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13.07.01
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Von: Rettenmund, Martina

Journalistinnen in Europa
Eine international vergleichende Analyse

Ein Vergleich von vier europäischen Staaten zeigt, dass die Partizipation von Frauen im Journalismus nicht von den jeweiligen sozialpolitischen Rahmenbedingungen abhängig ist, sondern von den Systemregeln im Journalismus. So arbeiten in Dänemark nicht mehr Journalistinnen als in Italien. Und frauenpolitisch berichtende Journalistinnen in Spanien wählen ihre Themen gleich aus wie ihre Kolleginnen in Deutschland. Ergebnisse einer empirischen Analyse von Margret Lünenborg.

Von Martina Rettenmund

Ende Juni weilte die Leipziger Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Dr. Margret Lünenborg auf Einladung des Fördervereins Medienwissenschaft und der Abteilung für die Gleichstellung von Frauen und Männern der Universität Bern in der Landeshauptstadt, um Ergebnisse ihrer Dissertation über die Situation von Journalistinnen in Europa vorzustellen. Die dabei präsentierten Untersuchungsresultate lassen zeitweilig staunen. Sie zeigen ein Bild von Westeuropa, dessen Staaten sich zwar in Bezug auf ihre wirtschaftliche, politische und soziale Situation klar voneinander unterscheiden, dessen Systemregeln im Journalismus sich aber über die Landesgrenzen hinweg in Bezug auf die Geschlechterstruktur durch eine überraschende Homogenität auszeichnen. Sie zeigen zudem ein Bild des Journalismus, der die gesellschaftlichen Realitäten als System nicht erfüllt und dessen alte, tradierte Mechanismen - insbesondere in Bezug auf die Partizipation von Frauen - überholt sind.

 

Datengrundlage

Margret Lünenborg hat in ihrer empirischen Analyse insgesamt vier Staaten - Dänemark, Deutschland, Italien und Spanien - vergleichend untersucht. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht die Frage, wie sich die Geschlechterstruktur im Kontext der sozialen Lebensbedingungen von Frauen sowie der spezifischen Entwicklung der jeweiligen Mediensysteme gestaltet. Diese Frage stellt sich gerade im Journalismus, der nach der Systemtheorie als soziales Teilsystem in der Gesellschaft eine Sonderstellung einnimmt, weil in ihm die Kommunikation, Bestandteil eines jeden Systems, auch der Zweck des Systems ist. Inhalt und Vermittlung dieser Kommunikation sind abhängig von den Menschen, die diesem Teilsystem angehören. "Die Geschlechterstruktur der Medienschaffenden hat also zwangsläufig Auswirkungen auf den Strukturzusammenhang der Medienproduktion - auf Funktionsrollen, interne Segmentierung des Systems und damit letztlich auch auf die Medieninhalte", sagt Margret Lünenborg.

Um der Vielschichtigkeit dieses Themas gerecht zu werden, hat sich Lünenborg für ihre empirische Analyse auf eine breite Datenbasis gestützt. Zum einen führte sie in den vier Ländern eine quantitative Beschreibung der Geschlechterstruktur im Journalismus durch, indem sie vorhandene, nationale Erhebungen über Journalistinnen und Journalisten geschlechtsspezifisch auswertete. Zum anderen erarbeitete sie Fallstudien von nationalen Tageszeitungen. Sie analysierte dafür Texte und führte explorative Interviews mit Experten und Expertinnen aus der Medienbranche durch, beispielsweise mit Redaktorinnen, Chefredaktoren oder Mediengewerkschafterinnen. Schliesslich interviewte Margret Lünenborg 32 Journalistinnen, die sich in ihrem Berufsalltag hauptsächlich mit frauenpolitischer Berichterstattung beschäftigen. Eingebettet werden diese Aussagen über den Journalismus in statistische Rohdaten der einzelnen Länder, wie die demographische Zusammensetzung der Bevölkerung und die wirtschaftliche oder soziale Situation. Mit diesem dreistufigen Vorgehen betrachtet Margret Lünenborg das Thema nicht von einem isolierten Blickwinkel her, sondern sie stellt die Geschlechterverhältnisse in den Medien in Relation mit den Entwicklungen in den Mediensystemen und den ökonomischen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen des betroffenen Landes.

