Der Mediengau von Winnenden
Über die Ausblendung der Frauenmorde
Das Schulmassaker eines 17-jährigen Jungen in Winnenden hielt die Medien tagelang in Atem. Es wurde über alles Mögliche berichtet, nur nicht über die Tatsache, dass es sich bei fast allen Opfern um Mädchen und Frauen handelte. Über den blinden Fleck eines Mediensystems, das die Normalität des Frauenhasses ausblendet.
Von Brigitta Huhnke
Mädchen- und Frauenmörder Tim Kretschmer hielt tagelang die deutschen Medien auf Trab. In der Realschule von Winnenden hatte er am 11. März acht Mädchen und drei Lehrerinnen sowie einen Jungen mit deutsch-kosovarischem Hintergrund gezielt mit Kopfschüssen hingerichtet, sieben weitere Mädchen angeblich gezielt angeschossen und auf der Flucht drei weitere Menschen wahllos getötet. Umgehend entwickelte sich ein Hype, – die Direktorin der Schule sprach von einem «medialen Belagerungszustand» – in dem sich vieles entlud, nur nicht die Suche nach dem gesellschaftlichen Kontext einer solchen Tat. Vielmehr wurde mit dem Fall des Mörders Kretschmer über Tage hinweg ein männlicher Held inszeniert – wenn auch ein negativer. Dafür wurde von den Medien, aber ebenso seitens der Politik, die Realität der gezielten Mädchen- und Frauenmorde systematisch verleugnet.
Die größte Opfergruppe wurde bereits in den ersten Rundfunknachrichten des 11. März sofort unsichtbar gemacht: Schülerinnen wurden «Schüler». Statt der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, sich in Nachdenklichkeit und Trauer mit den ausgelöschten Leben der Mädchen, der Lehrerinnen und des Jungen auseinander zu setzen, beherrschte in den Stunden und Tagen danach das Geschwätz über den Mörder den öffentlichen Diskurs. Kaum war der erste Tag vergangen, wurde die Öffentlichkeit mit niedlichen Kinderaufnahmen des Täters konfrontiert. Während wenig über die drei ermordeten Lehrerinnen bekannt wurde, die sich dem Täter entgegengestellt und so wahrscheinlich noch Schlimmeres verhindert haben, durften die Familienangehörigen des Täters nur drei Tage später, am 14. März, in der «Bild» vom lieben Jungen erzählen, der noch wenige Wochen zuvor friedlich mit der Katze auf Omas Teppich gespielt habe.
Papas guter Junge
Die «Bild am Sonntag» titelte am 15. März mit der Schlagzeile «Der Sonntag der Trauer». Um die dicken Lettern herum waren kleine Bilder der Ermordeten angeordnet, mit Vornamen und Altersangaben. Das letzte Bild in dieser Galerie zeigte unten rechts, in gleicher Bildgröße, den Exekutor. Anders als bei seinen Opfern jedoch war sein Bild mit einem Zusatz versehen: «Tim K. (+17), der Täter. Wir trauern auch um seine verlorene Seele». Im Inneren des Blattes folgten sechs Seiten dünne Geschichtchen über 15 der Opfer, gefolgt von fünf Seiten nochmals ausführlichster Anteilnahme für den Täter, mit lebensgroßem Kopfbild, freundlich lächelnd, und erneut mit anmutigen Kinderfotos. Bei der Nachrichtenillustrierten «Der Spiegel» (12/2009) erwirbt der Frauenmörder für sich allein Titelhöhe: Ganzfoto in Freizeitgeste, freundlich, nett, sympathisch, die Hände in den Taschen, – er wirkt fast schon ein bisschen verwegen. Die Schlagzeile: «Wenn Kinder zu Killern werden». Den realen 17-jährigen Frauenmörder präsentierten diese beiden meinungsführenden Medien nach nur vier Tagen wie ein fast schuldunfähiges Kind.
