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02.02.05
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Von: Badanjak, Sascha

Filme aus den neuen Ländern Südosteuropas
Das ehemalige Jugoslawien an den 40. Solothurner Filmtagen

Welche Filme werden heute dort gemacht, wo vor zehn Jahren noch Krieg herrschte? Wird das Kriegstrauma verdrängt oder aufgearbeitet? Das wollten die Organisatoren der 40. Solothurner Filmtage anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Dayton-Abkommens wissen und ermöglichten einen Blick in jene Gegend Südosteuropas, die sich einst Jugoslawien nannte. Filmvertreter der fünf Staaten Slowenien, Kroatien, Serbien-Montenegro, Bosnien-Herzegowina und Makedonien wurden zu einer Informationsrunde geladen und insgesamt neunzehn Filme gezeigt.

Von Sascha Badanjak

Für die Solothurner Kommission waren bei der Auswahl der Filme nur zwei Kriterien wichtig: ihre Aktualität - keiner der Filme sollte vor 2002 entstanden sein - und ihre Qualität. Etliche der in Solothurn gezeigten Filme haben bereits Preise an internationalen Festivals erhalten. Darunter waren Kurzfilme, lange Filme, Dokumentar- und Spielfilme. Von der einst blühenden Produktion gezeichneter und animierter Filme hingegen war nichts zu sehen. Die thematische Vielfalt war ebenfalls gross: Sie reichte von - mehr oder weniger schwarzer - Komödie bis zur persönlich und melancholisch gestimmten Auseinandersetzung mit dem heutigen Alltag. Insofern lassen sich diese Filme problemlos in die Tradition anderer europäischer Produktionen einreihen. In einigen Filmen wird eine Vergangenheitsbewältigung angestrebt, sei es die jüngste Vergangenheit des Krieges oder diejenige der eigenen Jugend. Dabei wird auffällig oft die Musik als zeitliche Referenz eingesetzt. Doch selten ist der Blick zurück ein langer, und der nach vorne gerichtete Blick der bevorzugte. Das verwundert nicht weiter, sind doch die meisten Filmschaffenden kaum älter als vierzig und einige noch nicht einmal dreissig. Die Frauen sind dabei - wie auch sonst überall im Filmgeschäft - in der Minderheit. Zwei Dokumentar- und fünf Spielfilme heben sich aber besonders deutlich von dem uns bekannten europäischen Filmschaffen ab und können daher als typisch für die neuen Staaten Südosteuropas gelten.

 

Uvozne vrane (Eingeführte Krähen)

Dokumentarfilm von Goran Devic, Kroatien 2004, 22 min

In Sisak, einem Städtchen Kroatiens, wurde vor fünfzig Jahren eine besondere Krähenart angesiedelt, die nicht aus der Gegend stammt. Mythen ranken um deren Ursprungsland, da es niemand mehr so genau weiss. Die Krähe hat sich in der Zwischenzeit enorm vermehrt und ist für viele Bewohner zu einer richtigen Plage geworden. Nachdem alle anderen Mittel versagt haben, die Krähen zu vertreiben, hat das Städtchen einen jungen Bergsteiger beauftragt, auf die Bäume zu klettern und die Krähennester mit den Jungvögeln auf den Boden zu werfen. Die zerbrochenen Eierschalen und toten Vögel in ihren Nestern, die am Ende zusammengescharrt werden, verleiten manche Passanten zu Überlegungen über Leben und Tod und der Frage, mit welchem Recht der Mensch darüber entscheidet, wer an einem Ort leben darf und wer nicht. Ein Bosnier erzählt, dass es ihm genauso ergangen sei wie den Krähen, auch sein Haus sei durch die Luft geflogen, und jetzt habe er nichts mehr. Ein Deltaflieger glaubt, dass die Krähen aus Neid getötet würden, da es ein uralter Traum der Menschen sei, fliegen zu können. Dem jungen Mann, der die Aufgabe hat, die Krähennester von den Bäumen zu holen, tun die Vögel leid. Von sich aus würde er so etwas nie tun. Aber es ist sein Job, er wird dafür bezahlt. Dieser kleine, unprätentiöse Film gibt einen wunderbaren Einblick in einen Ort, eine Zeit und die Befindlichkeit seiner Bewohner.

