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16.10.07
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Von: Ludwig, Wolf

Stimme der Sprachlosen
Geschichte und Bedeutung von Gemeinschaftsmedien

Gemeinschaftsmedien sind zumeist Rundfunksender, die in unterversorgten Gebieten dem Austausch der Bürger dienen. Diese kleinen unabhängigen Radiostationen erreichen die Menschen vor allem dort, wo die Regierungen und regierungstreuen Medien die Bevölkerung im Stich lassen und die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben noch keine Selbstverständlichkeit ist.

Von Wolf Ludwig

Als "Stimme der Sprachlosen" wurden Gemeinschaftsmedien, so genannte Community Media, oft bezeichnet. Es sind kleine Radiostationen in den Randregionen nicht nur der südlichen Hemisphäre, wo sich Regierungen einen Deut um das Wohlergehen ihrer Populationen scheren. Die kleinen Radios geben diesen Menschen wenigstens eine Stimme und ein Kommunikationsmittel. Für die etablierten Medien solcher Länder, soweit sie überhaupt frei und unbehindert berichten können, sind die Marginalisierten häufig kein Thema. Und in Ländern, wo die Mehrheit der Bevölkerung weder lesen noch schreiben kann, gelten Printmedien ohnehin als nutzloser Luxus.

Kommunikation gilt - ganz gleich wie sie übertragen oder verbreitet wird - als unverzichtbares Mittel der Verständigung unter Menschen. "Das Recht auf Kommunikation ist ein Menschenrecht; Kommunikation ist ein Gut, das allen gehört und zu dem alle Zugang haben müssen. Dafür zu sorgen, ist eine Aufgabe, der sich ernstgemeinte und partnerschaftliche Entwicklungszusammenarbeit nicht entziehen kann", mahnen Hilfswerke - und nicht nur kirchliche - unermüdlich seit vielen Jahren (vgl. Jaeggi 2002).

Shalini Venturelli (1999), Professorin für Kommunikation an der American University in Washington DC, ist überzeugt, dass nicht-industrialisierte Gesellschaften für eine ausgewogene Information sich um eine Medienindustrie mit einem hohen Anspruch auf die öffentliche Meinungsbildung, die Förderung der sozialen und kulturellen Entwicklung sowie der Erziehung und Bildung konzentrieren müssen. Dieses Credo unterstützen denn auch die meisten Hilfswerke und Nichtregierungsorganisationen (NGO) tatkräftig: "Die Förderung des Zugangs zu den Medien für möglichst alle Bevölkerungsschichten, die Ausbildung von Redaktorinnen, Journalisten und technischem Personal und die Unterstützung von lokalen und regionalen Medienprojekten (...) gehören dabei zu den wichtigsten Aufgaben." (Jaeggi 2002)

 

Was sind Gemeinschaftsmedien?

"Es gibt keine singuläre Definition von Gemeinschaftsmedien", schreibt Bruce Girard (2007), einer der besten Kenner der Szene: "Es gibt fast so viele Modelle wie Radios. Jede Station ist eine Mischung, ein einzigartiger Kommunikationsprozess, der von einigen gemeinsamen Kennzeichen und durch eine besondere Kultur, Geschichte und Ausgangslage einer Gemeinde bestimmt wird, für die sie sendet." Girard nennt jedoch einige Gemeinsamkeiten, die alle Gemeinschaftsmedien verbinden. Dazu gehören für den Medien-Experten Attribute wie "gemeinschaftsbasiert, unabhängig, gemeinnützig (non-profit), gemeinschaftlich (pro-community) und partizipatorisch" (ebd.). Daneben finden sich noch eine Reihe von mindestens 14 weiteren Definitionen, die je nach Herkunft, Hintergrund oder kulturellem Kontext andere Besonderheiten hervorheben: "Einige kommen mehr musikalisch daher, andere militant und wieder andere mischen beides." (ebd.) Bei aller Verschiedenheit weisen die Quellen aber immer wieder auf die grundlegenden Gemeinsamkeiten hin, die unverkennbar für diese Medienspezies stehen. Die "Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft, Beteiligung der Communities, demokratische Kontrolle" und dergleichen mehr (vgl. ebd.). Radio ist nicht Mittel zum Zweck, und auch die Verbreitungstechnologie ist eher sekundär. Gemeinschaftsradio versteht sich vielmehr "als Prozess", bei dem die klassische mediale Arbeitsteilung zwischen Produzenten und Konsumenten alias HörerInnen überwunden bis aufgehoben wird (vgl. Wikipedia 2006). Und damit erfüllt sich die junge Mediengattung einen Traum, dem schon so manche Altvorderen nachhingen.