Die Sonntagszeitung der «FAZ» titelte «Winnenden: Der Schock dauert an. Merkel fordert mehr Wachsamkeit. Weiter Rätselraten über Amokläufer. Erstes Opfer beerdigt.» Insgesamt ging die allgemeine Mediensaga nun so: Papas guter Junge, ein «Bildungsverlierer», der so einsam war, weshalb er ein paar Gewaltvideos und Pornobilder konsumierte, den die böse Welt – unter anderem eine mobbende Lehrerin und selbstbewusste Mädchen – und dann irgendwie das «Unerklärliche» zur Tat getrieben hatten. Am 16. März brach der Hype fast jäh ab, der mediale Tross war weiter gezogen: nach St. Pölten, zum Prozess über das so genannte «Inzest-Monster von Amstetten». Doch davon später und zurück zum Mediengau von Winnenden: Wie konnte diese «Verrätselung» des Mädchen- und Frauenmordes in nur fünf Tagen so völlig reibungslos und ohne jegliche Gegenöffentlichkeit im «normalen» Mediensystem geschehen?
«Nichts Aussergewöhnliches»
Zum Wesen eines humanistischen Journalismus sollten Empathie und eine daraus erwachsende Obsession gehören, das heisst der Drang, gesellschaftlichen Hintergründen von Ereignissen mit den Mitteln der Recherche auf die Spur zu kommen. In diesem Fall des mordenden Jungmannes wurde jedoch nicht einmal das Naheliegendste in den Zusammenhang gebracht: der in der Mitte der Gesellschaft schwelende Frauenhass. Keiner der berichtenden Journalistinnen und Journalisten wurde offenbar stutzig, als der zuständige Staatsanwalt Siegfried Mahler bei der ersten Pressekonferenz am 11. März bekannt gab, auf dem Computer des Täters seien Gewaltspiele und Pornobilder gefunden worden, aber das alles sei normal und nicht weiter ungewöhnlich. Eine gut ausgebildete Journalistin hätte reflexartig den Staatsanwalt sofort nach der Art und Anzahl der Bilder gefragt. Stattdessen übernahmen viele Zeitungen und Rundfunkanstalten das dort Vorgetragene ungeprüft. «Spiegel Online» fasste es am 12. März so zusammen: «Auf seinem Computer, der in seinem Zimmer stand, fanden die Ermittler ein paar wenige Pornobilder und Gewaltspiele – 'wie es viele Jugendliche haben', so Chef-Ermittler Mahler. Alles nichts Außergewöhnliches für einen Menschen in seinem Alter. Seit drei Jahren betrieb Tim Krafttraining, weil er gern 'dickere Arme' gehabt hätte. Auch das nichts Außergewöhnliches.»
Nichts deutet in diesen Zeilen auf Recherche oder gar Skepsis hin. Dennoch wurden diese Zeilen unzählige Male im Mediensystem plagiiert (wie von der Website nachrichten.t-online) oder leicht umgeschrieben (wie im Provinzblatt «Der Prignitzer»). Die «Welt» zitierte den Staatsanwalt zu Tim K. wie folgt: «Er sei ein zurückhaltender Mensch gewesen. 'Er wurde durchweg als freundlich beschrieben. Und er war interessiert an einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Aber eine feste Freundschaft hat nicht stattgefunden', sagte Siegfried Mahler von der Staatsanwaltschaft. Auf dem Computer seien auch Pornobilder gefunden worden. 'Allerdings nicht in einem Umfang, der besorgniserregend wäre.'»
Erst nach vier weiteren Tagen war zu erfahren, was für den Staatsanwalt so normal ist und was ein «paar wenige Pornobilder und Gewaltspiele» für ihn bedeuten: 200 Pornobilder, von denen 120 Frauen in «Bondage» dargestellt waren.
Normalität ist keine Nachricht wert
Warum sich in diesen ersten Stunden und Tagen nach den Morden in Winnenden diese Art der Themensetzung der Medien durchsetzte, hat strukturelle Gründe. Und um das Strukturelle im öffentlichen Umgang mit solchen Kapitalverbrechen zu erkennen, lohnt sich ein Blick auf das intramediale Agenda-Setting. Daran lässt sich zeigen, wie die Nachrichtenentscheidungen und einige typische journalistische Inszenierungsstrategien zur medialen Ausblendung der Mädchen- und Frauenmorde von Winnenden führte. Im Ansatz wird dabei auch das Agenda-Building berücksichtigt, also das Zusammenspiel von Medien und Politik.
Aufschluss gibt zunächst der Fokus auf das Zusammenspiel der drei wichtigsten, in der journalistischen Praxis angewandten Nachrichtenwerte: «Sensation», «Prominenz» und «Negativismus».
