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23.05.05
00:00

Von: Badanjak, Sascha

Ist die Öffentlichkeit noch zu retten?
Eine Podiumsdiskussion über "Gewissen und Medien"

Im Rahmen des "Festival Science et Cité" und "BrainFair 2005" fand am letzten Samstag im Museum für Gestaltung in Zürich eine Podiumsveranstaltung statt zum Thema: "Gewissen und Medien. Wie behauptet die Öffentlichkeit ihr kritisches Potential?" Astrid Deuber-Mankowsky, Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Bochum, Marco Färber, Chefredaktor Information von Radio DRS, und Rainer Stadler, Medienredaktor bei der NZZ, waren die Gäste. Erwin Koller hat moderiert. Eine öffentliche Veranstaltung von zweifelhaftem Wert.

Von Sascha Badanjak

Über eines waren sich wenigstens alle einig: Zur Demokratie (Volksherrschaft) braucht es eine Öffentlichkeit. Nur sie ermöglicht es den Bürgerinnen und Bürgern sich eine eigene Meinung zu bilden und eine (politische) Entscheidung zu treffen. Dass diese Öffentlichkeit bisher in den Massenmedien – Presse, Radio und Fernsehen – stattfand und stattfindet, auch darin stimmte man überein. Doch wie sieht es mit der Öffentlichkeit aus, wenn die neuen Medien – sprich: Internet – eine immer wichtigere Rolle spielen? Ist Öffentlichkeit in diesem Meer der Information und Meinungsvielfalt überhaupt noch möglich oder ergibt sich daraus gerade eine neue Art von Öffentlichkeit?

Die Medienwissenschaftlerin Astrid Deuber-Mankowsky ist entschieden dieser Meinung. Sie verweist auf die neuen Formen von computergestützten Informations- und Kommunikationstechniken, welche neue Öffentlichkeiten ermöglichen, die anderen Gesetzen folgen, als die Öffentlichkeit der Massenmedien in den nationalstaatlichen Demokratien des 20. Jahrhunderts. Als Beispiel führt sie die Wikipedia an, eine auf Selbstorganisation und Netzwerkstrukturen beruhende Online-Enzyklopädie, die von jedermann genutzt, ergänzt und korrigiert werden kann und damit eine Informationsquelle darstellt, die unabhängig von den konventionellen Medien ist. Andere Software ermöglichen auf einfache Weise Informationen, Texte, Geschichten und Links ins Netz zu setzen, oder gar eigene Radioprogramme zum Downloaden anderen zur Verfügung zu stellen. So wird eine eigene Öffentlichkeit hergestellt, die nichts mehr mit den herkömmlichen Medien zu tun hat. Es gibt auch die Form der Weblogs, individuelle Tagebücher oder Journale, welche die eigenen Erfahrungen den Berichten der Medien kritisch entgegensetzen. Deuber-Mankowsky plädiert dafür, dass die traditionellen Medien diese veränderte Struktur von Öffentlichkeit wahrnehmen und ernst nehmen sollen. Sie wünscht sich, dass der Austausch von Informationen als eine neue Organisationsform der Öffentlichkeit verstanden wird, und ist überzeugt, dass darin die neue Netzwerkgesellschaft zum Ausdruck kommt. Deuber-Mankowsky warf diesen Ball zwar in die Runde, doch keiner fing ihn auf. Die beiden Medienvertreter beschäftigte anderes.

Marco Färber macht sich als Informations-Chef beim SR DRS vor allem Sorgen darüber, ob der öffentliche Diskurs und damit der demokratische Prozess überhaupt noch gewährleistet werden kann. Er beklagt die Tendenz in der Medienentwicklung zu immer mehr Personalisierung, Skandalisierung, Moralisierung, Infotainment, Politainment und der "Individualisierung" im Internet. Das fange schon bei der Nachrichtenwert-Theorie an, nach welchen Kriterien Nachrichten als wichtig oder unwichtig taxiert werden, und ende bei der Boulevardisierung, wo man sich nur noch aufs Ereignis stürzt und die Prozesse, die dazu geführt haben, ausser Acht lässt. Allen diesen Tendenzen sei eigen, sagt Färber, dass sie die Welt in unzulässiger Weise verkürzen, verknappen und verengen, oft sogar nur noch auf Schlagworte reduzieren. Dem Konzept einer kritischen Öffentlichkeit werde damit die Grundlage entzogen. Darin sieht Färber die grösste Gefahr für die Demokratie. Er plädiert dafür, dass sich der Journalismus auf seinen tradierten und bewährten "Tugendkatalog" besinnt, der in der Recherche, Vielfalt der Quellen, Verifizierung, Differenzierung, Fairness, Unabhängigkeit und Unvoreingenommenheit besteht. Auch sollte sich der Journalismus immer wieder selbst auf die Unverzichtbarkeit des aufklärenden gesellschaftlichen Diskurses besinnen und diesen auch einfordern, gerade in den Medien.

