Politikerinnen sind in den Medien untervertreten
Eine Medienstudie von Bettina Nyffeler zu den Eidg. Wahlen 1999
Frauen haben gemessen an ihrem Anteil an Kandidaturen bei Wahlen noch immer eine geringere Medienpräsenz. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Medien und den verschiedenen Sprachregionen. Auch die Parteien und die Wahlkampfthemen sind bei den Sendern unterschiedlich präsent. Das zeigt eine Studie von Bettina Nyffeler, die im Auftrag der SRG SSR idée suisse und der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen in Zusammenarbeit mit dem SRG SSR Forschungsdienst erstellt wurde.
Judith Arnold
Bei den Eidgenössischen Wahlen 1999 betrug der Frauenanteil der Kandidaturen 35 Prozent. Damit kamen die Kandidatinnen in der Fernseh-Berichterstattung mit einem Redeanteil von insgesamt 18 Prozent unterdurchschnittlich zu Wort. Der höchste Redeanteil der Kandidatinnen findet sich mit 29 Prozent bei TSR, der geringste bei TSI und TV3 (11 bzw. 8 Prozent). Demgegenüber waren sowohl die Kandidatinnen als auch die Journalistinnen bei den Radiostationen der SRG SSR deutlich stärker vertreten: Beim Radio betrug der Redeanteil der Kandidatinnen 31 Prozent, wobei auch hier der Westschweizer Sender RSR mit 37 Prozent die grösste Frauenpräsenz aufwies.
Die Studie, die am 6. Februar in Bern präsentiert wurde, basiert auf den Daten einer umfassenden Inhaltsanalyse: Untersucht wurden die Sendungen der SRG SSR Fernsehstationen aller Sprachregionen (SF DRS 1, TSR 1, TSI 1) sowie die Sendungen privater Anbieter mit sprachregionaler Reichweite (Tele24, TV3, TeleTicino), die während den letzten vier Wochen des Wahlkampfs 1999 zur Hauptsendezeit ausgestrahlt wurden. Zusätzlich wurden die Wahl-Sondersendungen der SRG SSR Radios in allen Sprachregionen untersucht.
Medienpräsenz nach Partei
Der grösste Anteil an Redezeit fällt den Regierungsparteien zu. Über alle TV-Sender hinweg kamen Vertreterinnen und Vertreter der SPS länger zu Wort als jene der FDP, CVP und SVP. Von den Parteifrauen hatten jene der SPS mit 32 Prozent die grösste Medienpräsenz, gegenüber den CVP-Frauen mit 21 Prozent, den FDP-Frauen mit 14 Prozent und den SVP-Frauen mit nur noch einem Prozent. Im Vergleich zu ihrem Anteil an Kandidaturen waren die Frauen aller Regierungsparteien im Fernsehen untervertreten.
Andere Ergebnisse zeigt die Untersuchung der Radiosendungen: Beim Radio der SRG SSR kam die FDP am längsten zu Wort, vor der CVP, der SPS und der SVP. Im Unterschied zu den Fernsehstationen waren bei den Radios die Parteifrauen der CVP, SPS und SVP angemessen und jene der FDP, LPS und PdA sogar gut vertreten.
Wichtigste Wahlkampfthemen
Im Fernsehen wurde am längsten über den Wahlkampf und die schweizerische Aussenpolitik gesprochen. An dritter Stelle stand der Themenbereich Politik und Parteipolitik noch vor der Wirtschaftspolitik, den Finanzen oder der Asyl- und Flüchtlingspolitik. Dabei gab es keinen Unterschied in der Besetzung dieser Themen durch Männer und Frauen.
Präsenz der Journalistinnen und Journalisten
Die Studie beleuchtet neben der Medienpräsenz der Kandidierenden auch jene der Medienschaffenden: Insgesamt sind die Journalistinnen in den Wahlbeiträgen der Fernsehstationen mit einem Redeanteil von 24 Prozent vertreten, wobei enorme Unterschiede zwischen den Sendern feststellbar sind: Bei TRS haben die Journalistinnen mit 60 Prozent den höchsten Redeanteil, gefolgt von SF DRS mit 37 Prozent. Bei Tele24 und den Stationen im Tessin (TeleTicino, TSI) ist der Redeanteil der Journalistinnen nur noch gering (18, 14 und 11 Prozent).
Journalistische Formate und Kommunikationsstile
In der politischen Berichterstattung ist eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung feststellbar: Während die Journalistinnen überwiegend berichten und moderieren, sind ihre männlichen Kollegen in gesprächsorientierten Sendungen wie politischen Talks und Diskussionsrunden dominant. Diese bilden jedoch das bedeutendste journalistische Format im Wahlkontext. Nur bei TRS und den Radiostationen der SRG SSR war diese Arbeitsteilung nicht vorhanden.
Im Kommunikationsstil der Medienschaffenden zeigen sich für Radio und Fernsehen vergleichbare Ergebnisse. Demnach bewerten oder unterbrechen die Medienschaffenden die Kandidierenden nicht und lassen Frauen und Männer etwa gleich lang sprechen.
Zu den Ergebnissen meint Armin Walpen, dass die Schweiz in all ihren Facetten im Zentrum der idée suisse stehe. Dabei seien nicht nur die Sprachregionen, sondern alle gesellschaftlichen Gruppen zu berücksichtigen, so auch die spezifischen Ansprüche der Frauen. Es sei daher notwendig, die Wahlsendungen sorgfältig zu planen. Zudem sei darauf zu achten, dass in den Medienunternehmen kompetente Journalistinnen vermehrt wichtige Stellungen einnehmen.
Literatur:
Nyffeler, Bettina (2001): Eidgenössische Wahlen 1999: Medien, Politik und Geschlecht. Geschlechtsspezifische Analyse des Informationsangebots von Schweizerischen Fernseh- und Radiostationen mit nationaler Ausstrahlung am Beispiel der Vorwahlsendungen zu den eidgenössischen Wahlen 1999. Im Auftrag der SRG SSR idée suisse und der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen. Bern, Februar 2001: www.frauenkommission.ch/pdf/99integralfassung_wahlstudie_d.pdf
Stadler, Sonja (2004): Eidgenössische Wahlen 2003: Medien, Politik und Geschlecht. Eine geschlechtsspezifische Analyse des Informationsangebots von Schweizer TV- und Radio-Stationen im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen 2003. Im Auftrag der SRG SSR idée suisse, der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und des Bundesamts für Kommunikation. Bern, November 2004:
http://www.forschungsdienst.ch/d/download/2005/VOLLVERSION%20Medien%20Politik%20und%20Geschlecht%202003_mj_V.pdf
Hardmeier, Sibylle/ Klöti, Anita (2004): Doing Gender im Wahlkampf 2003 (2003-2004). Forschungsprojekt, im Auftrag des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung: http://www.frauenkommission.ch/pdf/33_hardmeier_kurz_d.pdf
- Dateien:
p15_StudieNyffelerBettina_01.pdf