 

Lijepa Dyana (Schöne Diana)

Dokumentarfilm von Boris Mitic, Serbien und Montenegro 2002, 45 min

Die schöne Diana ist ein bis auf das Grundgehäuse ausrangierter Citroën. Den Zigeunern, die am Rande Belgrads wohnen, ist sie alles: Gefährt und Gefährtin, Transportmittel, um Karton, Glas und Metallabfall zu Recycling-Zwecken einzusammeln und sich damit ihr Brot zu verdienen. Zur Not wird sie auch zum Haus, wenn Hab und Gut, Kind und Kegel darauf geladen werden, oder ihre Batterie versorgt das Heim mit Licht und TV-Sendungen. Bei Bedarf kann damit auch das Natel aufgeladen oder die Zigarette angezündet werden. Der unwiderstehliche Charme dieses Dokumentarfilms liegt im schier unbegrenzten Einfallsreichtum dieser Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Die Zigeuner suchen nach abgestellten Citroëns, machen deren Besitzer ausfindig und kaufen ihnen das Gefährt ab - denn nur der Citroën lässt sich so gut in seine Bestandteile zerlegen, wie sie das brauchen. Das Motorgerippe wird dann mit einem improvisierten Anhänger versehen, und kann so als landwirtschaftliches Gefährt ohne Autonummer durchgehen. Trotzdem ist diese Praktik von der Strassenpolizei ungern gesehen und die Zigeuner müssen immer wieder mit Bussen oder gar Gefängnis rechnen - was sie aber nicht davon abhält, ihrer Diana die Treue zu halten. In voller Fahrt entlockt sie nicht nur anderen Autofahrern, sondern auch dem Kinopublikum unwillkürlich ein Triumphgefühl: Es ist der Sieg des menschlichen Erfindungsgeistes über das Auto als Statussymbol.

 

Mali svet (Kleine Welt)

Spielfilm von Milos Radovic, Serbien und Montenegro 2003, 85 min

Ein 7-jähriger Junge namens Ogi, der erklärterweise nicht existiert, erzählt in diesem Film die absurden und tragikomischen Ereignisse, die dazu geführt haben, dass er (noch) nicht in diese Welt gekommen ist. Das hindert ihn keineswegs daran, zwischendurch selbst in der Geschichte aufzutauchen, weiss gekleidet wie ein Astronauten-Engel und auf sein Videospiel in der Hand fixiert. Ansonsten kommen vor: der Vater von Ogi, ein Arzt, der sich aus Angst vor möglichem Prostata-Krebs umbringen will, dessen Frau, eine Psychologin, die mit ihrem Masseur durchbrennt, eine sinnliche Konditorin, die einen vom Pech verfolgten Dieb liebt, eine leidenschaftliche Kiosk-Frau, die ein Verhältnis mit einem verheirateten Polizisten hat, ein Priester, dem sie dies beichtet, sowie einige weitere seltsame Charaktere. Sie alle prallen mehr oder weniger aufeinander in einer Welt, die eher dem Traum als der Realität zuzurechnen ist. Auf den menschenleeren Strassen kann an diesem einen Tag - dem 16. September eines ewigen Jahres - ebenso die Sonne scheinen wie aufs heftigste stürmen und Blitze hageln. Es ist, als ob der Herrgott persönlich seine Finger im Spiel hätte. Am Ende solcher himmlischen und menschlichen Turbulenzen bleibt ein kleines Fünkchen Hoffnung übrig, dass Ogi vielleicht doch noch geboren wird, und man fragt sich unwillkürlich, warum er das überhaupt will. Die tiefgründige Melancholie, die diesen absurden und manchmal zum Schreien komischen Situationen unterliegt, wirft wie nebenbei grundlegende Fragen menschlicher Existenz auf: Warum kommen wir auf diese Welt? Was tun wir hier? Was ist göttlicher Wille? Was Schicksal? Sind wir vielleicht alle nur Figuren in einer kleinen Welt, die in einem Videospiel stattfindet? Auch wenn dieses filmisch-allegorische Märchen in seiner Chronologie verworren und seinen Ausführungen etwas zu lang geraten sein mag, sind diese existenziellen Fragen unüberhörbar.

