Pornos, Hass und Jugendschutz
Das Internet zieht in die Schulen ein, die hässlichen Seiten kommen mit
Pornografische Bilder und rassistische Hetze im Schulzimmer? Das Risiko steigt mit der zunehmenden Verbreitung des Internets in der Volksschule. Ob aus Neugierde, per Zufall oder mit geübtem Bedacht: Schülerinnen und Schüler werden den hässlichen Inhalten des Internets vermehrt begegnen. Zensur ist eine Reaktion; das Böse und Verderbliche soll von der Schule ausgesperrt bleiben. Eine liberale Position vertritt Thomas Baumann. Er will die Jugend nicht mit Repression schützen, sondern mit Erziehung zur Medienkompetenz. Das Medienheft sprach mit dem Fachmann für Informatikdidaktik.
Von Matthias Bachmann
Als der Zürcher Regierungsrat Ernst Buschor im Januar 1998 die Öffentlichkeit über das “Schulprojekt 21” informierte, war sein Ansinnen so aufregend, dass der Tages-Anzeiger am Tag darauf von einer “Revolution an der Volksschule” berichtete. Buschors Absicht: Das “Schulprojekt 21” sollte – neben Englisch – gesponserte Computer und Internetzugänge in die Schulzimmer bringen, angefangen bei den Erstklässlern. Die Kinder sollten damit frühzeitig mit den von der Wirtschaft geforderten Kulturtechniken vertraut gemacht werden, lautete die Begründung.
Heute vermag zwar die Sache mit dem Englischunterricht die Gemüter wieder – oder erst recht – zu erhitzen. Beim Internet jedoch verhält es sich gerade umgekehrt. Niemand bezweifelt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis jedes Schulzimmer dranhängt. Die Schweiz, die EU, alle haben ihre E-Bildungs-Offensiven gestartet. Zur Legitimation muss nicht mehr die ökonomische Anschlussangst aus den Rezessionsjahren bemüht werden. Thomas Baumann, verantwortlich für Informatikdidaktik in der Sekundar- und Fachlehrerausbildung der Universität Zürich, sieht im Umgang mit dem Internet schlicht eine “Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts“. Wenn sich Branchen wie das Bankwesen zusehends aufs Web verlagern, wenn der Bundesrat das “E-Government” ausruft und wenn wir unsere Socken schon heute im Internet beziehen: dann wird der Umgang mit dem Internet so wichtig wie lesen und schreiben.
Allerdings macht gerade das offizielle Eindringen des Webs in die Kinder- und Jugendwelt wieder bewusst, wie ungebändigt dieses Medium nach wie vor ist. Pornografie bleibt der florierendste Sektor im Web. Verunglimpft, beleidigt und gedroht wird auf zahllosen Sites, in Newsgroups und via E-Mail – “Hatespeech” nennen es die Amerikaner. Die Rolle des Internets in der rechtsextremen Szene mag zwar von Medien und Politikern überzeichnet sein. Rassistische und nazistische Propaganda ist im Web nichtsdestotrotz leicht zu finden. – Vieles von dem also, was nie in eine Schulstube eindringen sollte, liegt im Internet ein, zwei Mausklicks entfernt – nicht näher, aber auch nicht ferner als Walt Disney und das Schweizer Schulnetz. Wen wundert’s, haben Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Behörden Angst vor Missbräuchen des Internets.
In dieser Situation liegt der Ruf nach Schutzmassnahmen auf der Hand. – In Deutschland etwa tut sich derzeit die CDU als “Jugendschützerin” hervor und bietet auf der Website www.netzgegengewalt.de eine ganze Palette von Vorschlägen, um das Internet (nicht nur vor illegalen, sondern auch vor legalen, aber sogenannt jugendgefährdenden) Inhalten zu säubern.
Wie aber lässt sich ein Schulzimmer sauber halten? Folgende technischen Lösungen sind praktikabel:
Filtersoftware: Es gibt grundsätzlich zwei Typen von Filtersoftware, die sich beliebig kombinieren lassen: Screening und Rating. Screening meint: Alle angeforderten Dokumente werden auf bestimmte Stichworte hin gefiltert. Taucht ein entsprechendes Stichwort auf, wird das Dokument nicht angezeigt. Rating meint: Die Software benutzt einen (versteckten) Index “verbotener” Websites. Solche (natürlich geheimen) Indizes werden von Herstellern entsprechender Software aufgebaut und gepflegt und sorgen regelmässig für Skandale, etwa dann, wenn auffliegt, dass die Hompage einer Homosexuellen-Organisation oder eines Anti-Zensur-Aktivisten gesperrt wurden. Auf einem ähnlichen, allerdings über Freiwillige Selbstkontrolle organisierten Mechanismus (PICS), funktioniert übrigens die im Webbrowser Internet Explorer integrierte Kindersicherung.