Einer der Grossmeister des germanophonen Kulturschaffens, Berthold Brecht, hatte bereits ähnliche Visionen in seiner legendären Radiotheorie beschrieben: "Der Rundfunk wäre der denkbar grossartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, (...) wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur zu hören, sondern auch sprechen zu machen (...)" (Brecht, 1927: 32; vgl. auch Filk 2007: 3). Brecht forderte bereits, was im Zeitalter von Gemeinschaftsradios und Internet zu den Grundprinzipien gehört: Zugang, Partizipation und Interaktivität. Doch erstmal erlebte der Rundfunk als "grossartigster Kommunikationsapparat" seinen kulturgeschichtlichen Tiefpunkt, als die Nationalsozialisten den "Volksempfänger" für ihre Massenmanipulation, Judenverfolgung und Kriegshetze missbrauchten. Und von diesem Tiefschlag hat sich der Rundfunk nebst seiner schönen Vision lange nicht erholt.

 

Brecht und Enzensberger als Ideenspender

Immerhin dauerte es bis 1970, als Hans Magnus Enzensberger sich auf Brecht besann und in seiner Medien-Utopie den märchenhaften kommunitären Traum weiterspann. Enzensberger forderte einen emanzipatorischen Umgang mit den seinerzeit noch jungen elektronischen Medien statt eines repressiven Gebrauchs, wie er ihn in kapitalistischen Gesellschaften für üblich hielt. Ausserdem bemängelte er, dass es "ein unmanipuliertes Schreiben, Filmen und Senden" nicht gebe. Der Medientheoretiker spekulierte stattdessen über netzartig aufgebaute Kommunikationsmodelle, die auf dem Prinzip der Wechselwirkung basieren, zum Beispiel (...) "ein Videonetz politisch arbeitender Gruppen usw." (Enzensberger 1970, 1997; vgl. auch Bräuer 2005). Enzensbergers Aufsatz "Baukasten zu einer Theorie der Medien", in dem er sich kritisch mit der Medien-Wirkung auf die Gesellschaft auseinander setzte, hätte so was wie ein Handbuch für die kommende Generation der GemeinschaftsradiomacherInnen werden können. Doch Ideensender Enzensberger fand noch kaum empfängliche Hörer.

Den "Verdammten dieser Erde" eine Stimme zu geben, forderte auch Frantz Fanon in seinem Manifest. Der Revolutionär und Sozialpsychologe wollte die Brüche in der Gesellschaft, die das Kolonialsystem hinterliess, zuerst in der algerischen Gesellschaft überwinden. Dazu mussten sich, war Fanon überzeugt, die Kolonisierten erstmal "die Technik und wissenschaftlichen Methoden" der Kolonialherren aneignen, "die sie vorher als Teil des Kolonialsystems abgelehnt hatten". Neben der medizinischen Behandlung erwähnte Fanon auch das Radio. Doch Radio ist dabei nur technisches Mittel zum höheren Zweck. Für Fanon ging es hauptsächlich um "die Überwindung der Entfremdung", um die Befreiung von Entmündigung, Herabsetzung und Selbstverachtung - all jener Spuren, mit denen das System der Fremdherrschaft die Köpfe der Kolonisierten prägte (vgl. Fanon 1961). Unter den Voraussetzungen eines "Kulturimperialismus", wie ihn Fanon in den 1950er und frühen 1960er Jahren thematisierte, sei keine Selbstbestimmung möglich. Weder für die seinerzeit jungen Nationalstaaten, noch für deren überwiegend ländliche Populationen.