Normalerweise hat die Nachrichtenentscheidung «Sensation» im Mediensystem eine hohe Bedeutung. 18 von 19 der Opfer in der Realschule von Winnenden sind weiblich (wovon sechs überlebten), und der ermordete Junge hat einen Migrationshintergrund (wie übrigens auch einige der Mädchen). Damit war eigentlich ein absoluter Superlativ für die Themensetzung gegeben. Doch das allein reichte offenbar nicht, um in der von Männern geprägten Medienpraxis ein Ereignis mit frauenpolitischer Dimension in den Stand journalistischer Aufmerksamkeit zu befördern.
Ebenfalls wichtig für die Nachrichtenauswahl und Themensetzung in den Medien ist der Faktor «Prominenz». Das heisst, der gesellschaftliche Status eines Menschen ist entscheidend, ob über ihn berichtet wird oder nicht. Einen hohen Status aber haben Frauen, vor allem Frauen in ihren realen weiblichen Lebenswelten, in aller Regel nicht. Wäre dies so, müsste der real existierenden Gewalt gegen Frauen tagtäglich die Seite eins jeder Zeitung vorbehalten sein, erfahren doch konservativen Schätzungen zur Folge mindestens ein Drittel der Frauen einmal in ihrem Leben männliche Gewalt. Begeht ein einzelner Mann jedoch in spektakulärer Weise ein Verbrechen, dann wird das zur Sensation, und wenn auch im Deutungskontext der Dämonologie, so doch mit subtiler bis offener männlicher Heldenverehrung.
Nur wenige Tage vor der Mordorgie in Winnenden hatte das Familienministerium anlässlich des Frauentages vom 8. März eine Untersuchung zur Gewalt gegen Frauen veröffentlicht: «Die Ergebnisse der Untersuchung sind erschreckend und müssen uns alle wachrütteln», erklärt die Bundesministerin Ursula von der Leyen dazu in der Pressemitteilung. «Gewalt gegen Frauen ist kein Problem am Rande unserer Gesellschaft, sondern findet in allen Schichten mitten unter uns statt. Für viele Frauen sind Schläge, Tritte und Beschimpfungen zu einem entsetzlichen Alltag geworden. Wir müssen alles tun, um diese Gewalt zu verhindern und abzuwehren.» Eigentlich wäre damit die dritte wichtige Nachrichtenentscheidung erfüllt: der «Negativismus» von Gewalt gegen Frauen. Eigentlich. Doch in Redaktionsstuben gilt ebenso das Gebot «news is what's different». Da aber die alltägliche Gewalt gegen Frauen keine Sensation im Sinne von «different» ist, sondern eine strukturelle Bedingung des weltweit stärksten asymmetrischen Machtkonflikts aller Gesellschaften, beherrschte diese Studie auch keine Schlagzeilen.
Selbst wenn wir den Medien lediglich Faulheit bei der Recherche unterstellen: es hätten ein paar Mausklicks genügt, um dieses Hintergrundmaterial zu studieren. Doch hier reichten die Nachrichtenwerte «Sensation» (der Gewaltstudie), «Prominenz» (der Familienministerin) und «Negativismus» (von Gewalt gegen Frauen) offenbar nicht aus, um den Gewalt-Bericht des Familienministeriums zur Nachricht zu erheben, gerade weil darin lediglich die «normalen» Verhältnisse beschrieben wurden.
Und so verhielt es sich auch im Fall des Massenmordes von Winnenden: Gewalt gegen Frauen wie auch die entsprechenden Vernichtungsphantasien in Gewaltvideos und Internet-Pornografie sind alltägliche Phänomene und daher keine Zeile wert.
Das «Unfassbare» und andere Abwehrstrategien
Statt Aufklärung über die gesellschaftlichen Zusammenhänge erhob sich in den ersten fünf Tagen nach dem Verbrechen ein Orkan der Geschwätzigkeit über das angeblich «Unfassbare». Dieser konzentrierte sich aber nicht nur höchst ambivalent auf den Täter, sondern betrieb, was den gesellschaftlichen Kontext betrifft, auch Schuldabwehr, um offenbar das patriarchale Selbstverständnis nicht zu gefährden.
