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02.10.06
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Von: Badanjak, Sascha

Prostitution im Film
Über das Verhältnis von Liebe und Geld

Gegenwärtig sind drei Filme in den Kinos, die sich mit Prostitution beschäftigen. Das Bild, das sie von der "käuflichen Liebe" zeigen, ist sehr unterschiedlich. Dennoch kristallisieren sich Charakteristika des Phänomens heraus.

Von Sascha Badanjak

Drei Filme über Prostitution sind derzeit im Kino zu sehen: "Combien tu m'aimes?" von Bertrand Blier, "Princesas" von Fernando Leon de Aranoa und "Vers le sud" von Laurent Cantet. In all diesen Filmen wird Prostitution auf ganz verschiede Art thematisiert. Für den einen ist Prostitution Anlass zu einer Komödie der Geschlechter, für den anderen zu einer Romanze unter Frauen und für den Dritten zu einer Studie über gesellschaftliche Machtverhältnisse.

Der Titel "Combien tu m'aimes?" beinhaltet eine doppelte Frage. Einerseits ist es die Frage, welche die Prostituierte Daniela (Monica Bellucci) ihrem Freier François (Bernard Campan) stellen möchte, andererseits ist es aber auch seine Frage an sie. Die Frage selbst wird im Film nie gestellt, liegt jedoch die ganze Zeit in der Luft. Die Antwort, die sich Daniela auf ihre Frage erhofft, besteht aus einer mehrstelligen Ziffer, und die Antwort, die sich François auf seine Frage erhofft, besteht darin, dass Daniela, die sich selbst bewusst als "pute" (Hure) bezeichnet, ihr Gewerbe aufgibt und seine Frau wird. Die Ziffer, die Daniela hellhörig gemacht hat, ist die von über vier Millionen Euro, welche der kleine Büroangestellte François im Lotto gewonnen hat. Er braucht diesen Gewinn einzig und allein dafür, die schöne Daniela zu sich nach Hause zu locken, damit sie ihr Leben mit ihm teilt, solange das Geld reicht.

Was in diesem Film auf komödiantische Weise vorgeführt wird, ist der Wirtschafts-Kampf an der Geschlechterfront. Das Angebot Danielas steht in ihrem käuflichen Körper. Sie möchte gutes Geld dafür. François' Nachfrage nach monopolistischer Übernahme dieses Objekts seiner Begierde hat nur dann eine Chance, wenn er mit seinem Angebot alle anderen Konkurrenten aus dem Feld schlagen kann. Damit wird Prostitution zu einem Handelsgeschehen, das dem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgt, wie in jedem anderen Wirtschaftsbereich auch. Es gibt nichts, wofür man sich hier zu schämen braucht, keine Not und auch keinen Zwang zur wirtschaftlichen Transaktion. Daniela könnte ebenso gut Früchte auf dem Markt anbieten und François diese kaufen wollen. Nur dass die verlockende Frucht namens Daniela für den kleinen Büroangestellten François unerreichbar bleibt, solange ihr Preis sein Budget sprengt. Darum lockt er sie mit seinem Lottogewinn, und Daniela steigt darauf ein. Sie betreibt ihr Gewerbe nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern sie macht ihren Job gerne. Zwar hat sie einen Zuhälter, aber der ist eher ihr Geschäftspartner, wenn es darum geht, reiche Freier auszunehmen, und nicht wirklich ihr Boss. "Combien tu m'aimes?" zeigt die Prostituierte als eine erfolgreiche selbstständige Unternehmerin, deren Kapital ihr gut gebauter Körper ist.