Firewall: Eine Firewall basiert zwar auf der gleichen Logik wie Filtersoftware, was das Aussieben unliebsamer Inhalte betrifft. Im Unterschied zur Software von der Stange kann sie aber minuziös konfiguriert werden (und erfordert das entsprechende Know-how). Eine Schule ist mit einer Firewall also unabhängiger und kann nach eigenem Ermessen Websites bzw. Stichworte filtern.
“Repression ruft nur Gegenmassnahmen auf den Plan”. – Baumanns Antwort auf die Filtermöglichkeiten ist klar. Denn die digitalen Schutzschilder haben eines gemeinsam: Sie sind zu knacken oder zu umgehen. So alt wie Schutzsoftware sind Websites, die erklären, wie diese Software zu knacken ist; die bekannteste dieser “Kids gegen Zensur”-Pages ist www.peacefire.org, gegründet 1996 vom damals 18-jährigen New Yorker Bennet Haselton. Und die Schutzschilder taugen noch viel weniger, wenn sie bloss beim Schul-PC installiert sind, zu Hause aber oder beim Kollegen die “filterfreie” Surfstation steht.
Insofern aber bedeutet der Entscheid, das Internet zu nutzen, das ganze Internet im Klassenzimmer zu haben. Baumann verneint das nicht – er sieht es als Chance. “Zur Medienkompetenz gehört der Umgang mit Schrott”. Über kurz oder lang wird also in jeder Klasse irgendwo eine pornografische Abbildung auf den Bildschirm geraten und peinliches Gelächter auslösen. Ebenso werden Schülerinnen und Schüler mit Rassismus und Hatespeech konfrontiert. Baumann erwähnt das Beispiel eines jüdischen Mädchens, das im Schulunterricht ein Selbstporträt fürs Web erstellte und daraufhin rassistische und sexistische Mails erhielt. Nach Vorgesprächen mit den Eltern und dem betroffenen Mädchen konnte Baumann diese Realität auch in der Schulklasse thematisieren.
Der Umgang mit “Schrott” wird somit zum integrierten Bestandteil dessen, was Baumann “Medienkompetenz” nennt und für ihn die beste aller Firewalls darstellt: Kinder und Jugendliche sollen mit dem Internet umgehen können, und Lehrerinnen und Lehrer sollen klare Aufträge erteilen, welche die Schülerinnen und Schüler motivieren. Etwas genauer: Baumann möchte, dass die Jugendlichen im Internet recherchieren, kommunizieren und publizieren können. Recherchieren meint etwa: Schülerinnen und Schüler erarbeiten ein Thema mit Hilfe von Websites, die der Lehrer vorrecherchiert hat. Kommunizieren meint zum Beispiel: Eine Schweizer Klasse pflegt eine “Mailfreundschaft” mit einer australischen Klasse (und lernt dabei neben Englisch auch kulturelle Verständigung: Wie sage ich einem Australier, dass mein Ciao auf 65 frisiert ist?). Publizieren kann bedeuten: Die Jugendlichen bearbeiten eine Projektarbeit mit entsprechender Webpublishing-Software und stellen diese zusammen mit einem Selbstportrait ins Netz.
Diese Form des Jugendschutzes erfordert natürlich auf Lehrerseite erhebliche Kompetenzen. Baumann stellt zwar ein hohes Interesse fest und grosse Bereitschaft zur Weiterbildung, bemerkt aber auch einen Mangel an Hilfestellungen für Lehrkräfte: Es gibt kaum eine qualitative Übersicht über Neue Medien und Webpages nach pädagogischen und lernpsychologischen Gesichtspunkten. Es bleibt also keiner Lehrerin, keinem Lehrer erspart, “selber wieder einmal eine Nacht durchzusurfen”, so Baumann, wenn sie das Internet kompetent einsetzen wollen.
Mit anderen Worten: Die Lehrerausgabe des Internets fehlt zwar. Dafür scheint in seiner pädagogischen Unzivilisiertheit gerade für Klassenstuben eine Chance zu liegen, sich qua virtuelle Welt mit der wirklichen zu konfrontieren und dadurch ebenso reale Kompetenzen zu gewinnen.
- Dateien:
Jugendschutz_01.pdf
