Die Sucht der Medien nach reisserischem Sexismus
Wenn der Penis zu tröpfeln beginnt...
Sexualrhetorik garantiert Aufmerksamkeit - selbst die Autorin zelebriert hier das aus den Medien hinlänglich bekannte Spiel. Hinter solchen reisserischen Titeln verbergen sich meist nicht nur journalistische Übungsfelder angelsächsischer Prägung, sondern auch harte, antifeministische und frauenverachtende Botschaften, durchmischt mit Homophobie. Und das mit Breitenwirkung. Dabei reicht ein altbekannter Männerschreibfilz der Geltungssucht feminismusresistenter Journalistinnen die Hand. Auf der Strecke bleiben einmal mehr Vernunft, Kompetenz und Wissensvermittlung.
Von Regula Stämpfli
"Wenn der Penis zu tröpfeln beginnt..." - wahrscheinlich reiben Sie sich bei dieser Überschrift verwundert die Augen. Das tue ich auch, immer wieder: Die Schlagzeilen, die sich in diesem Sommer häufen, reichen vom "Mit dem Pudel schmusen" (Weltwoche 25.8.2005) über "Komm! - Frauen auf dem Höhepunkt" (Das Magazin, 2.7.2005) bis hin zum "Blitzkrieg der Frauen" (Die Welt, 6.9.2005) oder der "Entropie des Sexuellen" (Die Welt, 6.9.2005). Ich komme mit dem Lesen über die biosexuelle Fixiertheit der Menschen gar nicht mehr mit. Erschütternde "Wahrheiten" füllen den Blätterwald mit kulturanthropologischen und evolutionsbiologischen Fäkal-Erkenntnissen. Angesichts dieses wissenschaftlichen Abfalls entschuldigen Sie mir den Griff in die untere sprachliche Zone, doch meine Empörung ist unbeschreiblich.
Auf die Frage nach der Widersprüchlichkeit von Menschen, äh pardon, Frauen, meint beispielhaft in der Wochenzeitung "Die Welt" (6.0.2005) ein gewisser Herr Bolz von der TU Berlin selbstzufrieden: "Genau das ist das Problem. Frauen werden zwischen Kultur und Biologie hin- und hergerissen." Das besagte Interview soll eine Antwort auf die Frage geben: "Was ist die Frau?". Als hätten wir nicht schon Tausende von Enzyklopädien aus dem 19. Jahrhundert, die sich mit genau dieser Frage auseinander setzen, nur um festzustellen, dass die Frau ganz sicher immer ein Nicht-Mann und infolgedessen auch nicht menschenwürdig oder gar wissenschafts- oder politikfähig ist! Doch wie Mitte des 19. Jahrhunderts offenbar das liberale Versprechen für alle Frauen zu gefährlich war, muss nun auch noch im 21. Jahrhundert wissenschaftlich und publizistisch alles unternommen werden, um Frauen und Männer an ihrer Menschwerdung zu hindern.
So fragt "Die Welt" im besagten Artikel und angesichts der "unglaublichen" Tatsache, dass es nun eine deutsche Kanzlerkandidatin und nicht nur eine mögliche künftige Kanzlergattin gibt: "Wenn Frauen vermännlichen und Männer verweiblichen, wohin führt das?", und kriegt die Bolz’sche Antwort ohne ironischen Unterton: "Männer werden kulturell immer lächerlicher." Falls Sie schon jetzt genug hätten, Geduld, es kommt noch besser; so schiebt "Die Welt" mit der Suggestivfrage nach: "Wenn Männer strukturell Opfer einer radikal-demokratischen Rhetorik sind, wie können sie sich wieder berappeln?" Antwort des Herrn Professor, dessen Geschlechtsgenossen immer noch rund 79 Prozent aller ordentlichen Posten an den deutschen Universitäten besetzen: "Durch eine Rhetorik, die Lust an der Geschlechterdifferenz weckt. Das ist aber angesichts der Hegemonie homosexueller Diskurse unwahrscheinlich." Schwule und Frauen als die Grabschaufler der Nation? - als promovierte Historikerin kommen mir solche Slogans irgendwie bekannt vor.
