Science Fiction
Standardwerke zum Genre
Rechtzeitig zum Science-Fiction-Ereignisjahr 2003 mit "The Matrix Reloaded", "The Matrix Revolutions" und "Terminator 3" im Kino liefern zwei Publikationen reichhaltiges Material zum Filmgenre: Die Titel zur Science Fiction von Georg Seeßlen und Fernand Jung im Schüren Verlag sowie von Thomas Koebner im Reclam Verlag sind Standardwerke für Filmpublizisten und ein Muss für Zeitreisende.
Von Charles Martig
Lange erwartet war die in der Reihe "Grundlagen des populären Films" angekündigte Studie von Georg Seeßlen im Schüren Verlag. Zusammen mit Fernand Jung hat der renommierte Filmpublizist nun ein zweibändiges Werk vorgelegt, das kaum etwas zu wünschen übrig lässt. Über fast tausend Seiten wird kenntnisreich und mit einem lexikografischen Anspruch das Genre durchleuchtet, kategorisiert und thematisch strukturiert. Sehr erhellend ist der erste Teil über die Mythologie der Science Fiction. Hier wird das Genre in der Literatur verortet, Themen und Bausteine werden eingekreist und Aspekte des Utopischen dargelegt, z.B. die grundlegende Unterscheidung zwischen positiver und negativer Utopie. Mit dieser Einführung lässt sich dann sachkundig und lustvoll in die Geschichte des Science-Fiction-Films eintauchen. Es ist möglich sich in eine bestimmte Entwicklungsphase zu vertiefen, etwa in die Blüte des Genres in den 50er Jahren, oder sich thematisch orientiert auf die Lesereise zu begeben. Auffallend ist, dass von der Struktur her im ersten Band vor allem die chronologische Linie bestimmend ist und im zweiten Band zunehmend eine thematische Auffächerung dominiert: von den künstlichen Menschen über SF-Cops und Virtual Reality bis zur Zeitreise und den neuen Bildern an der Jahrtausendwende. Dieser thematisch-modulare Aufbau lädt ein zum Verlustieren im Garten der Science Fiction. Die Kapitel sind im Stil einer gehobenen Filmpublizistik geschrieben, wobei aber bewusst auf Leserlichkeit und Verständlichkeit geachtet wird. So sind die Texte nicht nur für Insider und Science-Fiction-Freaks interessant, sondern eröffnen auch einem breiten Publikum den Zugang. Nur stellenweise verfallen die Autoren in das alte Laster der Filmkritik, innerhalb eines Abschnittes gleich zehn Filme als Referenz zu nennen - was wohl eher der Selbstinszenierung als dem klaren Gedankengang dient. Aber dies ist bald verziehen, denn viele Schwerpunkte sind auf exemplarische Filme ausgerichtet und widmen sich einer vertieften Interpretation. Beeindruckend ist der Anhang mit einer Bibliografie, Filmografie und einem Register, das die beiden Bände über die Filmtitel erschliesst. Dieser Teil ist eine wahre Fundgrube und zeigt modellhaft, wie lexikografischer Eifer in eine abgeklärte Systematik übergehen kann. Nur schon durch diese Leistung verdient es das Doppelpaket zur Science Fiction, als Standardwerk in die eigene Bibliothek aufgenommen zu werden: für Filmprofessionelle ein absolutes Muss, für Science-Fiction-Fans eine Droge, für Interessierte ein spannender Zugang.
Die Gunst des Kinojahres nutzend ist auch Reclam in den Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der "Filmleser" und Genreliebhaber eingestiegen. Unter dem Herausgeber Thomas Koebner präsentiert der Verlag eine Übersicht über die Science Fiction anhand von über hundert Filmen. Die verschiedenen Werke werden mit ihren filmografischen Angaben und einer ausführlichen Inhaltsangabe vorgestellt. Es folgen kritische Interpretationen, strukturelle Erläuterungen und filmhistorische Verweise. Koebner hat für sein Vorhaben, einen Querschnitt durch das Genre zu präsentieren, über dreissig vorwiegend jüngere Autoren verpflichtet. Dies ist insofern erfrischend, als die Dominanz der filmpublizistischen Dinosaurier - zu denen vor allem auch Georg Seeßlen gehört - etwas aufzubrechen. Dieses Engagement von Nachwuchskräften hat dem Buch gut getan. Die verschiedenen Schreibstile sorgen für eine willkommene Abwechslung. Durch die klare Strukturierung nach Filmtiteln besteht für Leserinnen und Leser die Möglichkeit, von einem Werk zum nächsten zu springen und sich ganz nach den eigenen Vorlieben durch das Buch zu bewegen. Doch es lohnt sich zum Einstieg, den Überblick von Thomas Koebner als Vorspann zu lesen. Bei der Titelauswahl fällt auf, dass über zwei Drittel der Filme amerikanische Produktionen sind. Dies fällt mit der Tatsache zusammen, dass es in den letzten zehn Jahren im deutschsprachigen Raum an einer systematischen Darstellung der Science Fiction, die auch neue Entwicklungen einbezieht, fehlte. Die wichtigen Standardwerke stammen aus dem englischen Sprachraum, etwa die solide Grundlagenarbeit von Vivian Sobchak über die amerikanische Science Fiction. So ist auch das Buch von Koebner unter der Vorherrschaft der amerikanischen Produktion und der wissenschaftlichen Forschung in seiner Werkauswahl auf den englischsprachigen Raum ausgerichtet. Ein Gegengewicht gibt der Einstieg in den Band mit einem Artikel zu Georges Méliès' "Reise zum Mond". Und auch die Beiträge zu "Metropolis" und "Fahrenheit 451" gehören zum Grundbestand der europäischen Science Fiction. Aus der ehemaligen Sowjetunion sind zwei Werke von Tarkowskij und Lopuschanskij aufgeführt. Der Band ist im Gelb der Universalbibliothek gestaltet und hat ein vergleichbar handliches Format wie das ebenfalls von Thomas Koebner herausgegebene und in der 4. Auflage vorliegende Reclam-Lexikon der "Filmklassiker".
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
Literatur:
Seeßlen, Georg / Jung, Fernand (2003): Science Fiction. Grundlagen des populären Films. 2. Bd., 980 Seiten, 700 Abb., Schüren Verlag, Marburg, EUR 45.- (SFr. 77.-), ISBN 3-89472-429-3.
Koebner, Thomas (Hrsg.) (2003): Science Fiction. 544 Seiten, 40 Abb., Reclam, Ditzingen, EUR 10.80, ISBN 3-15-018401-0.
Internet:
Bibliografie zum Genre Science Fiction:
http://www.wsu.edu:8080/~brians/science_fiction/sfresearch.html
Bisher im Medienheft zum Thema Science Fiction erschienen:
Martig, Charles (2003): Matrix transmedial. Verschmelzung der Medien. In: Medienheft, 27. Mai:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k19_MartigCharles_4.html
Martig, Charles (2003): Bilderstreit. Das zweifelnde Auge. In: Medienheft, 3. März:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k19_MartigCharles_2.html
Martig, Charles (2002): Signs. In: Medienheft, 10. September:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k18_MartigCharles_1.html
Everschor, Franz (2001): A.I. - Artificial Intelligence. In: Medienheft, 12. September:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k16_EverschorFranz.html
Martig, Charles (2001): Sinndeutung im populären Kino. In: Medienheft, 10. August:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k16_MartigCharles_3.html
Hodel, Hans (2001): 2001: Odyssee im Weltraum. In: Medienheft, 18. Mai:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k16_HodelHans.html
- Dateien:
k20_MartigCharles.pdf