 

"Kultur des Schweigens"

Von einer "Kultur des Schweigens" sprach auch Paulo Freire in seiner Pädagogik der Emanzipation: Solange sich ländliches Proletariat und Slumbewohner in ihr vermeintlich gottgegebenes Schicksal fügen, kann keine Eigenverantwortung oder Autonomie entstehen. Wo Menschen dem Stereotyp verfallen, schlechtere Menschen zu sein, können sie nur auf ihre Gutsherren vertrauen. Der brasilianische Befreiungspädagoge sah in dieser Schicksalsergebenheit einen der Hauptgründe für das unter der Landbevölkerung verbreitete Desinteresse an Bildung. Aber auch in Bildungsinhalten, die mehr mit fernen westlichen Vorbildern zu tun haben als mit den eigenen Lebensumständen. Der Bildungsreformer kritisierte das nutzlose "Bankierskonzept der Bildung". Bei seiner "Analyse des Dialogs" wurde deutlich, "was das Wesen des Dialogs ausmacht: das Wort" (vgl. Freire 1973). Demnach ist das Wort mehr als ein Instrument, das den Dialog ermöglicht. Wörter sind vielmehr konstitutive Elemente für Reflexion und Aktion. Auch für Freire waren "Nähe" und "Nahbereich" Schlüsselbegriffe wie Voraussetzung für persönliche Entfaltung. Seine Schriften liefern wesentliche Diskurs-Grundlagen über Bürgerpartizipation und Zivilgesellschaft, aber auch zum technologischen Wandel wie zur Medienpädagogik (vgl. Schwinger 2005). Bei der heute in fast allen Teilen der Welt funkenden Bewegung der Gemeinschaftsradios haben Brecht, Fanon, Freire und Enzensberger Pate gestanden und wichtige Impulse geliefert.

"Es war einmal 1983 ...", wie es in der Einführung zur AMARC-Geschichte nahezu märchenhaft heisst. AMARC steht für den Weltverband der Gemeinschaftsradios (Association Mondiale des Radiodiffusseurs Communautaires), der seinerzeit im kanadischen Montreal von einer Pioniergruppe gegründet wurde, "nur um festzustellen, dass es bereits so was wie eine Keimzelle einer weltweiten Bewegung gab". Daraus wurde schon wenige Jahre darauf ein stattlicher Weltverband mit NGO-Status. Bei der AMARC-Konferenz 1990 in Dublin sind die grossen politischen Leitlinien bestimmt worden wie das "Grundrecht auf Kommunikation". Ein internationales Frauennetzwerk von Gemeinschaftsradiomacherinnen folgte wenig später.

Bei der 6. AMARC-Weltkonferenz in Dakar ging es um die Konsolidierung und Einrichtung eigenständiger Regionalstellen angesichts der fortschreitenden Globalisierung. Die folgende Konferenz 1998 in Mailand nahm gleich drei Hürden: eine rechtliche, wonach Gemeinschaftsmedien endlich auch im internationalen Recht anerkannt werden sollten; eine technische, um sich neuen Technologien zu stellen und die Zusammenarbeit mit gleichgerichteten Mediengattungen zu fördern; und schliesslich konnte AMARC geographisch auch im asiatischen und arabischen Raum Fuss fassen. Als weiterer Meilenstein in der AMARC-Geschichte gilt die Konferenz in Katmandu, der bisher grössten Vollversammlung der Gemeinschaftsfunker. Seitdem spricht man auch in Südostasien von einer regelrechten Bewegung. Erstmals wurden ein Strategieplan für die Jahre 2003-2006 sowie eine Katmandu-Erklärung verabschiedet. Die 9. Weltkonferenz im jordanischen Amman war die bislang letzte in der umtriebigen AMARC-Geschichte (vgl. AMARC-WIKI, August 07). Der Weltverband mit seinem weitverzweigten Netzwerk aus über 3'000 Mitgliedern in 110 Ländern hatte inzwischen jedoch eine Grösse erreicht, dass die Verantwortlichen 2006 beschlossen, über die Bücher zu gehen und die AMARC-Strukturen einer gründlichen Evaluierung zu unterziehen. Bei Round-tables in den verschiedenen Regionen wurden Stärken, Schwächen, Potential, Rahmenbedingungen und Reibungsverluste des Verbands durchleuchtet. Dabei sollte auch untersucht werden, welchen Einfluss solche Radios auf die soziale oder gar nachhaltige Entwicklung ihrer Gemeinschaften haben. Die Ergebnisse der 2007 abgeschlossenen Evaluierung lieferten schliesslich die Grundlagen für die neuen strategischen Aktionslinien bis 2010 (AMARC Global Evaluation 2007). Auch AMARC folgt weiterhin der bewährten Devise: sich global austauschen und koordinieren, aber lokal handeln.