Ganz anders sieht die Situation von Caye (Candela Pena) in "Princesas" aus. Sie erledigt ihren Job wie eine Kassiererin. Doch ihre "Ware" befriedigt sie nicht. Caye möchte grössere Brüste haben, weil sie glaubt, dass die "putas" (Huren) mit den grossen Brüsten mehr Arbeit finden. Zudem hat sie mit der Konkurrenz aus Lateinamerika zu kämpfen, die den Einheimischen die Kunden wegschnappt, weil sie sich zu Dumpingpreisen anbietet. Ohne Aufenthaltserlaubnis und auf der Flucht vor der Polizei wollen diese Prostituierten nur möglichst rasch zu Geld zu kommen. Der illegale Status wird von einem Beamten ausgenützt, der seinen Sadismus auslebt, indem er die Kolumbianerin Zuleima (Micaela Nevarez) bös zurichtet. Caye entdeckt die misshandelte Kollegin und verhilft ihr zu einer ärztlichen Versorgung. So werden die beiden Konkurrentinnen auf dem Strich zu Freundinnen in ihrer Freizeit. Das wirtschaftliche und kulturelle Lokalkolorit der Prostituierten bietet in "Princesas" nur den malerischen Hintergrund für die Geschichte einer Freundschaft zweier ungleichen Frauen, die fast schon erotische Züge annimmt: Zuleima hat den Körper, den sich Caye wünscht, und Caye hat die sichere Bleibe, von der Zuleima nur träumen kann.

Während sich Zuleima aus wirtschaftlicher Not prostituiert, um ihrer Mutter und ihrem kleinen Sohn Geld nach Hause zu schicken, wird nie klar, warum Caye eigentlich diesen Beruf gewählt hat. Regelmässig sieht man sie im gutbürgerlichen Familienkreis am Tisch sitzen, wobei Cayes verwitwete Mutter im Mittelpunkt des Gespräches steht. Keiner fragt je nach Cayes Arbeit. Ihre Schwester ist Schuldirektorin, erfährt man, und wenn man Caye reden hört, klingt das auch eher wie aus dem Mund einer Philosophie- oder Literaturstudentin, als aus dem einer Hure. Caye strahlt eine seltsame Resigna­tion oder Melancholie aus. Die Frage, warum sie nicht etwas anderes macht, um ihr Geld zu verdienen, wird im Film nicht beantwortet. Dadurch erscheint die Prostitution als ihre freie Wahl, in der es jedoch weder Glück noch einen Ausweg gibt. Unterstrichen durch die Musik von Manu Chao gerät die Geschichte der beiden Prostituierten so zu einer schicksalhaften Romanze zweier schönen Frauen, "Prinzessinnen" eben, die sich aus nicht ganz ersichtlichen Gründen in einem unschönen Umfeld herumtreiben.

"Vers le sud" hat nichts von solch romantisch verklärter Sicht auf die nackten Tatsachen der Prostitution. Der Film zeigt nüchtern und präzis, wie Menschen andere benutzen, um das zu bekommen, was sie brauchen. In "Vers le sud" sind es für einmal nicht Männer, sondern Frauen, die aus den reichen Ländern der Weissen nach Haitit kommen, um sich an den schwarz glänzenden Körpern der jungen Männer zu laben. Die Geschichte spielt Ende der 70er Jahre. In Haiti herrscht eine Regierung, die in unerhörtem Luxus prasst, während die Bevölkerung an Hunger leidet und der polizeilichen Willkür auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. In dieser politisch-wirtschaftlichen Zwangsjacke hat der hübsche Legba einen Weg gefunden, um zu überleben: Er steht Touristinnen für erotische Dienste zur Verfügung. Dafür wird er von ihnen unauffällig bezahlt und auffällig beschenkt. Doch selbst diese kleine Freiheit findet im Getriebe der Macht ihr grausiges Ende.