 

"Kein männerfeindlicher Beruf"

Die Auswertung der Analyse zeigt, dass Journalismus nach wie vor mehrheitlich von Männern gemacht wird. Zwar spricht man heute nicht mehr - wie noch in den 70er- und 80er-Jahren - vom Journalist als einem klassischen Männerberuf; der Anteil an Journalistinnen ist in allen vier untersuchten Ländern in den letzten Jahrzehnten angestiegen. Ein "männerfeindlicher Beruf" sei es aber noch lange nicht, stellt Lünenborg in Bern nicht ohne Ironie fest. In Zahlen ausgedrückt liegt der Frauenanteil in allen Ländern zu Beginn der 90er Jahre im Schnitt bei einem Drittel. Den höchsten Anteil (32 Prozent) verzeichnet Dänemark, den tiefsten (17 Prozent) Spanien, dessen Aussagewert wird aber stark relativiert durch den hohen Anteil an Journalistinnen in Katalonien (30 Prozent). Die Gleichförmigkeit der Werte in allen vier Vergleichsstaaten erstaunt - umso mehr, als die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern bezüglich der Erwerbsquote und der durchschnittlichen Dauer der Berufstätigkeit von Frauen, sowie seiner verfügbaren Angebote zur Vereinbarkeit privater, familiärer und beruflicher Interessen sehr gross sind.

 

Tabelle 1: Anteil an Journalistinnen in den Vergleichsstaaten (in Prozent). Aus: Lünenborg, Margret (1997): Journalistinnen in Europa, S. 108, Tabelle 7.

* umfasst freie und festangestellte Journalistinnen und Journalisten

** umfasst nur festangestellte Journalistinnen und Journalisten

 

Margret Lünenborg schliesst aus diesen Ergebnissen, dass sozialpolitische Massnahmen zur Unterstützung der Erwerbstätigkeit von Frauen keine unmittelbare Auswirkung auf die Partizipation von Frauen im Journalismus haben. Das spezifische Image, mit dem Journalismus behaftet ist, führt zu geschlechtsspezifischen Ausgrenzungen. "Männer wie Frauen glauben, im Journalismus allzeit bereit sein zu müssen, kein Privatleben mehr zu haben, ständig im Stress zu sein," sagt Margret Lünenborg. Dabei werde heute in den Redaktionen hochgradig arbeitsteilig gearbeitet. Dies zeige, so Lünenborg, dass der "Mythos des idealen Journalisten" und des "rasenden Reporters" nach wie vor bestehe und eine verstärkte Beteiligung von Frauen behindere.

 

"Frauenzeitschriften" und "Männerzeitungen"

Bestimmender für die verstärkte Partizipation von Frauen als die jeweiligen Arbeitsbedingungen sind nach Margret Lünenborgs Untersuchungen die unterschiedlichen Medientypen. Der Anteil an Frauen auf den Redaktionen ist demnach abhängig von der Art des Mediums. Bei den gedruckten Medien finden sich nach wie vor am meisten Frauen in den Redaktionen von Zeitschriften - und das in allen vier Ländern. Tageszeitungen wiederum, auch das ist bekannt, sind klar männerdominiert. Eine Ausnahme bilden die neuen Länder der Bundesrepublik Deutschland, was sich historisch erklären lässt: nach der Wende blieben dort die Tageszeitungen mitsamt ihrer Crew zumeist erhalten, der Frauenanteil ist dort auch heute noch recht hoch. Nicht so beim Fernsehen: dort entstanden nach 1990 neue Sendeanstalten nach dem Vorbild Westdeutschlands, die einen niedrigen Frauenanteil aufweisen. "Der Osten Deutschlands passt sich in Bezug auf die Teilhabe von Frauen am Journalismus dem niedrigen westdeutschen Niveau an," stellt Margret Lünenborg fest. Festhalten lässt sich aber, dass der Anteil an Journalistinnen bei den nationalen Tageszeitungen im Schnitt höher liegt als bei den Tageszeitungen insgesamt.