Doch blättern wir weiter. Erfreuen wir uns an den aktuelleren Ausgaben der "Weltwoche". Mein "tröpfelnder Penis" ist nämlich die direkte Antwort auf den Artikel "Wenn die Vulva zum Vulkan wird" (Weltwoche, 18.8.2005). Der Autor David Signer erklärt darin dem verblüfften Publikum, dass "Jamaikanerinnen dies nicht als sexistische Bemerkung, sondern als nette Einladung zum Tanz" verstehen würden. Die jamaikanische Sozialwissenschaftlerin Carolyn Cooper zitierend referiert Signer seine karibischen Höhepunkte: "Der weibliche Körper ist die zentrale Figur. Männer sind an der Peripherie. Sie schauen vom Rand her, wie die Frauen paradieren. In ihren knappen Kleidern überschreiten diese die Grenzen der Konvention und der häuslichen Moral. Ich sehe das nicht negativ; es ist eine Art, für die Schönheit ihres Körpers einzustehen in einer Kultur, die den schwarzen, weiblichen Körper nicht wertschätzt." Super. Es kommt aber noch dicker. Die Bildlegende zu einer wunderschönen, lasziv tanzenden schwarzen jungen Frau wird untertitelt: "Nur zur Information: Achtzig Prozent der Maturanden sind weiblich."
Auf zum hippen Feministinnen-bashing
Im autonomen Vorvollzug haut Signer den Feministinnen gleich mehrmals mit der jamaikanischen Soziologin Cooper in die Fresse. Wie üblich kann Männern ja auch nichts Besseres passieren, als Frauen gegeneinander auszuspielen. Die Sendung mit Verona Feldbusch versus Alice Schwarzer war aber im Vergleich dessen, wie David Signer Frau Cooper zitiert, geradezu nette Appetithäppchen für das, was im so beliebten "political correctness bashing" noch auf Feministinnen zukommen wird: "In den feministischen 'gender politics'-Texten werde die sexuelle Anziehung zwischen Männern und Frauen plötzlich zu etwas Pathologischem", sagt Carolyn Cooper gemäss Signer, und "Sex-Appeal etwas Neurotisches oder Ausbeuterisches. Selbstgerechte Kritikerinnen, die vorgeben, im Namen der unterdrückten Frauen zu sprechen, sehen oft nicht, dass die Frauen selber häufig am meisten Vergnügen finden an den obszönen Texten sowohl von männlichen wie weiblichen DJ's, die die sexuelle Macht der Frauen feiern."
Hallooo? Wo haben Sie denn studiert Frau Cooper? Oder besteht da - zugegebenermassen gemein formuliert - ein Zusammenhang zwischen achtzig Prozent Maturandinnen und weiblicher Analysefähigkeit? Dass Menschen, und vor allem Frauen, sich schon immer den gegebenen Verhältnissen angepasst und die herrschenden kulturellen Vorgaben zu den eigenen gemacht haben, ist vielleicht schon bis nach Jamaika gedrungen. Deshalb treiben chinesische Mütter auch ihre weiblichen Föten millionenfach ab, weil sie wissen, dass nur ein Sohn das ökonomische Überleben sichert. Bei diesem Beispiel kommt übrigens nicht einmal ein journalisierender Mann auf die Idee, diese Praxis als idealtypisch menschlich zu preisen und sich besorgt die Frage zu stellen, ob nicht die Chinesen mit ihren weiblichen, sondern wir mit unseren männlichen Föten ein Problem hätten (David Signer fragt sich im Artikel doch tatsächlich, ob nicht die Jamaikaner ein Problem mit der Homosexualität, sondern der Westen ein Problem mit der Heterosexualität hätte). Ein anderes Beispiel gefällig? In Zentralafrika zerstückeln afrikanische Frauen die Klitoris fünfjähriger Mädchen. Sie tun dies im Bewusstsein, dass den künftigen Frauen nur so eine gesellschaftliche Anerkennung und mögliche Heirat garantiert werden kann. Auch bei dieser Praxis wäre es noch keinem Westler in den Sinn gekommen, von der Reinheit weiblicher Sexualorgane und einer "kraftvollen Stilisierung des weiblichen Körpers" zu sprechen, der trotz Verstümmelung "seiner wahren Bestimmung" zugeführt wird.
"Natur", "Weib", "Erotik" sind kulturelle und keine absoluten Kategorien. Wenn nun in Jamaika die "please put your thing in me"-Haltung (Originaltitel eines von der Weltwoche zitierten Songs) den Frauen Ansehen, Karriere und Einkommen verspricht, korrespondiert das weder mit einer befreiten weiblichen noch mit einer erfrischend unwestlichen Idealsexualität, sondern sie verkörpert die klassische menschliche Strategie des "survival of the fittest", das Überleben durch Anpassen.
