Networks ohne Ancorman
Tom Brokaw und Dan Rather treten zurück
Die Moderatoren der grossen amerikanischen Networks, die über Jahre hinweg die Nachrichten prägten, treten nach und nach ab. Derweil wird das Fernsehpublikum immer älter, spärlicher und fragmentierter. Orientierung ist gefragt, doch Anchormen, die in der Informationsflut Bestand haben, werden rar.
Von Gerti Schön
Man nannte sie das Triumvirat. Über 20 Jahre lang haben drei Männer die amerikanischen Fernsehnachrichten auf den landesweit verbreiteten Networks dominiert: Tom Brokaw von NBC, Peter Jennigs von ABC und Dan Rather auf CBS. Doch zwei davon haben in diesem Jahr ihren Rücktritt angekündigt: Tom Brokaw verlässt heute seinen Moderatorensessel, weil er nach 21 Jahren schlichtweg genug hat. Doch Dan Rather, der nach einer Rekordzeit von 24 Jahren als Anchorman die Abendnachrichten von CBS nächsten März verlässt, musste unter Druck seinen Hut nehmen.
Es ist das Ende einer Ära meinen viele Medienkritiker, wenn man sich die Geschichte und die Bedeutung der abendlichen Nachrichten anschaut. Mehr und mehr Zuschauer bekommen heute ihre Informationen von reinen Nachrichtensendern oder aus dem Internet. Vor allem jüngere Nachrichtenkonsumenten scheuen die Networks, liegt das Durchschnittsalter ihrer Zuschauer doch bei über 60 Jahren. Und obwohl noch immer rund 36 Prozent der amerikanischen TV-Haushalte ihre Informationen zur gleichen Sendezeit, jeden Abend um halb sieben, von den drei Networks ABC, CBS und NBC bekommen, verloren sie in den vergangenen zehn Jahren ein Drittel ihrer Zuschauer. "Die Zukunft dieser hoch bezahlten und geschulten News-Anchors ist begrenzt", urteilt David Blum, Dozent an der Journalistenschule der New Yorker Columbia University. "Sie stellen einen Anachronismus in der Nachrichtenwelt dar. Die meisten Leute wollen einfach nicht mehr bis um halb sieben warten".
Dinosauriersterben
Die Anti-Anchor-Bewegung zieht noch weitere Kreise. Auch andere seriöse Nachrichtensendungen traditioneller Machart sind bedroht, wie die beinahe legendären "60 minutes" auf CBS oder "Nightline" auf ABC. ABC hat eine "Überholung" der Show angekündigt, die einen der leitenden Journalisten dazu veranlasste, zu gehen. Ted Koppels Vertrag läuft im nächsten Jahr aus.
Die "Dinosaurier", wie die Network-Anchormen oft und gern genannt werden, haben ausgedient, und mit ihnen ihre Präsentationsweise. Die Nachrichtenunternehmen müssten lernen, wie man fragmentierte Zuschauerschichten anspricht, heisst es in einem neuen Report des "Projects for Excellence in Journalism" über die Zukunft der Nachrichten. Ein Massenpublikum erreichen zu wollen, sollte man sich abschminken. Die einzigen News-Angebote, die Zuwachsraten vermelden, seien Onlinemedien und Infos für ethnische Minderheiten.
Dabei hatte alles so gut angefangen: Die Network-News wurden mit den Übertragungen von den Schauplätzen des Vietnamkrieges zur meist geschätzten Nachrichtenquelle der Amerikaner. Walter Cronkite, vor Dan Rather das legendäre Gesicht der CBS-Abendnachrichten, galt Ende der 60er-Jahre als der vertrauenswürdigste Mann Amerikas. "Wenn wir Walter verlieren, dann verlieren wir das ganze Land", hatte der damalige Präsident Lyndon Johnson gesagt, als Cronkite aus Vietnam zurückkam und den Krieg für nicht zu gewinnen erklärte. Wochen später war die Antikriegsbewegung so gewachsen, dass Johnson auf eine Wiederwahl verzichtete. Eine solche Rolle hat kein Journalist, weder im ersten noch im zweiten Irakkrieg, jemals wieder einnehmen können.
Doch der kommerzielle Wert der Network-News ist für die Medienkonzerne, die sie besitzen, noch immer unschätzbar. 100 Millionen Dollar nehmen die drei News-Divisionen zusammen genommen im Jahr ein, eine Goldgrube, die man so schnell nicht aufgeben will. CBS scheint denn auch in seiner Suche nach einem Nachfolger für Rather bei den bekanntesten Namen des US-Nachrichtengeschäfts zu hausieren. Und Tom Brokaws Nachfolger auf NBC, Brian Williams, will sich vor allem ein Label nicht anheften lassen: dass er dem Weltgeschehen im sicheren Abstand von seinem warmen Sessel aus zuschaut. Er reist daher von Ereignis zu Ereignis und moderiert vor Ort die Abendnachrichten, so wie es seine Vorgänger in den letzten Jahren schon praktiziert haben.