 

Kajmak i marmelada (Käse und Marmelade)

Spielfilm von Branko Djuric, Slowenien 2003, 90 min

Eine Slowenin und ein Bosnier - das passt etwa so gut zusammen wie Käse und Marmelade, das ist die Botschaft dieses Filmes von Anfang an. Und in grossen Lettern wird noch hinzugefügt, dass jeder seinen Südländer findet. Die Geschichte ist folgende: Eine Slowenin hat gegen den Willen ihrer Eltern einen Bosnier geheiratet. Der sitzt nun arbeitslos den ganzen Tag zuhause vor dem Fernseher, trinkt Bier und lässt die Wohnung verkommen, während sie arbeitet und auf ein gemeinsames Kind hofft. Als sich ihr Mann auch noch über sie lustig macht, weil sie nicht weiss, dass Kajmak (eine Art Käse aus seiner Heimat) nicht zur Marmelade passt, wird es ihr zu bunt. Sie verlässt ihn, und kehrt zu ihren Eltern zurück. Nun beginnt das grosse Elend des Bosniaken: Er vermisst seine Slowenin und sucht so rasch wie möglich Arbeit, um sie zurück zu gewinnen. Ein befreundeter Landsmann vermittelt ihm einen Job als Mickey Mouse vor dem Warenhaus, um ihm dann das kläglich verdiente Geld bei nächster Gelegenheit wieder abzuknöpfen. Doch der bosnische Trottel merkt es nicht einmal, und lässt sich von seinem zweifelhaften Freund auch noch in Mafia-Machenschaften hineinziehen, aus denen er mehr tot als lebendig herauskommt. Nach vielen solchen schrecklichen wie komischen Aufregungen ist das Paar schliesslich wieder vereint. Die Slowenin bekommt sogar das ersehnte Kind, aber mit dem Glück ist es endgültig aus: In der letzten Einstellung gehen Frau und Kind den einen Weg, der Mann mit seinem falschen Kumpanen (über ein neues krummes Geschäft munkelnd) den anderen. Diese Komödie hat in Slowenien alle Zuschauerrekorde gebrochen, und das zu Recht. Sie kann es qualitativ mit den erfolgreichen europäischen Komödien aufnehmen, eröffnet aber zusätzlich eine einzigartige Balkan-Dimension, in welcher die nördliche Mentalität der Slowenen mit der südlichen der Bosniaken zusammenprallt. Ganz nebenbei wird auch die heute oftmals problematische Verteilung der Geschlechterrollen thematisiert, wobei die Frau mit ihrer Arbeit den Mann finanziert. Wer will, kann in diesem Film aber auch eine mögliche Erklärung dafür finden, warum das ehemalige Jugoslawien mit seinen vielen gegensätzlichen Mentalitäten auseinander gebrochen ist.

 

(A)torzija ((A)Torsion)

Spielfilm von Stefan Arsenijevic, Slowenien 2002, 15 min

Während des Krieges versucht eine Gruppe von Chorsängerinnen und -sängern nach Paris zu gelangen, wo sie für den Frieden in Bosnien singen sollen. Der Tunnel, den sie passieren müssen, wird jedoch von zurückkehrenden Flüchtlingen belegt, sodass sie zum Warten in Kälte und Bombenhagel verdammt sind, völlig im Ungewissen, ob sie ihr Flugzeug je erreichen werden. Indessen wird die trächtige Kuh des Bauern, unter dessen Vordach die Gruppe Schutz gesucht hat, durch die Bomben völlig konfus und scheint durchzudrehen. Der verzweifelte Bauer sucht einen Veterinär, und da keiner da ist, wird ein Medizinstudent aus dem Chor genötigt, der Kuh beizustehen. Er stellt eine Torsion des Kalbes im Mutterbauch fest, was eine höchst komplizierte Geburt mit ungewissem Ausgang bedeutet. Darum bittet er seine Kolleginnen und Kollegen, im Stall ihren Choral anzustimmen, damit sich die Kuh beruhigt. Nach anfänglichem Sträuben setzt der Chor in grösster Besorgnis um die Kuh und ihr Kalb all sein Können ein, um dem armen Tier zu helfen. Es geht um Leben und Tod, doch dank dem Einsatz des Chors, der sein eigenes Leid angesichts des Leides eines Tieres vergessen lässt, überwinden die Sängerinnen und Sänger den kritischen Moment, und setzen ihre Reise nach Paris mit einem Strahlen auf dem Gesicht fort. Es ist erstaunlich, wie viel Gefühl dieser Film in kürzester Zeit hervorzurufen und gleichzeitig eine perfekte und wunderbare Parabel zur Kriegssituation zu geben vermag.

