Keine Kopftuchrichtlinie bei der SRG
(NZZ/ja) Eine Kopftuchrichtlinie sei bei der SRG «völlig unnötig», sagte SRG-Generaldirektor Roger de Weck in einem Interview der NZZ am Sonntag (30.01.2011). Die muslimische Bewerberin, die sich in Lausanne beim Westschweizer Radio beworben habe, sei nicht in die engere Auswahl gekommen, da andere Kandidaten qualifizierter gewesen seien. «Solange es sich um seltene Einzelfälle handelt, liegt es an den Vorgesetzten, mit gesundem Menschenverstand und im Sinne des Unternehmens und des Service public zu entscheiden», so de Weck. «Es gibt bei der SRG nicht etwa zu wenige, sondern zu viele Regeln.»
Mitte Dezember hatte sich beim Radio Suisse Romande (RSR) eine schweizerischägyptische Doppelbürgerin um die Stelle einer Journalistin beworben. Das Bewerbungsdossier hatte für Diskussionen gesorgt, da die Muslimin ein Kopftuch trägt. Laut Tages-Anzeiger vom 7. Januar sah sich die SRG-Generaldirektion dadurch «gezwungen, möglichst rasch Richtlinien für das Tragen religiöser Symbole zu erarbeiten». Die Nachricht provozierte auch Reaktionen in der Politik: Der Zürcher FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger forderte, dass sich die SRG als Service-public-Unternehmen an die gleichen Regeln zu halten habe wie die Verwaltung und die öffentlichen Schulen, die keine Lehrerinnen mit Kopftuch anstellen würden. Und laut der Genfer SP-Nationalrätin Maria Roth-Bernasconi sei die Trennung von Religion und Staat höher zu gewichten als die Religionsfreiheit. Etwas aus dem Blickfeld geraten war in dieser Diskussion allerdings, dass es sich bei der SRG nicht um einen «Staatssender» handelt, sondern um ein Unternehmen auf der Basis eines privatrechtlichen Vereins, das laut Radio- und Fernsehgesetz einen Service-public-Auftrag zu erfüllen habe, wie SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr einwarf. Christliche Symbole seien zudem immer wieder im Fernsehen präsent, zum Beispiel in der Sendung «Sternstunde Religion».
Die Landeskirchen stehen religiösen Symbolen in der Öffentlichkeit entspannt gegenüber, auch wenn es sich um Symbole nicht-christlicher Religionen handelt: «Ein generelles Verbot, als Exponent oder Exponentin der SRG religiöse Symbole wie Kopftuch, Kreuz, Kippa oder Turban zu tragen, ist weder nötig noch vertretbar. Die multikulturell-multireligiöse Gesellschaft ist längst Wirklichkeit, und zwar nicht nur in einigen grösseren Städten, sondern im ganzen Land», sagt Urs Meier, Geschäftsführer der Reformierten Medien im Medienheft (12.01.2011). «Religiöses Revival und Multikultur gedeihen ja gerade dank stabiler Säkularität des gesellschaftlichen Rahmens und vermögen diesen nicht zu gefährden.» Die SRG könne daher gut auf ein Kopftuchverbot verzichten. Bei religiösen Sendungen würde ohnehin niemand ernsthaft den Verzicht von religiösen Symbolen fordern. Bei Programmleistungen hingegen, bei denen die Unabhängigkeit der SRG eine entscheidende Rolle spiele, würde für religiöse Zeichen die gleiche Zurückhaltung gelten wie für alle anderen religiösen und politischen Symbole. Allerdings ziele die Bewerbung der Muslimin neben dem persönlichen Berufswunsch «auch auf Klarstellung, was es mit der viel beschworenen Toleranz und Integration konkret auf sich habe». In diesem Sinn hätte die SRG eine Chance zugespielt erhalten, «den wolkigen Diskurs zu lichten und womöglich gar eine Argumentation zu liefern, auf die andere sich stützen können», so Meier. Dies hätte «ein hilfreicher Service public» sein können.
Quelle:
Medienheft: Kopftuch und SRG – geht das? Urs Meier in Medienheft, 12. Januar 2011: http://www.medienheft.ch/de/nc/14/date/0000/00/00/kopftuch-und-srg-geht-das/article/8.html
NZZ am Sonntag: «Aus der Parteipolitik halte ich mich raus». Interview mit Roger de Weck von Francesco Benini in: NZZ Online, 30. Januar 2011: http://www.nzz.ch/nachrichten/startseite/aus_parteipolitik_halte_ich_mich_raus_1.9271952.html
Tages-Anzeiger: SRG-Kandidatin mit Kopftuch löst Wirbel aus. Patrick Feuz und Martine Clerc in Tages-Anzeiger, 07.01.2011: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/SRGKandidatin-mit-Kopftuch-loest-Wirbel-aus/story/13237242
Tages-Anzeiger: Die Kopftuch-Frage holt die SRG ein. Claudia Blumer in Tages-Anzeiger, 08.01.2011: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Die-KopftuchFrage-holt-die-SRG-ein/story/18714521