 

Keine Frage von Brot allein ...

Im indischen Goa ist unlängst eine Studie über "Andere Stimmen: Das Ringen um Gemeinschaftsradios in Indien" erschienen. Die Herausgeber sprechen von "einer bedeutenden Untersuchung über eine sich entwickelnde alternative Medienszene" auf dem indischen Subkontinent "im weiteren Kontext einer Globalisierung der Massenkommunikation". Die Studie untersucht Radioprojekte in vier Grossregionen des Landes (Andhra Pradesh, Karnataka, Gujarat und Jharkhand). In einem Interview berichten Vinod Pavarala und Kanchan Malik, Forscher an der Universität von Hyderabad, über Erfahrungen und Einsichten bei ihrer Arbeit wie "den Grad der Einbindung und Beteiligung von Gemeinschaften bei der Radio-Produktion" (vgl. Noronha 2007). Dabei stellten die Autoren einige wesentliche Merkmale des lokalen Medienschaffens fest: "Das sind überwiegend ländliche Gemeinschaften, wo die Leute weder lesen noch schreiben können" und "in lokalen Dialekten berichten" (ebd.). In einem Land, wo Sprachen oft nur wenige Kilometer weit wechseln, wird der Gebrauch des lokalen Idioms "zum effektivsten Werkzeug" und ist massgeblich für die Verbreitung von Fragen zur Entwicklung. "Die Menschen finden ihre eigenen kreativen Wege der Audio-Produktion, ob mit Kabelradio, Kurzübertragung oder Verteilung von Bandaufnahmen - alle erfüllen einen wichtigen Bedarf gerade in Gebieten, die von Mainstream-Medien unterversorgt sind." (ebd.)

Gelegentlich kommt die Frage auf, ob es nicht wichtigere Grundversorgungen gibt als Radio - besonders dort, wo Leute nicht einmal genug zu essen haben. Auch darauf fanden die Forscher eine plausible Antwort, "da Menschen nichts zu essen haben, weil sie über keine Stimme verfügen, danach zu fragen" (ebd.). Denn gerade in Notlagen braucht es Möglichkeiten, Mangel überhaupt kundzutun. Lokale Radioinitiativen entstehen jedoch nicht über Nacht. Sie sind Teil von lokalen ländlichen Entwicklungsprozessen, wo es auch um Landfragen, Ernährungssicherheit, Biodiversität, Wasser oder Geschlechtergleichheit geht - Fragen des baren Überlebens eben. "Brot oder Radio" sei eine unfaire Frage, sagen die indischen Radioforscher. "Menschen brauchen wahrscheinlich beides, denn das eine ist mit dem anderen verknüpft." Sie sprechen von einer "Ethik von Menschen, die etwas für sich tun". Medien stehen im täglichen Überlebenskampf womöglich am Ende der Skala, doch "Menschen versuchen damit, Kontrolle über ihre Kultur, ihr Land, ihre Märkte zu erhalten". Medien sind Teil ihrer Selbstfindung, Identität, Ausdrucksfähigkeit und Würde. Medien werden zum Mittel der Befreiung von Bevormundung und Bittstellertum oder eines neu erworbenen Selbstbewusstseins: "Warum sollen wir unsere Geschichten aus unseren Augen nicht selbst erzählen? Warum sollen andere über uns berichten - second hand?" (ebd.)

