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08.12.03
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Von: Martig, Charles

Herr der Ringe
Die Rückkehr des Königs

Peter Jackson vollendet in "The Return of the King" seine Fantasy-Trilogie mit einem fulminanten Finale. Überragend ist die Gestaltung der Schlachtszenen und emotional berührend sind die Familiendramen. Die heimlichen Stars sind jedoch die mythische Landschaft sowie die computergenerierte Figur Gollum. Jackson hat damit nicht nur J.R.R. Tolkien ein Denkmal gesetzt, sondern auch sich und sein neuseeländisches Produktionsteam in die Superliga des Kinomarktes gehievt.

Von Charles Martig

"Well, I’m back" sagt Sam mit einem tiefen Atemzug vor seinem Hobbit-Haus. Diese Rückkehr bildet den metaphorischen Abschluss der Trilogie, der im Kino als behutsames Auftauchen aus der Fantasy-Welt von Mittelerde inszeniert ist. Und dieser ritualisierte, über verschiedene Szenen führende Abschied ist notwendig, da wir das gewaltige Erzähluniversum von J.R.R. Tolkien und Peter Jackson verlassen. "Die Rückkehr des Königs" ist der beste Teil der Trilogie, denn er findet eine gelungene Balance aus spannungsreichen Schlachtszenen und intimen Momenten. Der Angriff von Saurons Truppen auf Minas Tirith, die Hauptstadt des Königreiches Gondor, übertrifft im Ausmass und in der Überzeugungskraft die Szenen aus "Die zwei Türme". Und mitten im Schlachtgetümmel finden der Zauberer Gandalf und sein Hobbitfreund Merry einen Moment der Stille, in dem sie über den Tod und das Leben danach philosophieren. Selbst in den schwierigsten dramaturgischen Momenten, wie die Krönung des Königs mit der Begegnung zwischen Aragorn und Arwen, gelingt es Jackson, dem Fantasy-Genre gerecht zu werden. Die werktreue ist das oberste Prinzip, und insofern führt die "Rückkehr des Königs" zu einem Gesamtbild, das die literarische Vorlage kongenial in das Bildmedium umsetzt. Der Regisseur hat den epischen Atem fliessen lassen und beglückt seine Fangemeinde mit der gelungensten Filmtrilogie seit Jahrzehnten.

 

Lob auf Gollum

Als heimlicher Star des über neun Stunden langen Epos' erweist sich die computeranimierte Figur Gollum, die den Drehpunkt für den Übergang vom zweiten zum dritten Teil bildet: Jackson blendet zurück in die idyllische Zeit der Hobbits. Smeagol wird beim Fischfang von einem kräftigen Hecht ins Wasser gezogen und entdeckt auf dem Grund des Teiches den Ring. Nachdem er sich an Land gerettet hat, wirkt die böse Kraft des Fundes unmittelbar. Im Streit erwürgt Smeagol seinen Freund und verwandelt sich daraufhin in das gespaltene Schattenwesen Gollum. Der kleine, wendige Allesfresser mit dem seltsam aggressiven Oberton in seiner Stimme verliert seinen Ring, worauf er verzweifelt nach seinem Schatz sucht und ihn beim Ringträger Frodo wiederfindet. Dieser ist nun mit seinem Freund Sam unterwegs zum Vulkanfeuer, um den Ring zu zerstören. Gollum dient den beiden als unterwürfig-gieriger Pfadfinder und Führer durch die furchterregende Landschaft von Mordor. In der Mimik und Körpersprache von Gollum zeigt sich der "state of the art" bezüglich computergenerierter Charaktere. Hier wird erstmals eine virtuelle Figur lebendig und bekommt eine Tiefendimension, die bisher im Kino unerreicht war. Ein Höhepunkt bildet das Selbstgespräch Gollums mit Smeagol, dem in der Wasserlache gespiegelten anderen Selbst, worin die innere Zerrissenheit der Figur erlebbar wird.