Die wichtigsten journalistischen Strategien der Abwehr, die dabei erkennbar wurden, sind: die Verleugnung oder «Annihilation» der Opfer, das Mittel der Themenverschiebung unter Anrufung der Schicksalsgemeinschaft («Es ist ein Tag der Trauer für ganz Deutschland») und die Tendenz, den Täter als Opfer zu inszenieren.
Verleugnung: Die Beschwörung des «Schicksals»
Das Haupt-Mantra dafür gab gleich am Tag der Tat die Politik vor: «Schicksal» und «Unfassbarkeit». So sind die Morde von Winnenden für Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) eine «grauenvolle und in keiner Form erklärbare Tat». Noch am 13. März fragte sich Innenminister Wolfgang Schäuble im Deutschlandfunk: «Wie kann das passieren, dass ein Mensch so etwas Unfassliches begeht?» Schäuble ist selbstverständlich weiterhin für Waffenbesitz in privater Hand. 40 Millionen Waffen sind in diesem Land im Umlauf, davon mindestens sieben Millionen im Privatbesitz. Immer schriller und krawallartiger wurde in den Tagen danach das «Unfassbare» angerufen. Im Kontext der ARD-Sendung «Plasberg» war es «die Bluttat, die niemand versteht» (12.03.). Doch der mit Abstand unglaublichsten Medienkommentar am Tag danach lieferte Jakob Augstein jr. auf seiner neu erworbenen Medienspielwiese «Freitag». Hier bat Augstein am 12. März um 16:13 in seinen ganz persönlichen «psychic reading room». Zitat: «Bemerkenswert ist, dass wir offenbar nicht hinnehmen können, dass solche Dinge geschehen, und wir sie nicht vorhersagen und nicht verhindern und nicht ändern können. Uns fehlt inzwischen die Fähigkeit zum Sich-Fügen, die vermutlich den Menschen der Vergangenheit das Überleben überhaupt erst ermöglicht hat. (… ) Es gibt im Menschen einen Restbereich des Nicht-Erforschbaren. Einen freien Willen. Ein Leid. Einen Charakter. Einen Schmerz. Egal. Am Ende ist das die Freiheit. Und das Risiko. Das lässt sich nur ausschalten zu Kosten, die wir nicht zu tragen bereit sein sollten. Und wenn es dann geschieht – sollten wir schweigen, so weit wir das können.» Während Augstein noch dumpf über das Dunkle im Menschen, also das «Nicht-Erforschbare» und das «hinnehmen können» (der Mädchen- und Frauenmorde?) im Netz schwadronierte, konnte man seine «Deutung» nur wenig später überall im Deutschlandfunk hören.
Themenverschiebung: Die Bildungsverlierer
Bereits am Tag der Morde an den Mädchen und Frauen in Winnenden lieferte der Deutschlandfunk Material zur Themenverschiebung für den intermedialen Hokuspokus: Jungen seien Bildungsverlierer. Das nahmen nicht nur «Bild» und «Spiegel Online» begierig auf, sondern auch viele andere Zeitungen und Schwatzsendungen. Die «Frankfurter Rundschau» kommentierte noch am 13. März, ergriffen von diesem Gedanken: «Jungen sind die neuen Bildungsverlierer. Nicht allein, aber auch, weil sie sich schlechter anpassen als Mädchen und ihnen jedes Aufbegehren leicht als Unverschämtheit und totale Leistungsverweigerung oder gar Inkompetenz ausgelegt wird. Auf sie hat die Schule ihr strenges Auge gerichtet. In ihrem Schatten können Schüler Mitschüler gnadenlos mobben, können sich Opfer zurückziehen bis zur totalen Isolation. Im schlimmsten Fall lernen wir sie später kennen. Als Mörder in den Medien.» Also tragen die Mädchen und Lehrerinnen vielleicht nicht doch auch ein bisschen Mitschuld? Die «Süddeutsche Zeitung» sekundierte: «In der gesamten Schulkultur muss sich die Achtung vor dem Anderen niederschlagen. Und Jugendliche brauchen die Gewissheit, dass sich jemand tatsächlich für sie interessiert – für sie als Person, nicht als Fall. Sie fühlen sich schnell zurückgewiesen, gedemütigt, missachtet. Jedem genügend Anerkennung zu geben, unabhängig von Noten, Kleidung oder Zahl der Freunde, ist eine Aufgabe, die im Alltag zu schnell in den Hintergrund gerät». Und der Reutlinger General Anzeiger vermeldet den Wunsch: «Es bleibt eine Chance: Nicht nur Eltern und Lehrer – wir alle müssen nun darüber reden, wie wir für jene Jungen neue Orientierung stiften können, die sich in unserer Mitte als Verlorene empfinden».