 

Radio als Entwicklungsmotor

Gemeinschaftsmedien gelten, soviel ist unbestritten, als originäres Mittel zur Verbreitung authentischer Informationen aus dem Nahbereich. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Beteiligung und Ausdrucksfähigkeit der bisher Sprachlosen. Zum Stellenwert von Gemeinschaftsmedien im breiten Instrumentarium der Entwicklungszusammenarbeit gibt es dagegen noch wenige Belege. Für Bianca Miglioretto, langjährige Mitarbeiterin von RadioLora und ausgewiesene Expertin für Gemeinschaftsmedien, ist das eine Frage der Zuordnung: "Oft konzentriert sich diese Zusammenarbeit in erster Linie auf die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Leute. Der ganze Informations- und Kommunikationsbereich wird vernachlässigt", erläutert sie auf Anfrage (08.10.2007). Im Sinne von nachhaltiger Entwicklung - im Gegensatz zur oft verabreichten Pflasterhilfe - "spielen gerade Community Media und besonders Community Radio eine entscheidende Rolle". Für Miglioretto, die seit zwei Jahren Projekte auf den Philippinen betreut, "sind sie ein wichtiges Standbein für soziale und kulturelle Veränderungen, die den Boden für eine nachhaltige Entwicklung bereiten".

In ihrer fernöstlichen Beratungspraxis hat Miglioretto ausserdem eine ganze Palette von Einflussfaktoren ausgemacht: "Community Radios können zur Armutsbekämpfung, Bildung, Frauen-Empowerment, Friedensförderung, Konfliktmanagement, Gesundheitsverbesserung, Produktionssteigerung, Vermarktung von landwirtschaftlichen Erträgen, Fischerei und Handwerk oder zur Bekämpfung von Korruption und Vetternwirtschaft beitragen." Auch die Radiofrau bestätigt die Bedeutung des lokalen Sprachfaktors "zur allgemeinen Wertschätzung der eigenen Kultur". Durch eigene Radiobeiträge "erhalten lokale Bevölkerungen mehr Respekt von anderen und gewinnen damit eine höhere Wertschätzung für sich selbst". Verschiedene Bevölkerungsgruppen haben ausserdem die Chance, "mehr über ihre Nachbarn zu erfahren. Das hilft, Vorurteile abzubauen und Ressentiments zu untergraben." Radio, so Miglioretto, sei häufig das einzige Mittel zur Weiterbildung über den Äther. Spezialisierte Programme reichen "von Alphabetisierungs-, Sprach-, über Koch-, Kompostierungs- bis zu Gesundheitskursen".

Auch Radioexpertin Miglioretto unterstreicht den besonderen Beitrag von Gemeinschaftsmedien zur Befähigung (Empowerment) von Frauen. Durch die Mitarbeit bei einem Lokalradio hätten Frauen oft erstmals Gelegenheit, ihre traditionelle Rollenzuweisung zu überwinden und bislang unbekannte Erfahrungen zu sammeln. "Indem Basisfrauen ihre eigenen Sendungen ausstrahlen", so Miglioretto, "erhalten sie mehr Anerkennung in der Gemeinschaft und in der Familie" (ebd.). Solche Rollenwechsel beobachteten auch die Radioforscher im indischen Gujarat: "Viele Reporterinnen sagten uns beim Training, dass sie niemals zuvor ausserhalb des häuslichen Bereichs gearbeitet oder gar mit Männern zusammengearbeitet haben", so Kanchan Malik (zit. in Noronah 2007). "Nun gehen diese Frauen zu Regierungsstellen und befragen Beamte über Politik und solche Sachen. Früher hatten sie Angst, nur mit anderen Leuten zu reden." (ebd.) Dennoch räumen auch die indischen Medienwissenschaftler ein, "dass es bei Geschlechter-Angelegenheiten noch eine Menge zu tun gibt" (Pavarala/Malik, zit. in Noronah: 2007). Dazu gehört auch, dass die indischen Community Radios bislang keine Nachrichten ausstrahlen dürfen - ein klarer Fall von Zensur.