 

Spannung in Parallelmontage

Die Erzählung basiert nach der Eingangssequenz auf einer grossen Parallelmontage, in der einerseits Frodo mit seinen beiden Begleitern den leidvollen Weg zum Vulkan geht und andererseits die Geschichte der Gefährten und der Schlachtereignisse weiter entwickelt werden. Gandalf, Aragorn, Legolas und Gimli treffen die Hobbits Pippin und Merry auf den Trümmern der unterirdischen Stadt Sarumans. Der Gegenspieler von Gandalf kommt in "Die Rückkehr des Königs" aber nicht mehr vor, worin Jackson von der Vorlage abweicht. Dafür führt er die Gruppe nach Rohan, wo sich ein neues Heer sammelt, um dem Königreich Gondor zu Hilfe zu eilen. Doch es ist klar, dass die sechstausend Reiter nicht genügen, um den Horden aus Mordor die Stirn zu bieten. Deshalb übernimmt Aragorn mit Unterstützung des Elben Elrond den Auftrag, die Armee der Geister zu rufen, die dem König von Gondor wegen eines Fluches einen Kriegsdienst schulden. Gandalf reitet mit Merry in Windeseile nach Minas Tirith, wo sich Denethor als schwacher Vertreter der Königslinie erweist. Auf den ersten Ansturm des Feindes antwortet Denethor mit einem Gegenangriff. Die Mission seines Sohnes Faramir führt in den sicheren Tod. Der Zauberer Gandalf übernimmt die Befehlsgewalt in der Stadt, benachrichtigt durch Höhenfeuer das Heer von Rohan und baut die Widerstandskraft Gondors gegen die anstürmenden Legionen auf, bis das Heer Rohans eintrifft und die Geisterarmee unter Führung von Aragorn eingreift. Nach geschlagener Schlacht brechen die Freunde auf, um Sauron durch eine direkte Herausforderung von Frodo und seiner Mission abzulenken. Die Zerstörung des Ringes führt zum Zusammenbruch des Reich des Bösen und zur Wiederherstellung der Ordnung.

 

World War Zero

In spektakulären Schlachtszenen erweist sich Jackson als begnadeter Inszenator des Krieges, den Jim Rygiel von "WETA Digital's" als "World War Zero" bezeichnet. Die Schlacht um Minas Tirith ist in den Spezialeffekten noch stärker auf eine Überwältigungsästhetik angelegt und sie hat einen viel grösseren Resonanzraum, weil die Charaktere reichhaltiger sind und die Geschichten den Geist der Shakespearschen Familiendramen atmen. Elefanten-Kreaturen, genannt Mumakil, marschieren als archaische Panzer ins Geschehen. Die bösen Orks, Uruk-Hai und Trolle stürmen mit allen Mitteln der Kriegskunst die schneeweisse Zitadelle von Minas Tirith. Die auratisch-grüne Geisterarmee überwältigt die dunklen Orks auf dem Schlachtfeld. Aber diesmal gibt es ebenso viele emotional berührende Momente: Faramir leitet eine Selbstmordmission, um seinem verbitterten Vater Denethor seinen Wert zu beweisen. Eowyn, die Frau der Tat, schützt ihren geliebten Onkel Theoden vor dem furchterregenden Angriff eines Nazgul und zerstört den Whitch King, der von keiner Männerhand getötet werden kann. Und nicht zuletzt ist da das Drama zwischen den Freunden Frodo und Sam, das sich um Treue und Verrat dreht.

In Jacksons Filmen wirken die weiträumigen, mythischen Landschaften, die monumentalen Schlachtszenen und die Epik der Erzählung. Die Trilogie ist ein Meilenstein im Fantasy-Genre und setzt in der Computeranimation von Charakteren einen neuen ästhetischen Standard. Demgegenüber wirken die Liebesgeschichten - sowohl bei Jackson als auch bei Tolkien - kaum entwickelt. Auch dies ist jedoch ein typisches Genremerkmal. Eine grosse Leistung liegt im Drehbuch verborgen, das Fran Walsh mitgeschrieben hat. Sie ist die Lebenspartnerin von Jackson und wirkt als Autorin im Produktionsteam mit. Zumindest auf Produktionsseite ist die Trilogie also eine Art Familienfilm. Im Kino erscheint sie als eine gelungene Hommage an den Mythologen und Geschichtenerzähler Tolkien.