 

Ljeto u zlatnoj dolini (Sommer im goldenen Tal)

Spielfilm von Srdjan Vuletic, Bosnien und Herzegowina 2003, 104 min

Der Titel, der einen Heimatfilm vermuten lässt, ist gänzlich ironisch gemeint, denn was es zu sehen gibt, sind die zerbombten und verlassenen Gebäude in Sarajevo, sowie die winterlich öde Landschaft darum herum. In dieser Szenerie spielt die ebenso obsolete Geschichte eines 16-Jährigen, der seine Freizeit damit verbringt, sich mit seinem Freund zuzudröhnen, indem sie aus Plastiksäcken inhalieren, und von Mädchen träumen, an die sie nicht herankommen. Unglücklicherweise hat sich der Junge auch noch in die Tochter des Polizeikommissars verliebt, der ihn deswegen lieber tot als lebendig haben möchte. Die Chance scheint gekommen, als der Junge dringend eine grössere Summe Geld benötigt, um die Ehre seiner Familie zu retten. Doch der maliziöse Plan des Kommissars misslingt, weil die Jungen - gleichsam wie von Schutzengeln beschirmt - immer um ein Haar dem Tod und den Schrecknissen entkommen. Dieser Umstand wird noch dadurch überhöht, dass bei Sonnenuntergang immer ein gleissend helles Flugzeug tief über die Hochhausruine fliegt, in die sich die Jungen verkriechen, und seinen Schatten über die Niederungen des Elends wirft. Dann sieht man kurz im Inneren des Flugzeugs die Stewardess ihre Passagiere anweisen, nicht hinunter zu schauen auf Sarajevo, da gäbe es absolut nichts zu sehen, bald würde man ohnehin in schönere Gefilde entschwunden sein. Solcherart poetische Symbolik umrankt einen Film, der Sarajevo als Nachkriegs-Ghetto porträtiert, in welchem durchgedrehte Polizisten Jagd auf minderjährige Hip-Hopper machen, Väter als Zuhälter ihrer minderjährigen Töchter fungieren oder ein Spielsüchtiger aus einer Laune heraus eine ihm völlig unbekannte Familie in grösste Not stürzt. Man wähnt sich in einer Bronx des 21. Jahrhunderts, in der alle verrückt geworden sind. Der Wahnsinn wird in den nächtlich-poetischen Szenen aber eher betrauert als angeklagt.

 

Kako ubiv svetec (Wie ich einen Heiligen tötete)

Spielfilm von Teona Strugar Mitevska, Makedonien 2003, 82 min

Dieser Film erzählt weniger eine Geschichte, als dass er eine Stimmung von Verzweiflung vermittelt, in welcher sich die Bewohner von Skoplje befinden. Es ist immerzu vom Krieg die Rede, der bald ausbrechen wird, und vor dem es kein Entrinnen gibt. Viola, die nach drei Jahren aus den USA in ihre Heimatstadt zurückkehrt, konnte offenbar ihrer Vergangenheit nicht den Rücken kehren. Sie ist verstockt und wird von den Eltern bekniet, sich um ihren jüngeren Bruder Kokan zu kümmern, der in irgendwelche dunklen Geschäfte verwickelt ist, von denen niemand etwas Genaueres weiss. Das versucht sie dann auch, wird aber dadurch selbst in Lebensgefahr gebracht. Sie vermag ihren Bruder trotz verzweifelter Bemühung nicht mehr zu retten. Er zündet im Amok einen Sprengsatz inmitten einer Feier zu Ehren des lokalen Heiligen. Am Ende lässt die Regisseurin nur einen kleinen Schimmer Hoffnung übrig: Viola hält wieder ihr Kind in den Armen, von dem niemand wissen durfte, dass sie es hat, und ihr Grossvater, von dem alle behaupten, dass er nichts und niemanden mehr erkennt, freut sich an diesem Anblick. Viola wird von der Schwester der Regisseurin, Labina Mitevska, gespielt, die auch als Produzentin des Films zeichnet. Die Schwestern Mitevski bilden zusammen mit ihrem Bruder Vuk Mitevski, der für Art Design zuständig ist, eine junge Produktionsfirma, die in Makedonien grosses Ansehen geniesst.

 

Sascha Badanjak ist freie Journalistin, Illustratorin und Kunstmalerin. Sie stammt aus Belgrad, und hat an der Universität Zürich Ethnologie, Filmwissenschaft und Philosophie studiert.


 
 

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