 

Enge Rahmenbedingungen und Grenzen

Die überwiegend kleinen Radiostationen in den Winkeln dieser Welt kommen schnell einmal an ihre Grenzen. Meist operieren sie mit spärlichen Mitteln, schlechter technischer Ausstattung, und Geld ist ohnehin immer knapp. Wenn dann keine Ersatzteile erhältlich sind oder der Strom ausfällt, bleibt die Kommunikation auf der Strecke. Ausserdem müssen die Gemeinschaftsradios häufig unter Rahmenbedingungen funktionieren, die alles andere als förderlich sind: Medienfreiheit ist in vielen Ländern weiterhin ein Fremdwort. Und repressive Regimes schätzen keine freien Stimmen. In der Mehrzahl nicht nur der südlichen Staaten fehlt es ferner an rechtlichen Grundlagen für die Gemeinschaftsfunker. Sie müssen happige Gebühren für Lizenzen bezahlen, bei Versteigerungen geht der Zuschlag eben an den Meistbietenden. Für die kleinen renitenten Sender gibt es, wie auf den Philippinen, oft gar keine Bewilligung. Diese gehen stattdessen an die etablierten grossen Radiostationen (über 500 Watt für FM), beschreibt Bianca Miglioretto die miesen Rahmenbedingungen. Doch damit nicht genug. Als weitere Fehlentwicklung nennt Miglioretto "ausländische Entwicklungsorganisationen oder Regierungsstellen, die unangemessene technische Ausrüstungen liefern, deren Unterhalt viel zu aufwändig und kostspielig ist, als dass die Basisbevölkerung diese ohne externe Hilfe nutzen und bedienen kann".

Wie auch die AMARC-Evaluierung ergab, gibt es beim Betrieb und Unterhalt von Gemeinschaftsradios eine Reihe "substanzieller Probleme", die oft genug über den Bestand einer Station entscheiden: Durch schlechte Ausstattung, hohen Unterhaltsaufwand, ständige Finanzknappheit, Ärger mit Behörden und Regierungsstellen bleibt häufig zu wenig Zeit fürs eigentliche Kerngeschäft - das Programmschaffen. "Da etliche Radios nur über wenige Freiwillige verfügen, müssen diese gleichzeitig zu viele unterschiedliche Aufgaben erledigen. Hinzu kommt, dass sie dadurch keiner anderen Lohnarbeit nachgehen können. Über kurz oder lang werden sie eine Entlöhnung erwarten", erläutert Miglioretto die existenziellen Wechselwirkungen. Radiomachen ist im Regelfall eine Nebenbeschäftigung, "die Freiwilligen können normalerweise maximal eine Sendung pro Woche produzieren. Dies erfordert wiederum viele Freiwillige, eine gute Koordination und grosses Vertrauen", beschreibt Miglioretto die permanente Mangelbewirtschaftung. "Mangelnde Partizipation ist meist ein Hinweis darauf, dass ein Community Radio nicht wirklich den Bedürfnissen einer Gemeinschaft entspricht."

 

Diverse Ausgangslagen

Ebenso unterscheiden sich Voraussetzungen und Rahmenbedingungen je nach Land oder Region erheblich. Während es in so genannten Schwellenländern noch eine vergleichsweise gute Infrastruktur, gesetzliche Grundlagen und Regelungen, gehobene Bildungsstandards oder Ansätze wie Ausprägungen einer Zivilgesellschaft gibt, fehlen solche Grundbedingungen in anderen Teilen der Welt noch völlig. Insbesondere in den am wenigsten entwickelten Ländern. Sind diese ausserdem noch von langjährigen kriegerischen Auseinandersetzungen gezeichnet, wie beispielsweise Afghanistan, ist die Ausgangslage für unabhängige Radio-Projekte noch dürftiger. Wo 85 Prozent der Bevölkerung auf dem Land leben und nahezu 70 Prozent (85 Prozent Frauen) niemals eine elementare Bildung erfuhren, gäbe es grossen Bedarf für alternative Medien. Doch Medienentwicklung gehört in krisengeschüttelten Ländern nicht zu den obersten Prioritäten, und Gemeinschaftsradios für die ländlichen Regionen noch weniger. Die am Hindukush noch stark ausgeprägten Stammesstrukturen und strikten Loyalitäten oder Verhaltenskodizes (wie Pashtunwali) lassen wenig Spielraum für Basisradios. Wie eine Voruntersuchung zum Potential solcher Projekte in Afghanistan ergab, "gilt Radio dort nach wie vor als Stimme der Obrigkeit. Es gibt keine Tradition von Radio als partizipatorisches Medium, das sich um die Bedürfnisse der Landbevölkerung kümmert" (Girard/ van der Spek 2002).

