Die Berufsrealität der Medienschaffenden in der Schweiz
Hauptbefunde einer Repräsentativbefragung
Die Studie "Journalisten in der Schweiz" ermöglicht zum ersten Mal eine repräsentative Beschreibung der Berufsgruppe der Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz und der strukturellen Bedingungen, unter denen sie hierzulande tätig sind. Drei grundsätzliche Befunde gehen dabei aus der Studie hervor: Die journalistische Berufsgruppe in der Schweiz unterscheidet sich nur unwesentlich von jenen der Nachbarländer. Allerdings gibt es innerhalb der Schweiz beachtliche Unterschiede in den journalistischen Berufsrealitäten. Trotz dieser Unterschiede fallen die Einschätzungen zum Rollenselbstbild oder zur Berufszufriedenheit ähnlich aus: Journalistinnen und Journalisten sind trotz der zuweilen hohen Arbeitsbelastung mit ihrem Beruf sehr zufrieden.
Von Mirko Marr
Die präsentierten Ergebnisse wurden mit Hilfe einer schriftlichen Befragung von insgesamt 2'020 Medienschaffenden erhoben. Als Grundgesamtheit galten alle Mitglieder der drei grossen schweizerischen Journalistenverbände SVJ, SJU und SSM. Erhebungszeitraum war der Sommer 1998. Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Studie lag in der Verantwortlichkeit des Instituts für Medienwissenschaft der Universität Bern und des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich.
Auf der Basis der erhobenen Daten lassen sich drei grundsätzliche Einschätzungen über Journalisten in der Schweiz treffen:
1.) Die journalistische Berufsgruppe in der Schweiz unterscheidet sich sowohl hinsichtlich ihrer soziodemographischen Zusammensetzung als auch hinsichtlich der strukturellen Bedingungen, unter denen sie tätig ist, nur unwesentlich von den Kolleginnen und Kollegen in anderen westeuropäischen oder nordamerikanischen Ländern.
2.) Innerhalb der journalistischen Berufsgruppe in der Schweiz lassen sich beachtliche Unterschiede der Berufsrealität verschiedener Subgruppen feststellen. In Abhängigkeit vom jeweiligen Medientyp, vom Anstellungsstatus, von der hierarchischen Position aber auch vom Geschlecht oder von der Sprachregion ergibt sich eine enorme Bandbreite dessen, was unter einer einzigen Berufsbezeichnung subsummiert wird.
3.) Im Gegensatz zur Heterogenität der Berufsrealität zeigen sich bei den erhobenen subjektiven Einschätzungen der Berufszufriedenheit oder den journalistischen Rollenselbstbildern nur geringfügige Unterschiede. Strukturelle Benachteiligungen, wie sie beispielsweise für Journalistinnen und freie Mitarbeiter aufgezeigt werden konnten, fallen in der Bewertung der Berufssituation wesentlich moderater aus. Die Einschätzung der vorgelegten Indikatoren verschiedener Rollenselbstbilder folgte einem recht einheitlichen Trend und produzierte nur in wenigen Fällen Abweichungen.
Neben diesen generellen Tendenzen, können folgende Einzelbefunde als wichtige Ergebnisse der Erhebung präsentiert werden:
Grosse Journalistenzahl, vor allem beim öffentlichen Rundfunk
Die Schweiz verfügt gemessen an der Einwohnerzahl über eine im internationalen Massstab überdurchschnittliche Anzahl von Journalisten. Auf 100'000 Einwohner entfallen in der Schweiz 129 Journalistinnen und Journalisten, während die Zahl in Deutschland bei 66, in den USA bei 47 und in Frankreich bei 46 liegt. Gründe für die verhältnismässig vielen Journalisten in der Schweiz sind die hohe Zeitungs- und Zeitschriftendichte mit einer beachtlichen regionalen Segmentierung wie auch das aufwendige Engagement des öffentlichen Radios und Fernsehens in den verschiedenen Sprachregionen des Landes. Betrachtet man die Verteilung nach verschiedenen Medientypen, so repräsentieren AV-Journalisten 29% der Berufsgruppe und dominieren damit deutlicher als in vergleichbaren Ländern. Im historischen Vergleich erweist sich sowohl die Zahl der Journalisten als auch ihre Aufteilung auf verschiedene Medientypen über die letzten zwanzig Jahre hinweg als stabil.
Moderate Flexibilisierung
Eine Flexibilisierung des journalistischen Arbeitsmarktes durch freie Tätigkeit und Mehrfachbeschäftigungen vollzieht sich in der Schweiz bisher nur in moderaten Dimensionen. Nach wie vor verfügen acht von zehn Journalisten über eine Festanstellung, und für sechs von zehn Journalisten beschränkt sich ihre Tätigkeit auf die Mitarbeit bei einem einzigen Medium. Mehrfachbeschäftigungen finden sich vor allem im nichttages-aktuellen Printbereich. Simultane Anstellungen bei Presse und elektronischen Medien dürfen bisher noch als Ausnahmen gelten.
