsarena gesteckt hatten, kündigte die Kampagne an, den Abschlusstag mitsamt der Obama-Rede im Fussballstadion von Denver abzuhalten, wo so viel Menschen wie möglich persönlich dabei sein konnten. Obama umging die Medien damit nicht zum ersten Mal, wandte er sich doch schon bei der Ankündigung seines Vizekandidaten direkt an die Wähler, indem er eine Short Message an seine Unterstützer schicken liess, statt sich auf die Medien zu verlassen. Obama profiliert sich damit als erster Politiker, der das digitale Zeitalter nutzt, um mit seinen Wählern direkt in Kontakt zu treten. Den Medien bleibt dabei lediglich eine Randexistenz.

 


Gerti Schön lebt und arbeitet in New York

 


 
 

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