Uminszenierung: Der Täter als Opfer
Im Krawallsender RTL hatte der Psychologe Alfred Gebert einen Auftritt, den er auf seiner Website als «gelungen» beurteilt. Auf die Frage nach einer Erklärung für die vielen weiblichen Opfer gab der Fachmann für wirtschaftspsychologische Themen Einblick in seine Deutungskompetenz: «Jungs werfen sich blitzschnell untern Tisch, während Frauen zur Salzsäule erstarren und nicht wissen, was sie machen sollen.» Auch andere Talkshows und Blätter konsultierten in diesen Tagen gern die schnelle Meinung von «Experten». In der «taz» vom 13. März erklärte ein Psychologe: «Wir haben bei den Tätern zwar eine Überrepräsentation psychischer Krankheiten entdeckt. Doch selbst die Kombination aus sozialem Konflikt und psychischer Krankheit kann einen Amok nicht erklären. Sprich: Wir sind in der Amokforschung ebenso wenig weitergekommen wie allgemein mit der Erklärung von Tötungsdelikten». Damit wären wir bei der Themenverschiebung «Krankheit» angelangt.
Für den «Kölner Stadtanzeiger» gab es nur eine Erklärung: «Tim K. war ein depressiver Waffennarr». Das «Hamburger Abendblatt» brillierte am 13. März auf Seite eins mit der Überschrift: «Amokläufer war in der Psychotherapie» – in welcher der Mörder übrigens nicht war, in der Pressekonferenz des Vortages war lediglich von psychiatrischer Behandlung die Rede gewesen. In den Rundfunkmedien wurde der Hype «Depression» noch gleichentags durch einen anderen Diskurs überlagert: Bereits am 12. März hatte sich der Deutschlandfunk in die Kombination «Täter war in psychiatrischer Behandlung und kündigte Pläne im Internet an» verbissen.
Am darauf folgenden Wochenende wandten sich viele Medien dem Vater des Mörders zu, der sehr entrüstet und offensichtlich exklusiv der Nachrichtenpostille «Focus» kundgetan haben soll, sein Sohn sei nicht in psychologischer Behandlung gewesen. Das erregte wiederum ordentlich Aufsehen und erlangte im «Deutschlandfunk» Nachrichtenstatus. Noch am 14. März war in den 22 Uhr-Nachrichten zu hören: «Nach dem Amoklauf von Winnenden hat Bundesinnenminister Schäuble vor übereilten Gesetzes-Initiativen gewarnt. Er sei nicht der Meinung, dass man kurz nach einem solchen Ereignis wissen könne, welche Schritte nötig seien, um derartige Taten in Zukunft zu verhindern, sagte Schäuble der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung'. – Bei dem Amoklauf am vergangenen Mittwoch hatte ein 17-Jähriger 15 Menschen erschossen und sich schließlich selbst das Leben genommen. Das Motiv ist weiter unklar. Die Eltern des Täters bestritten unterdessen, dass ihr Sohn psychotherapeutisch behandelt wurde. Die Ermittler hatten zuvor von mehreren Besuchen in einer Spezialklinik gesprochen.»
Am 15. März gab die «Bild am Sonntag» dem Anwalt der Eltern Kretschmer ausführlich Raum: «Die Eltern fragen nach dem Warum – und finden keine Antwort.» Und wenig später: «Wir bleiben dabei: Es hat keine psychotherapeutische Behandlung gegeben. Wir erwägen strafrechtliche Schritte gegen den Arzt einzuleiten. Er hat seine Schweigepflicht gebrochen. Ebenso falsch ist, dass es im Keller des Hauses einen Schießstand gegeben hat.» – Bis zum 16. März gab es noch keine öffentliche Beleidsbekundung der Eltern Kretschmer gegenüber den Familien der Ermordeten.