Bei Hörfunk und Fernsehen zeigt sich in allen vier Ländern, dass bei den kommerziellen Radio- und Fernsehstationen der Anteil an Journalistinnen höher ist als bei staatlichen oder öffentlich-rechtlichen. Hier bildet einzig der staatliche spanische Sender TVE eine Ausnahme, der etwas mehr Journalistinnen beschäftigt als seine kommerziellen Konkurrenten. Das mag auch daran liegen, dass sich TVE als staatlicher Sender stark auf die verschiedenen Regionen innerhalb Spaniens ausdifferenziert hat.

 

Sportressort nach wie vor eine Männerdomäne

Überraschend ist das Ergebnis, dass die Ressortverteilung bei nationalen Tageszeitungen nicht so spezifisch nach Geschlecht strukturiert ist, wie bisher oft angenommen wurde. Margret Lünenborg widerlegt die gängige These, wonach Frauen vor allem in Lokal-, Kultur- und Sonderressorts, und Männer vor allem in Nachrichten-, Sport- und Wirtschaftsressorts tätig sind. Aufgrund einer Auswertung von Daten, die ihr aus Deutschland, Spanien und Italien vorlagen, zeigt sich, dass hier ein Wandel stattgefunden hat. Interessant sind dabei Spanien und Italien. In Spanien gibt es bei den klassischen Ressorts "Reportage", "Nachrichten" und "Wirtschaft" keine signifikanten Differenzen zwischen den Geschlechtern. Und in Italien finden sich Frauen überproportional häufig in Nachrichtenredaktionen. Klar männlich dominiert ist bei allen drei verglichenen Staaten das Sportressort - quasi die letzte Bastion auf den Redaktionen der Männer, die nicht gefallen ist. Noch nicht: denn laut Margret Lünenborg ist bereits jede zehnte Stelle im Sportressort in Spanien von einer Frau besetzt.

 

Tabelle 2: Frauenanteil in der ressortspezifischen Verteilung der nationalen Tageszeitungen in drei Vergleichsstaaten (in Prozent). Aus: Lünenborg, Margret (1997): Journalistinnen in Europa, S. 152, Tabelle 40.

Margret Lünenborg stellt zusammenfassend "eine vergleichsweise geringe geschlechtsspezifische horizontale Segregation" fest. Nach ihren Ergebnissen verteilen sich Frauen stärker auf vier bis fünf zentrale Ressorts als Männer. "Genau dieses Phänomen widerspricht jedoch der bislang formulierten Feststellung, dass Journalistinnen in höherem Masse in den Nischenressorts Fuss fassen als in den Kernbereichen des Journalismus," sagt sie. Die bisher gängige Begründung, wonach Frauen innerhalb der Redaktion weniger Aufstiegschancen hätten, weil sie in randständigen Ressorts tätig seien, scheint so ebenfalls nicht mehr haltbar. 

 

Klare Geschlechterhierarchie

Dabei ist es eine Tatsache, dass Frauen in leitenden Funktionen innerhalb der Redaktionen ein seltenes Bild sind. In allen vier Vergleichsstaaten liegt der Frauenanteil in Leitungspositionen niedriger als die durchschnittliche Teilhabe an der Profession. Margret Lünenborg zieht aus ihren Befragungen das Fazit, dass undurchschaubare Aufstiegsrituale und mangelnde Transparenz den Frauen den Zutritt zu führenden Positionen erschweren. Oftmals fehlen zudem nachvollziehbare, klare Karrieremuster; das schreckt viele Journalistinnen ab. Doch Margret Lünenborg sieht auch Anzeichen eines Bewusstseinswandels: "Früher erhielt der beste Reporter in der Redaktion den Posten als Chefredaktor, heute erkennt man mehr und mehr, dass für eine solche Stelle andere Eigenschaften und Qualifikationen gefragt sind." Bereits fänden auf einzelnen Redaktionen Management-Trainings für Leitungsfunktionen statt. Sie hat auch festgestellt, dass die strikte Trennung von redaktioneller Tätigkeit und administrativer Leitungstätigkeit die Attraktivität von Führungsaufgaben für Frauen vermindert.