Der Medienredaktor der NZZ, Rainer Stadler, sieht die Situation nicht so pessimistisch. Er weist darauf hin, dass Medien dazu neigen, sich auf negative Entwicklungen zu konzentrieren und die positiven auszublenden. Tatsache aber sei, dass den Menschen noch nie so viele Informationen zur Verfügung standen wie heute. Neben der Meinungsvielfalt in den traditionellen Medien kämen noch die medienkritischen Meinungen der Weblogs im Internet hinzu. Damit ist für Stadler die Voraussetzung für eine kritische Öffentlichkeit gegeben. Natürlich brauche es aber auch Bürgerinnen und Bürger, die über genügend Bildung verfügen, um aus diesem grossen Informationsangebot die richtige Auswahl zu treffen. Das Wissen stehe aber nicht nur in einem Zusammenhang mit Bildung, sondern auch mit einer starken Wirtschaft. Die Kaufkraft ermögliche letztlich den Kauf von Wissen und fördere zudem kritische Konsumenten, was wiederum einen Einfluss auf die Medien selbst habe. Der Staat wiederum müsse vor allem besorgt sein, dass der Wettbewerb unter verschiedenen Wissens- und Meinungsquellen bestehen bleibt. Die Kehrseite dieses Wettbewerbs zeige sich in der Ökonomisierung der Medien. Die Folge davon sei ein Leserschwund und die rückläufigen Werbeeinnahmen bei den grossen Zeitungen. Dieser Prozess würde die Krise spiegeln, in der sich alle öffentlichen Institutionen befänden, auch die Kirchen, Verbände und Parteien, glaubt Stadler. Durch den allgemeinen Autoritätsverlust würden sie Einbussen erleiden. Die soziale Integrations- und Bindekraft würde abnehmen, und die Gesellschaft dadurch immer unübersichtlicher, individualisierter und instabiler werden. Entsprechend sei auch der öffentliche Diskurs segmentierter und sprunghafter geworden. Keiner wisse wirklich, wie es weitergeht. Es würde generell weniger gelesen, die Zeitungen verlieren Abonnenten, und mit dem Rückzug der Werbung würde auch das Angebot kleiner. Die Presselandschaft sei ausgedünnt.

Daraufhin wirbt Deuber-Mankowsky für neue Koalitionen. Auf diese Weise könnte eine neue kritische Öffentlichkeit gesichert werden. Man könnte über verschiedene "Communities" gegenseitig voneinander lernen und sich den Erfahrungen anderer medialer Öffentlichkeiten anschliessen. Dadurch wäre wieder eine Voraussetzung für Demokratie geschaffen.

Färber weist darauf hin, dass es bei dem gegenwärtig riesigen Informationsangebot vor allem Zeit zur Wissensbeschaffung braucht. Wer habe schon die Zeit, sich umfassend zu informieren? Auf seine Bemerkung, dass es die Medien immer brauchen wird, weil es bei der Informationsflut einer ordnenden Hand bedarf, hebt Deuber-Manowsky hervor, dass es mehrerer ordnender Hände bedürfe, und dass die Aufgabe der Medien nicht nur eine organisatorische sei, sondern dass sie selbst auch die Öffentlichkeit mit beeinflussen, allein schon dadurch, welcher bestimmten Gruppe sie den Zutritt zur Öffentlichkeit ermöglichen, und überhaupt, welche der verschiedenen Öffentlichkeiten sie vermitteln. Wo kann man heute noch von einer Öffentlichkeit reden? Es gäbe so viele öffentliche Meinungen. Stadler ist überzeugt, dass es die klassische Öffentlichkeit noch gibt. Sie funktioniere weiterhin über staatliche und politische Institutionen sowie durch öffentlich-rechtliche und unabhängige Medien. Doch die aussermedialen Faktoren wie Bildung, Wirtschaft und Staat scheinen ihm für das Gewährleisten von Öffentlichkeit wichtiger als die Arbeit der Medien selbst.

In erster Linie sei ein gesellschaftliches Bewusstsein für Öffentlichkeit und ein kompetenter Umgang mit den Medien nötig, glaubt Deuber-Mankowsky. Darum sollte eine diesbezügliche Bildung ("Literacy") gefördert werden. Deuber-Mankowsky wehrt sich auch dagegen, dass Stadler von Medien-Konsumenten spricht, wo es gerade darum gehe, Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgern auszubilden, welche fähig wären, die Öffentlichkeit zu gestalten. Information und Wissen sollte nicht noch mehr zu einer Ware verkommen. Auch Leute ohne Kreditkarte müssten einen Zugang zum Internet haben können.

Moderator Erwin Koller ging auf die Argumente seiner Gäste überhaupt nicht ein. Er war zu sehr darauf bedacht, das Frage-Konzept durchzuziehen, das er sich zuvor zurechtgelegt hatte. Mit seinem Korsett rang er den Teilnehmenden zwar noch mehr Statements derselben Art ab, ohne dass sich aber daraus eine fruchtbare Diskussion hätte ergeben können. Dadurch bot diese Podiumsveranstaltung ein Beispiel genau jener misslichen Zustände, die Färber bei den Medien beklagt hatte. Das Publikum bekam eine Reihe von verknappten Informationen und eine grosse Meinungsvielfalt zu hören, ohne dass je ein Bezug hergestellt wurde, der weiterführen und Zusammenhänge hätte aufzeigen können. Die Frustration des Publikums war auch entsprechend gross, als es sich am Ende selbst zu Wort melden durfte. Da aber kein wirklicher Gesprächsfaden vorlag, verpufften so auch die interessanten Aspekte, die aus dem Publikum kamen, in der Luft. Ärgerlich zudem, dass der Medienprofi Koller nicht nur die Veranstaltung zeitlich überzog, sondern alle Frauen – die Professorin genauso wie Zuhörerinnen, die sich zu Wort meldeten – regelmässig unterbrach, die Männer jedoch ausreden liess. Von wegen demokratischer Meinungsbildung in der Öffentlichkeit.

 

Sascha Badanjak ist freie Journalistin und Illustratorin. Sie hat an der Universität Zürich Ethnologie, Filmwissenschaft und Philosophie studiert.

 

Link:

Festival Science et Cité und BrainFair 2005:
http://www.festival05.ch/events/programm/de.aspx


 
 

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