So kommt es auch nicht von ungefähr, dass die westlichen Frauen auf Selbstbestimmung, Freiheit und Neuentdeckung weiblicher Lust pochen, sondern steht im Kontext der abendländischen Geschichte. Ohne die Französische Revolution wären wir verhärmten, unattraktiven und frustrierten Westfrauen wohl auch im Paradies von Burka, brasilianischen Stringtanga, jamaikanisch-feuchter Muschi oder gar klitorisbeschnittener Sudan-Erotik (entschuldigen Sie meine dunklen Anspielungen). "Deine Muschi ist süss, ich möchte sie ficken!" (Originalzitat Weltwoche) mag deshalb im schwülheissen Dancehall in Kingston funktionieren, doch in Zürich sind diese Worte wohl am besten im Schlafzimmer, also im sozialen Nahraum aufgehoben. Genauso wie biologistische Zuschreibungen in das Märchenreich menschenfeindlicher Kulturpessimisten, Hormontheologen und Evolutionsschimpansen und nicht in die anspruchsvollen Wissenschaftsseiten der veröffentlichten Wirklichkeit gehören.
Eine Frage des Kontextes
Blut ist, wie schon Goethe sagte, ein besonderer, aber bei weitem nicht der einzig bestimmende Saft des Menschen. Kontext lautet das Zauberwort - doch dies scheint der postmodernen Sexualitäts-, Mann- und Frau-Klischierungsobsession offenbar egal zu sein. Dabei wäre es fantastisch gewesen, David Signer hätte seine Wut und seine Trauer ausdrücken können über den vom Geist des Kapitalismus besessenen Puritanismus à la Max Weber oder über den Libido-Verlust in der Zivilisation à la Norbert Elias. So aber suhlt sich Signer nur in den Kloaken antifeministischer Vorurteile gegenüber den ach so sexuell frustrierten Emanzen im Westen. Wobei ich zu den homophoben Ausfällen noch gar nichts gesagt habe, was hier auch den Rahmen sprengen würde.
David Signer ist nur die Spitze des Eisbergs. Was mittlerweile alles unter biologisierter Frauen-Männer-Verblödung publiziert wird, verstopft jede Mailbox. Dabei sind Betrachtungen wie das "Fräulein Wunder" (Spiegel, 11.7.2005) oder "Kohls unterschätztes Mädchen" (Aargauer Zeitung 25.5.2005 und Spiegel 30.5.2005) oder "Vom Mädchen zum Mysterium" (Facts 1.9.2005) oder "Frau Kandidatin, es ist Zeit für eine neue Frisur" (Stern 4.8.2005) geradezu erfrischend. Doch irgendwann hört der Spass auch in der Spassgesellschaft auf. Angesichts des Schlagzeilentümpels der Jetztzeitmedien war schon der Schweizerische Frauenkongress 1921 weitsichtiger als das, was wir als Medienkonsumierende heute über uns ergehen lassen müssen. So kommt das Magazin "Facts" in einer Buchbesprechung zur Sexualität (4.8.2005) aus dem Populärpsychologisieren nicht heraus. Titel: "Turnen ohne Vati. Beim Volkssport Seitensprung sind Frauen wenig erfolgreich - schuld ist ihr Hang zur Romantik. Dabei macht eine kühl geplante Affäre die ganze Familie glücklich. Ein Plädoyer fürs Fremdgehen ohne Fehltritte." Einmal mehr interessiert sich das berichtende Medium nicht generell für das Thema "Fremdgehen", sondern für die machtbedingten und projizierten Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Dieser vor allem in den männlichen Naturwissenschaften (Ironie, Ironie) verengte Tunnelblick produziert somit immer mehr Studien, die Kausalität mit Korrelation verwechseln, respektive die Grundlage sexistischer Forschung mit Unwissenschaftlichkeit zelebrieren. Kein Wunder diskutieren die deutschen Medien ohne Selbstironie die Frage, ob eine Frau denn auch das Zeug für eine Kanzlerin hat. Leider ist in diesem Zusammenhang auch der Aufruhr über eine inhaltlich an sich berechtigte Kritik an der bisherigen Familienpolitik der ehemaligen Ministerin und heutigen Bundeskanzlerkandidatin Angela Merkel verdächtig. Statt wie bei Männern über Profil zu diskutieren, steht plötzlich die Kinderlosigkeit versus Mutterschaft im Vordergrund. Also ob alle Frauen Gebärmütter wären.