Talk und Tränen
Auf der Suche nach neuen Rezepten, die Nachrichten attraktiver zu machen, sind auch CBS und CNN. "Unsere Nachrichtenabteilung braucht eine Infusion in den Arm", meinte CBS-Chef Leslie Moonves kürzlich, ohne ins Detail zu gehen. CNN wurde konkreter: Der "Time Warner"-Sender heuerte einen neuen Präsidenten, Johnathan Klein, an, der es als seine wichtigste Aufgabe ansieht, den bisherigen News-Anchors mehr "Leidenschaft" zu verleihen. "Ich bin nicht sicher, dass sie ihr wirkliches Ich zeigen", meinte Klein auf einer Pressekonferenz. "Sie müssen sich selbst die Erlaubnis geben, es zu zeigen". So wie die Talk- und Tränen-Queen Oprah Winfrey zum Beispiel oder CNN-Kriegsreporterin Christiane Amanpour.
Im Klartext: Auch auf CNN wird es künftig eindeutigere Stellungnahmen für oder gegen eine Position geben, so wie es die Bill O'Reillys und Chris Matthews' auf den Nachrichtenkanälen Fox News oder MSNBC längst vormachen und durch höhere Quoten belohnt werden. "Früher kamen die Reporterqualitäten zuerst und dann kam die Persönlichkeit", meint Jill Geissler. "Heute ist es andersrum".
Dabei haben die Networks nach Ansicht vieler Medienkritiker durch ihre zunehmende Seichtigkeit an ihrem eigenen Niedergang mitgewirkt. Vor allem in den Jahren nach dem Fall der Mauer und vor dem 11. September 2001 reduzierten die Networks ihre Auslandberichterstattung auf ein Minimum, weil sie kostenintensiv ist und als wenig quotenträchtig im eigenen Lande gilt. Als einen weiteren Meilenstein in dieser Entwicklung sieht Tom Rosenstiehl, Direktor des "Projects for Excellence in Journalism", die Entscheidung der Networks in diesem Jahr, die Parteikonventionen des Wahlkampfes nur in kurzen Ausschnitten zu übertragen. Die Folge: Der Kabelsender Fox News überholte die Networks zum ersten Mal mit seinen Quoten. "Dies war der Augenblick, als die Networks ihre Autorität gegenüber der amerikanischen Öffentlichkeit aufgegeben haben", kommentiert Rosenstiehl.
Persönlichkeit mit Ecken und Kanten
Doch es sind nicht nur die Zeiten, die sich geändert haben. Dan Rather ist an seinem Niedergang zumindest mitschuldig. Anfang September, der Wahlkampf lief gerade auf vollen Touren, präsentierte der 73-Jährige einen Report über George Bushs Dienst bei der Nationalgarde, wo er nur unregelmässig aufgetaucht war, und laut Rather-Bericht mit Hilfe seiner politischen Verbindungen gedeckt wurde. Rather musste später zugeben, dass er gefälschte Dokumente benutzt hatte, um seine Story zu stützen, obwohl der Inhalt selbst von kaum jemanden angezweifelt wurde. Doch in einem Land, wo die Aufrichtigkeit einer Quelle eine Geschichte schnell zu Fall bringen kann, hatte er damit keine Chance: Rather entschuldigte sich für seinen Lapsus und CBS leitete eine Untersuchung ein, wer die Schuld daran trug.
Rather will mit seinem Abschied dem Ergebnis dieser Untersuchung vorgreifen, das noch im Dezember veröffentlicht werden soll, so Jill Geisler, eine frühere Kollegin, die heute am Poynter Institute für Journalismus lehrt. "Er wäre lieber länger geblieben", meint sie, und die Tatsache, dass CBS keinen Nachfolger bereitstehen hat, deutet darauf hin, dass er am Ende schneller gehen musste als geplant.
Dabei kann man Dan Rather bestimmt nicht vorwerfen, es fehle ihm an Persönlichkeit. Dass er 1987 einfach nicht auf seinem Anchor-Platz erschien, nachdem die Nachrichten wegen eines Tennisspiels verzögert wurden, erzählen sich die Leute noch immer gern. Oder dass er sich eine Woche lang ohne erkennbaren Grund mit dem Wort "Mut!" von seinen Zuschauern verabschiedete. Besonders gern wird er allerdings für seine "Ratherismen" zitiert: Das Präsidentschaftsrennen 2000 bezeichnete er als "wackeliger als ein Wackelpudding", aus Kalifornien wurde "das grosse Burrito". Nicht einmal der steife Ralph Nader wurde verschont: "Es ist wahrscheinlicher, dass ein Nilpferd durch's Zimmer läuft" - wahlweise auch: dass ebenjenes Nilpferd in die Badewanne passt - "als dass Bush Ralph Nader in sein Kabinett holt".
Gerti Schön, Reporterin von European Media, lebt und arbeitet in New York.
- Dateien:
k23_SchoenGerti.pdf