Redaktionsstrukturen vom Medientyp geprägt
Redaktionelle Strukturmerkmale, mit denen sich Schweizer Journalisten konfrontiert sehen, stehen erwartungsgemäß in einem engen Zusammenhang mit dem jeweiligen Medientyp, mit der Erscheinungshäufigkeit und mit der Publikumsausrichtung des publizistischen Produktes. Bei der nichttagesaktuellen Presse sowie beim (noch) regional ausgerichteten privaten Rundfunk arbeiten Journalisten in Redaktionen mit eher wenigen Mitarbeitern und mit flachen Führungshierarchien und geringerer Ressortstrukturierung. Die thematische Strukturierung der redaktionellen Arbeit durch Ressorts lässt zwei Tendenzen erkennen. Zum einen erfolgt ein beträchtlicher Teil der journalistischen Tätigkeit außerhalb von Ressortstrukturen. Nur sechs von zehn Journalisten geben an, einem oder mehreren Ressorts zugeordnet zu sein. Zum anderen lässt sich eine Auflösung klassischer Ressortkategorien erkennen. Fast jeder vierte Schweizer Journalist, der einem Ressort zugeteilt ist, nennt Ressortbezeichnungen, die nicht den herkömmlichen Wahrnehmungsstrukturen zuzuordnen sind. Damit bildet die Restkategorie "Sonstiges" das größte Ressort, noch vor dem Bereich "Lokales / Regionales". Die Ausdifferenzierung ist vor allem im Zeitschriftensegment zu beobachten, wo jede zweite Ressortnennung aus dem Raster der klassischen Ressorts fällt.
Redaktionsinterne Steuerung weit verbreitet
Redaktionsinterne Steuerung der publizistischen Tätigkeit ist zwar für die Schweizer Journalisten nicht selbstverständlich, aber weit verbreitet. Drei von vier Medienschaffenden arbeiten in Redaktionen, die ihre Ziele und Normen in Redaktionsstatuten, redaktionellen Leitbildern oder Ethik-Kodices festgeschrieben haben. Ebenso verbreitet sind die eher aktiven Steuerungspraktiken der Blatt- resp. Sendungskritik oder die vorherige Abnahme von Artikeln und Beiträgen durch Redaktionskollegen. Bereiche, die diesbezüglich Defizite aufweisen, sind nicht auszumachen. Erkennbar ist aber, dass bei den Tageszeitungen und bei den Nachrichtenagenturen alle Arten von Steuerungspraktiken hohe Verbreitungswerte aufweisen. Elektronische Medien setzen unter dem Aktualitätsdruck eher auf die Steuerung durch Leitlinien, während nachträgliche Produktkritik und vorherige Beitragsabnahme durch Redaktionskollegen bei den nichttagesaktuellen Printmedien häufiger praktiziert werden.
Tätigkeitsprofil mehrheitlich von journalistischen Kerntätigkeiten geprägt
Schweizer Journalisten bestreiten im Schnitt 59% ihrer Tätigkeit mit journalistischen Aufgaben im engeren Sinne. Der Rest der Arbeitszeit entfällt auf technische und organisatorische Vorgänge. Bedingt durch die höhere Technisierung der Arbeitsvorgänge bei elektronischen Medien, sinkt dort der Anteil der journalistischen Kerntätigkeit. Letzteres gilt auch für festangestellte Journalisten gegenüber den freien und für jene, die mit Führungsaufgaben betraut sind.
Internationale Analogien bei der sozialen Zusammensetzung
In Bezug auf seine soziodemographische Zusammensetzung weist der Schweizer Journalismus deutliche Strukturähnlichkeiten mit den Berufsgruppen in anderen Vergleichsländern auf. Der typische Schweizer Journalist lebt und arbeitet in der Deutschschweiz, ist männlich, etwa 40 Jahre alt, verfügt über ein Hochschulstudium und über eine Berufserfahrung von 15 Jahren. Tendenziell ist eine kontinuierliche Zunahme des Frauenanteils, eine weiter fortschreitende Verjüngung sowie eine steigende Akademisierung zu beobachten.
Abweichende Berufssituationen verschiedener sozialer Gruppen
Mit der Zunahme des Frauenanteils lösen sich auch eine Reihe von Benachteiligungen der Journalistinnen auf. Unverändert bleiben bisher die geringe Frauenquote in Führungspositionen sowie ein deutlich niedrigeres Einkommensniveau. Die zunehmende Dominanz der jüngeren Altersgruppen geht einher mit einem beobachtbaren Drop-out der älteren Journalisten. Kurze Aufstiegswege in Bezug auf Hierarchie und Einkommen verhindern eine Privilegierung jener, die über lange Berufserfahrungen verfügen. Unterschiede zwischen den Journalisten in den verschiedenen Sprachregionen lassen sich in Bezug auf die soziale Zusammensetzung feststellen. Sowohl der Männeranteil als auch das Durchschnittsalter steigen von der Romandie über die Deutschschweiz bis ins Tessin an. Bedingt durch den hohen Anteil von SRG-Mitarbeitern im Tessin gestaltet sich dort auch das Einkommensniveau günstiger als in den restlichen Landesteilen. Der stärker ausdifferenzierte Medienmarkt in der Deutschschweiz führt grundsätzlich zu einer größeren Vielfalt der journalistischen Berufsrealität im größten Landesteil. Auffällig wird dies insbesondere an den Ausbildungswegen, die in der Westschweiz und im Tessin deutlich weniger Varianten aufweisen.
Hohe Berufszufriedenheit
Die subjektive Wahrnehmung der Berufsrealität offenbart eine hohe Berufszufriedenheit der Schweizer Journalisten über alle Subgruppen und bestehende Benachteiligungen hinweg. Gratifikationen wie die angemessene Bezahlung oder die abwechslungsreiche Tätigkeit wiegen die durchaus wahrnehmbare Arbeitsbelastung mehr als auf.
Mirko Marr arbeitet am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung IPMZ an der Universität Zürich.
Marr, Mirko/ Wyss, Vinzenz/ Blum, Roger/ Bonfadelli, Heinz (2000): Journalisten in der Schweiz. Eigenschaften, Einstellungen, Einflüsse. Forschungsfeld Kommunikation Bd. 13. Konstanz, UVK Medien.
Weitere Informationen befinden sich unter: http://www.imw.unibe.ch/forschung/journalismus.htm
- Dateien:
p16_MarrMirko.pdf