 

Das Werk eines manischen Fans

Viele schon scheiterten bei dem Versuch, Tolkiens Mythenwelt für das Kino zu adaptieren: von Walt Disney in den späten 50er Jahren über Stanley Kubrick bis hin zu John Boorman reichen die Namen der resignierten Ring-Sucher. Ralph Bakshi realisierte 1977 eine nicht reizlose, als Gesamtentwurf aber hoffnungslos misslungene Zeichentrickversion "Der Herr der Ringe", die immerhin nahe legte, dass man die Welt Tolkiens vielleicht nur im Trickfilm erreichen könne. So dauerte es noch einmal fast 25 Jahre, bis die digitale Bildtechnik des Computerzeitalters ein Höchstmass an neuen (Trick-) Möglichkeiten erlaubte und ein manischer Fan von Tolkiens Büchern die Kraft aufbrachte, gleich das gesamte Romanwerk zu adaptieren. Der Neuseeländer Peter Jackson, der in Studiofilmkreisen mit dem Drama "Heavenly Creatures" bekannt wurde, drehte parallel die komplette Trilogie innerhalb von 15 Monaten. Für die Fertigstellung der Teile 2 und 3 wurden über rund viereinhalb Jahre noch weitere Szenen nachgedreht, montiert und vertont. Auch Rückmeldungen aus Fankreisen wurden miteinbezogen. Somit ist die Trilogie vielleicht auch das erste interaktive Filmprojekt, das global die populäre Filmkultur prägt. Mit 400 Millionen Dollar war der Produktionsaufwand gewaltig. Dieser wird jedoch durch die erwartete Einspielsumme von insgesamt 2,5 Milliarden Dollar weit übertroffen. Mit der Trilogie wurde die Produktionsfirma "New Line Cinema", die sich dem enormen Risiko aussetzte, über Nacht zu einem international bekannten Label.

 

Aufnahme in die Superliga der Filmproduktion

Jackson hat sich mit der Trilogie in die höchste Liga der globalen Filmproduktion gespielt. Bereits hat er einen Vertrag mit Universal abgeschlossen, wobei ihm die Neuverfilmung des "King Kong"-Stoffes zugesagt wird. Die Bedingungen sind für die Hollywood-Konzerne revolutionär: Erstmals steigt ein Regisseur in die Klasse der 20 Millionen Dollar Gage auf, in welcher bisher nur Schauspielstars wie Tom Cruise, Tom Hanks, Mel Gibson und Julia Roberts situiert sind. Zudem wurde ihm und dem Produktionsteam (Fran Walsh und Philippa Boyens) eine Beteiligung von 20 Prozent der Einnahmen an der Kinokasse zugesichert. Dies hat zu grosser Verunsicherung geführt, weil durch diesen Deal die traditionelle Filmfinanzierung untergraben wird. Peter Bart, der einflussreiche Chefredakteur der amerikanischen Filmzeitschrift "Variety", mahnt zur Vorsicht: Wenn es so weitergehe, schreibt er ironisch, komme James Cameron und verlange vierzig Millionen für "Titanic 2". Doch das auftraggebende Studio positioniert sich strategisch: "Ich bin kein wilder Cowboy und ich habe keine einzige Sekunde Schlaf verloren", sagt die Universal-Geschäftsführerin Stacey Snider: "Peter ist verantwortlich für das Budget und er liefert zusammen mit seinem Team alles, ausser die Schauspieler. Viele Bauchschmerzkandidaten (in anderen Studios) - und keiner von Ihnen hat bisher mit mir direkt gesprochen - sitzen zur Zeit auf Filmprojekten, die viel gefährlicher sind." (vgl. Giles in Newsweek Nr. 59) Jackson brennt darauf, die "King Kong"-Adaption zu realisieren. Es handelt sich um ein Lieblingsprojekt, das der Regisseur bereits seit zehn Jahren verfolgt. In der Hauptrolle ist Naomi Watts als schöne Blonde vorgesehen, die mit David Lynchs "Mulholland Drive" für internationales Aufsehen sorgte. Ob das Remake gelingt, ist eine offene Frage. Es wäre wohl gefährlich den Stoff jemandem anderen als dem Kinofanatiker Peter Jackson anzuvertrauen. Er ist zur Zeit der Fachmann für emotionale Überwältigung.

 

Charles Martig ist Filmpublizist und Geschäftsführer Katholischer Mediendienst.

"Lord of the Rings: The Return of the King" ist ab 17. Dezember 2003 im Kino

 

Links:

Offizielle Film-Website: http://www.lordoftherings.net 

Diskussion über "Lord of the Rings" in "Variety": http://www.variety.com

 

Literatur:

Giles, Jeff (2003): The Secret of 'The King'. In: Newsweek, 1. Dezember 2003, 50/59: http://www.newsweek.com


 
 

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