 

Frauenpolitische Berichterstattung

In ihrem Referat in Bern widmete Margret Lünenborg schliesslich auch noch einen Teil den biographisch ausgerichteten Interviews mit Journalistinnen, die in ihrer Berichterstattung frauenpolitische Themen in den Mittelpunkt stellen. Dabei zeigt sich, dass es sehr wohl einen weiblichen Journalismus gibt, nicht aber den "biologischen Kurzschluss", wie es Lünenborg nennt, wonach mehr Frauen in der Branche auch mehr Repräsentanz von Frauen in den Medien bedeuten. "Wenn Frauen aber bewusst Frauen in den Mittelpunkt des Interesses stellen, so hat dies Konsequenzen auf die Art der Berichterstattung und das Thema," sagt Margret Lünenborg. Journalistinnen, die so arbeiteten, gingen mit einer anderen Sichtweise an ein Thema heran. Dabei befänden sie sich aber auch in einem Dilemma: die Journalistinnen würden grundsätzlich den Anspruch erheben, jedes Thema frauenpolitisch anzugehen. "In der Praxis findet aber häufig eine Selbstbeschränkung statt: in der Berichterstattung werden nur soziale Themen wie Schulen, Kinder, usw. angegangen, andere wichtige Themen wie die Militär- oder Europa-Politik bleiben ausgeschlossen," sagt Lünenborg.

Interessant ist auch, dass im frauenpolitischen Journalismus die Selektionskriterien verändert sind. Für Journalistinnen, die konsequent eine frauenpolitische Berichterstattung verfolgen, stellen sich die nach der Nachrichtenwerttheorie üblichen Selektionskriterien der Redaktionen wie Ereignishaftigkeit, Aktualität oder Konflikthaftigkeit eines Ereignisses als ungenügend heraus. Gesamtgesellschaftliche Themen wie Gewalt in der Ehe, Abtreibung oder politische Partizipation von Frauen können nicht nach diesen Kriterien ausgewählt und bearbeitet werden. Nicht die Ereignishaftigkeit eines Themas interessiert, sondern die Prozesshaftigkeit, nicht die Konflikthaftigkeit eines Themas ist entscheidend, sondern es sind die strukturellen Bedingungen, die den Prozess, den Konflikt ausgelöst haben. Der frauenpolitische Journalismus setzt zudem weniger auf Prominenz als vielmehr auf Authentizität. "Frauen wollen keinen Expertenkult in ihren Texten, sie lassen lieber Betroffene zu Wort kommen," sagt Lünenborg.

 

Wenig Differenzen

Was für die Systemregeln des Journalismus gilt, gilt auch für die Journalistinnen, die sich mit frauenpolitischen Themen beschäftigen: man ist sich über die Landesgrenzen hinaus grösstenteils einig. Für Margret Lünenborg ist diese länderübergreifende, kulturelle Verbindung nicht weiter erstaunlich. Die befragten Journalistinnen verbindet die gemeinsame Geschichte einer emanzipatorischen Frauenbewegung in den 70er und 80er Jahren. Diese Tradition ist prägend für die neuere westeuropäische Geschichte. Etwas weniger homogen wären die Ergebnisse bestimmt ausgefallen, wenn man die Situation von Journalistinnen dieses westeuropäischen Kerns mit derjenigen von Journalistinnen aus osteuropäischen Ländern verglichen hätte, worauf auch Margret Lünenborg verwies. Das allerdings wäre Thema einer neuen international vergleichenden Analyse.

 

Martina Rettenmund studiert Geschichte, Medienwissenschaften und Politologie und arbeitet als Journalistin.

Lünenborg, Margret (1997): Journalistinnen in Europa. Eine transnational vergleichende Analyse zum Gendering im sozialen System Journalismus. Opladen.


 
 

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