Macht ist hier das Zauberwort. Die Trennung von öffentlich und privat. Die Konstruktion von Mann und Frau. Und nochmals die Machtfrage. Denn gescheite Frauen und deren Analysen werden im veröffentlichten Biologiegequatsche gerne mundtot gemacht. So sind exklusive Männerpodien wieder total im Trend und jeder kritische Einwurf nach Frauenpräsenz wird als "Quotensyndrom" oder "politische Korrektheit" disqualifiziert. Und wer von uns Menschen ist schon gerne politisch korrekt, verklemmt oder gar bünzlig? Igitt! Die Verunglimpfungsrhetorik wirkt.
Medienöffentlichkeit als Machtfaktor
Die Medienöffentlichkeit ist ein Elitemachtfaktor von ungeheurer Relevanz. Lesen und schauen Sie sich um: Als Mann kriegen Sie mit schöner Regelmässigkeit Studien offeriert, die ihnen suggerieren, dass der klassische Macho als "liebender Affe" in jedem Fall die meisten Sexualpartner kriegt (Spiegel 28.2.2005). Zudem muss sich jeder Mann, der einmal nicht ans Fremdgehen denkt, Sorgen über seine Geschlechtsidentität machen. Als Frau kriegen Sie in der frischen Jugend einen schicken, mageren Heroinlook oder eine Steroid-angehauchte Muskel-Silhouette präsentiert mit der Aufforderung, soviel Sex als nur möglich zu haben. Denn als Frau ab fünfzig bleibt ihnen nur noch die "Vergewaltigung der Zimmerpflanze" übrig, da die "Chance als Frau über fünfzig einen Mann zu finden, der noch bei Trost ist, kein Heiratsschwindler, keine Beziehungsleiche und kein Gebrechlicher, der bloss eine Krankenschwester sucht, etwa so gross ist wie in diesem Leben noch auf den Mars zu fliegen." (Marianne Fehr in der Weltwoche 25.8.2005) Solche Botschaften dienen ausschliesslich der diskursiven Herrschaftssicherung längst veralteter Gesellschaftskonstrukte und der Ideologie, dass Frauen ohne Männer immer amputierte Menschen bleiben. Und wie es bei Kultur halt so ist, verinnerlichen Menschen gerne Wertmassstäbe. Je absurder, je verinnerlichter - so scheint es mir jedenfalls in schlechten Tagen.
Dass bisher noch niemand auf die praktische Idee gekommen ist, die ständig bespringenden testosterongeplagten Männer auf die sexuell unbefriedigten älteren "pudelschmusenden" Frauen loszulassen, spricht Bände. Offenbar sind logische Zusammenhänge keine Präferenz der Evolutionsbiologen und der über sie berichtenden journalisierenden Elite. Es lohnt sich, statt auf Naturwissenschaftler, wieder mehr auf Philosophinnen und Philosophen zu hören. Denn die Menschen sind im täglichen Leben mehr als ein Hormonmix und ein DNA-Produkt, mehr als nur "menschgewordene Natur". Studien belegen nur die Fragestellungen, die ihnen zugrunde gelegt werden. Dass dabei meist der personalisierte Geschlechterunterschied statt eine übergeordnete Forschungsfrage den Ausschlag gibt, muss zu denken geben. Brillant hat es der schweizerische Publizist Markus M. Ronner auf den Punkt gebracht: "Dass das Saxofon von Adolphe Sax stammt, ist noch kein Beweis dafür, dass das Telefon von Wilhelm Tell erfunden wurde." (aus www.zitate.de, Zitatnummer 1377)
Als die britische Premierministerin Margret Thatcher 1982 britische Truppen auf die Falklandinseln schicken wollte, geriet ein Unterhausabgeordneter in Wallungen. Zur existentiellen Entscheidung über Krieg oder Frieden sei eine Frau gar nicht in der Lage, empörte er sich. Schliesslich sei Margret Thatcher eine Frau und als solche "dem Menstruationszyklus unterworfen".
Dr. phil. Regula Stämpfli ist Politikwissenschaftlerin, Buchautorin und Medienkolumnistin bei diversen Schweizer Zeitungen (www.regulastaempfli.ch).
Weiter zum Thema im Medienheft erschienen ist:
Kaemper, Gabriele (2005): Der männliche Mann - Mediale Propaganda der Ungleichheit. Journalismus und Wissenschaft im Dienst neurechter Politiken. In: Medienheft, 9.9.2005.
- Dateien:
k24_StaempfliRegula.pdf