Tabu Frauenhass
Das Massaker von Winnenden an Mädchen und Frauen haben deutsche Medien zu einem gigantischen Spektakel inszeniert und gleichzeitig verharmlost. Die Vernachlässigung des journalistischen Handwerkszeugs leistet gerade der Tabuisierung gesellschaftlicher Dimensionen Vorschub. In der Forschung sind – anders als selbsternannte (psychologische) Experten behaupten – aus Frauenhass motivierte Morde sehr wohl bekannt. So betreibt eine Gruppe internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Website «gendercide.org», auf der sie solche Fälle dokumentieren. Der US-Medienwissenschaftler Douglas Kellner hat speziell Morde in US-Schulen als Akte des «Inlandterrorismus» untersucht. Sie «alle zeigen männliche Wut, als Versuch, eine Krise der Männlichkeit durch gewalttätiges Handeln zu lösen». Sie korrespondieren mit einer «sich pandemisch ausbreitenden Gewalt gegen Frauen».
Doch diese Empirie verharmlosen deutsche Medien systematisch. Bereits am 16. März kam der Kriminalfall von Amstetten (Österreich) in den Nachrichten des Deutschlandfunks als «Inzest-Fall» in den Status von Infotainment. Mehr als 20 Jahre lang hatte der Täter die Tochter als Sklavin gehalten, sie mindestens 3000-mal vergewaltigt, eines der Babys durch unterlassene Hilfeleistung getötet. Ehemals seriöse Blätter wie die «Frankfurter Rundschau» (FR), die früher eine Frauenseite hatte, spielen solche Taten heute herunter. So berichtete die FR am 18. April unter der Schlagzeile «Lebenslang für Inzest-Täter» über einen ähnlichen Fall aus Kalifornien. Urteil: Lebenslange Haft, weil der Täter seine 29-jährige Tochter 20 Jahre lang vergewaltigt hatte. Handelte es sich hier, wie im Fall von Amstetten, wirklich um Inzest oder nicht viel eher um einen tausendfachen Femizid auf Raten?
In Kanada ist der 6. Dezember nationaler Gedenktag, aus Anlass des «Massakers von Montreal», bei dem ein junger Mann in der Polytechnischen Hochschule 1989 gezielt 14 junge Frauen umgebracht hatte. Im Abschiedsbrief hatte er Zeugnis über seinen Frauenhass abgelegt. In Kanada ist dieser Femizid im kollektiven Bewusstsein. Der Mörder von Winnenden hat ebenfalls eindeutige Belege für sein Motiv hinterlassen: mindestens 120 Fotos der Marke «Bondage». Im Internet folgen auf die Eingabe «Bondage» knapp 40 Millionen Treffer. Zu sehen sind unvorstellbares Quälen und Foltern von Frauen. Für deutsche Medienmänner war das bis heute kein Anlass für Recherchen. Winnenden hat gezeigt, was in der deutschen Gesellschaft völlig fehlt: «kollektive Scham der Männer» (Luise F. Pusch).
Dr. Brigitta Huhnke ist Medien- und Sozialwissenschaftlerin in Hamburg.
Beim vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine gekürzte und erweiterte Fassung des Artikels «Fünf Tage Mediengau – Der Mädchen- und Frauenmord von Winnenden» vom 16. März 2008 auf der Website «Frauen.Biographieforschung» (www.fembio.org).
Weiterführende Quellen:
Huhnke, Brigitta (1996): Macht, Medien und Geschlecht. Opladen.
Jones, Adam (Hrsg.) (2009): Gender Inclusive. Essays on Violence, Men, and Feminist International Relations. Routledge.
Kellner, Douglas (2008): A conversation between Jackson Katz and Douglas Kellner on Guns, Masculinities, and School Shootings. In: Fast Capitalism, 4.1.2008: http://www.uta.edu/huma/agger/fastcapitalism/4_1/katzkellner.html
Kellner, Douglas (2008): Guys and Guns Amok: Domestic Terrorism and School Shootings from the Oklahoma City Bombing to the Virginia Tech Massacre. Paradigm Publishers, Boulder (USA).
Links:
«Frauen.Biographieforschung»:
http://www.fembio.org
«Gendercide» u.a. zum Massaker von Montreal:
http://www.gendercide.org/case_montreal.html
Krimipedia zum Begriff «Femizid»:
http://www.kriminologie.uni-hamburg.de/wiki/index.php/Femizid
- Dateien:
k09_HuhnkeBrigitta_01.pdf