Die Geschichte handelt jedoch nicht von Legba, sondern von den beiden Frauen, die um ihn kämpfen: Die ältere Helen (Charlotte Rampling), die mit einer zynischen Haltung ihre Liebe zu verstecken versucht, und die jüngere Brenda (Karen Young), die Legba auf eine rührend naive Weise liebt. Die Sehnsucht dieser beiden Frauen ist auf Legbas Körper fixiert, wie die Sehnsucht von François auf den Körper von Daniela. Genauso wie in "Combien tu m'aimes?" die Prostituierte Daniela zwischen den Angeboten zweier Männer, dem ihres Zuhälters und dem ihres Freiers, wählen kann, genauso kann auch Legba in "Vers le sud" zwischen den Angeboten der beiden Frauen Helen und Brenda wählen. Interessanterweise geht es beide Male um eine Wahl zwischen Macht und Liebe. Die Frauen bieten Legba nicht nur Geld, Aufmerksamkeiten und ihre körperlichen Reize an, sondern locken ihn auch mit einem Pass und der Möglichkeit, der Diktatur seines Landes zu entfliehen. Legba verzichtet darauf. Als Mann versteht er sich nicht als Strichjunge, was einer männlichen Prostituierten gleichkäme, sondern als jemand, der Frauen glücklich zu machen versteht - wenn und wann es ihm beliebt. Die Frauen warten darauf, dass er sich ihnen zuwendet. Sie können ihn nicht nach Belieben und Bedarf kaufen, auch wenn sie ihn für seine Dienste bezahlen. Trotz seiner wirtschaftlichen Abhängigkeit nimmt sich Legba die Freiheit der Selbstbestimmung.

Hier zeigt sich ein geschlechtsspezifischer Aspekt von Prostitution: Wenn eine Frau sich nach Lust und Laune Männern hingibt und dafür bezahlt wird, gilt sie als Hure. Wenn sich aber ein Mann nach Lust und Laune Frauen hingibt und dafür bezahlt wird, heisst das noch lange nicht, dass er sich prostituiert. Die Zärtlichkeit, die Legba den Frauen angedeihen lässt, liesse sich ohne weiteres als eine Form von Liebe verstehen, was das Gegenteil von Prostitution wäre. Dagegen steht Danielas Zärtlichkeit, mit der sie François begegnet, so lange im Verdacht, nur dem Zweck des Gelderwerbes zu dienen, bis sie diesem abschwört und sich in den Stand der Ehe und wirtschaftliche Abhängigkeit begibt. Die Unvereinbarkeit von Prostitution und Liebe kommt am deutlichsten in "Princesas" zum Vorschein, als die aufkeimenden Liebesbeziehungen von Caye und Zuleima zu zwei sympathischen jungen Männern an ihrem Gewerbe scheitern.

Die Prostitution wird in diesen drei Filmen als eine Dienstleistung der besonderen Art gezeigt: Auf der einen Seite täuscht sie Liebe vor, um Geld zu erwerben, auf der anderen Seite scheint in diesem Gewerbe die Liebe ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Liebe und Gelderwerb schliessen sich gegenseitig aus. Liebe ist offenbar erst dann möglich, wenn das Geld keine Rolle mehr spielt, wie am Ende von "Combien tu m'aimes?". Trotzdem gibt es auf der Skala zwischen Liebe und Gelderwerb viele verschiedene Schattierungen von liebevoller Zärtlichkeit und geschäftstüchtiger Prostitution, die selbst vor dem Stand der Ehe keinen Halt machen. In "Combien tu m'aimes?" stellt sich die Frage, ob eine Ehefrau, die von ihrem Mann ausgehalten wird unter der Bedingung, dass sie ihm zu Diensten ist, nicht auch zu einer Prostituierten gemacht wird. Mögen die drei Filme von ihrem Zugang zum Thema, von ihrem Genre und von ihrer Gewichtung her die Prostitution noch so verschieden darstellen, sie kommen nicht um die Frage herum, die durch das Phänomen der Prostitution immer wieder aufgeworfen wird: Es ist die uralte Frage nach dem Verhältnis von Liebe und Geld, privatem Empfinden und öffentlichen Machtverhältnissen, individuellem Bedürfnis und gesellschaftlichen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung, die in jedem einzelnen Fall neu entschieden wird.

 

Sascha Badanjak ist freie Journalistin, Illustratorin und Kunstmalerin. Sie hat an der Universität Zürich Ethnologie, Filmwissenschaft und Philosophie studiert.


 
 

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