Vereinzelt können, wie in Nepal, Gemeinschaftsradios über den vorwiegend lokalen Wirkungskreis hinaus auch durchaus nationale Bedeutung gewinnen - als einzig verbleibendes Mittel von Gegenöffentlichkeit. Im Gebirgsland am Himalaya haben die oppositionellen Radios gar einen Beitrag zur Beendigung eines zwölfjährigen Bürgerkriegs und zur Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse geleistet: Denn nur wenige unabhängige Radios nebst einigen Zeitschriften konnten über Jahre die staatlich kontrollierte Informationspolitik des alten Regimes unterlaufen. Als die alten Machthaber den Medien untersagten, unzensierte Nachrichten zu verbreiten, wurden die Neuigkeiten des Tages eben gesungen und die Zensur mit musikalischen Mitteln umgangen (vgl. Women+Resistance+CR in einem Vortrag 2007). Auch auf den Philippinen dürfen die kleinen Gemeinschaftssender die herrschenden Verhältnisse nicht hinterfragen und "keine Kritik an der nationalen, lokalen und regionalen Regierung veröffentlichen. Ein Memorandum der Präsidentin verbot es, linke KandidatInnen zu Wort kommen zu lassen. Einige zogen es deshalb vor, sich aus dem Wahlkampf raus zu halten", berichtet Bianca Miglioretto. "Das einzige unabhängige Radio wurde im Juli 2006 abgebrannt (vermutlich vom Militär). Im Zusammenhang mit den Wahlen wurde eine Reihe von Radiojournalisten (vor allem von Kommerzradios) angegriffen, weil sie den 'falschen' Kandidaten unterstützten oder Skandale eines Kandidaten aufdeckten", so die Beobachterin weiter. "Radiojournalisten, vor allem in der Provinz, leben hier oft sehr gefährlich. Nach dem Irak wurden auf den Philippinen in den letzten Jahren weltweit die meisten JournalistInnen ermordet", resümiert Miglioretto die triste Bilanz.

 

Lästiger Störfaktor ...

Von den herrschenden Eliten oder der privatwirtschaftlichen Konkurrenz werden Gemeinschaftsmedien häufig als lästiger Störfaktor wahrgenommen. Solche Einschätzungen zeigten sich auch wiederholt bei den Diskussionen um Medien und deren verbriefte Freiheiten bei den Weltgipfeln zur Informationsgesellschaft (WSIS 2003, 2005). Obwohl Gemeinschaftsmedien in den letzten Jahren stetigen Zuwachs verzeichnen, wurden Hinweise auf deren Bedeutung, Rolle und Beitrag zur öffentlichen Meinungs- und Willensbildung aus allen offiziellen WSIS-Dokumenten gekippt. Die dort vertretenen RepräsentantInnen der Basismedien mussten enttäuscht beigeben, trösteten sich jedoch mit dem Eingeständnis, wonach der gesamte "Prozess immerhin positiv war" (Dietz/ Amshoff 2003).

Mit den Jahrtausend-Zielen (Millenium Goals) hat sich die Weltgemeinschaft bei den Vereinten Nationen wieder einmal vollmundig hehre Ziele gesetzt: Die in den Ländern des Südens immer noch verbreitete Armut soll, so das wiederholt bekräftigte Versprechen, bis 2015 wenigstens halbiert werden. Gemeinschaftsmedien, das hat die AMARC-Evaluierung ihres "Social Impacts" ergeben, könnten bei der Armutsreduktion eine wichtige begleitende Rolle spielen. Daher engagiert sich die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) auch für eine Unterstützung des Community Media-Sektors. Dazu ist die DEZA mit dem Weltverband der Gemeinschaftsradios (AMARC) eine strategische Partnerschaft bis 2009 eingegangen. Im Rahmen der UNESCO unterstützt die Schweizer Entwicklungsagentur ausserdem das "International Programme for the Development of Communication" (IPDC) mit den Schwerpunkten Gemeinschaftsmedien und ICT-Komponenten. Wie Patrick Kallas, bei der DEZA für diesen Bereich zuständig, auf Anfrage mitteilt, "hat das Lokalradio als Teil der Community Media eine lange Tradition als Instrument bei der Armutsbekämpfung" (12.10.2007). Die auf diesen Sektor spezialisierte ICT4D-Sektion unterstütze entsprechende "Programme global, aber speziell in den Schwerpunktländern und -Regionen der DEZA. Mit der Revolution der neuen Technologien (ICT) hat deren Potential weiter dazu gewonnen", so der DEZA-Sprecher.

 

... mit erheblichem Potential

Mit ihrem besonderen Engagement möchte die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit "zu einem sozialen Wandel beitragen und vornehmlich die Armen und Benachteiligten in diesem Prozess stärken (Empowerment)". Dabei sei Zugang zu Informationen und Wissen wichtig, "damit Betroffene ihre Stimme besser in Entscheidungsprozesse einbringen können". Auch "bei der Aufrechterhaltung der kulturellen Vielfalt spielen Community Media eine zentrale Rolle", so Kallas. Für die DEZA-Verantwortlichen "stehen dabei strategisch die Menschen im Vordergrund und weniger die technologische Seite". Entsprechende Ausbildungs-Programme (Capacity Building) seien dazu besonders wichtig. Durch die Zusammenarbeit mit AMARC möchte die Schweizer Amtsstelle "an der Entstehung öffentlicher Räume mitwirken, damit benachteiligte Gruppen sich besser an politischen und sozialen Prozessen beteiligen können". Mit der Unterstützung der AMARC-Evaluierung konnte deren globales Netzwerk gestärkt und deren strategische Steuerung im neuen 5-Jahresplan verbessert werden. Die Schweizer Unterstützung solcher Kommunikationsnetzwerke gilt als vorbildlich, findet international jedoch noch wenig Gefolgschaft. Denn wie die indischen Medienforscher feststellten, läuft der globale Trend der Medien immer weiter auf Zusammenschlüsse, Übernahmen und Eigentumskonzentrationen "in immer weniger Händen" hinaus. Gemeinschaftsmedien gehören zu den wenigen Ausnahmen, die diesen verhängnisvollen Trend umkehren. Ganz nach Enzensbergers Devise vom "repressiven" zum "emanzipatorischen Mediengebrauch".

 

Wolf Ludwig ist Journalist in Neuchâtel

 

Quellen:

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Weitere Literatur:

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http://www.medienheft.ch/politik/bibliothek/p21_AmshoffGeorg.pdf 

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Medienheft Dossier 24: UNO-Weltgipfel in Tunis (WSIS 2). 14. November 2005:
http://www.medienheft.ch/dossier/aktuell/uebersicht_24.html 

Medienheft Dossier 20: WSIS - Informationsgesellschaft global (WSIS 1). 28. November 2003:
http://www.medienheft.ch/dossier/aktuell/uebersicht_20.html 

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http://www.medienheft.ch/politik/bibliothek/p25_PeyerChantal.pdf 

Peyer, Chantal/ Jaeggi, Urs (2003): Entwicklung braucht Kommunikation. Die Weltkonferenz der UNO zur Informationsgesellschaft. Entwicklungspolitische Impulse, Brot für alle, Bern.

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Wittmann, Frank (2004): Zwischen Hoffnung und Ohnmacht. ICT4D und die Exklusion Afrikas. In: Medienheft, 20. Dezember 2004: http://www.medienheft.ch/politik/bibliothek/p23_WittmannFrank.pdf 

Wittmann, Frank (2003): Medienlandschaft Westafrikas. Chancen und Barrieren der Kommunikationsflüsse. In: Medienheft, 11. August 2003:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k20_WittmannFrank.pdf

 

Links:

AMARC Wiki:
http://amarcwiki.amarc.org/wiliki.cgi?What_is_AMARC%3f 

Wikipedia.de über Paulo Freire:
http://de.wikipedia.org/wiki/Paulo_Freire#_note-15 

Wikipedia.org über community radio:
http://en.wikipedia.org/wiki/Community_radio


 
 

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