Chronische Sinnlosigkeit
Vorwahlen in den US-Medien
Die US-Journalisten stürzen sich in der Berichterstattung über die Vorwahlen gern auf Schlammschlachten und Portraits der Präsidentschaftskandidaten. Dabei liegen Wahlprognosen häufig falsch. Aussen vor bei diesem Wettrennen um Köpfe und Prognosen bleiben Analysen über die politischen Inhalte.
Von Gerti Schön
Es ist Wahlkampf in Amerika, und die Medien laufen schon seit Wochen heiss mit ihrer Berichterstattung um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner und Demokraten. Je näher der "Super Tuesday" rückt, an dem 20 US-Staaten ihr Votum abgeben, desto heisser laufen die Debatten. Wie jedes Mal in einem Wahljahr konzentrieren sich die Nachrichtenorganisationen dabei weniger auf die Inhalte und Themen als auf die Persönlichkeit und Strategien der einzelnen Kandidaten. Der aufregendste Aspekt ist dabei auch im Jahr 2008 "The Horse Race", also das Wettrennen darum, welcher Kandidat welchen Bundesstaat und am Ende die Wahl gewinnt.
Die Spekulation darüber wird von den ständigen Prognosen von Beteiligten innerhalb der Wahlkampf-Lager geschürt und freudig von vielen Reportern aufgegriffen. Auf diese Weise sagten viele Journalisten schon im vergangenen Herbst voraus, dass Hillary Clinton zur Kandidatin der demokratischen Partei gekürt werde; dass Clinton nach der Niederlage gegen Barak Obama in Iowa in die Aussenseiterrolle gedrängt werden würde; dass sie zwischendurch wieder als klare Gewinnerin gelte; dann wieder von Obama herausgefordert werde. Das gleiche spielte sich auf republikanischer Seite ab: Sie irrten mit ihren Vorhersagen über die Niederlage von Mike Huckabee in Iowa, die Niederlage von John McCain in New Hampshire und den vermeidlichen Sieg von McCain gegen Mitt Romney in Michigan.
Wettrennen in die falsche Richtung
Jay Rosen, Journalismusprofessor an der New York University, weist darauf hin, dass viele Reporter ihre Vorhersagen wohl auf seriöse Quellen stützen, doch dass dies sie nicht unbedingt gegen den Vorwurf bewahrt, sorgfältiger recherchieren zu müssen. "Eine Story kann gleichzeitig genau, gut redigiert und im Rahmen eines gewissen Genres liegen und gleichzeitig zutiefst uninformativ und gar falsch sein", meint Rosen. "Nachrichten über ein Rennen, die vom allgemeinen Verständnis darüber wegführen, ist einer der schrulligsten Aspekte chronischer Sinnlosigkeit in der Berichterstattung".
Nach einer Untersuchung der Non-Profit-Organisation "Project for Excellence in Journalism" (PEJ) nahmen Berichte über die Strategie und die Taktik eines Kandidaten mit 63 Prozent bisher den Löwenanteil der Berichterstattung ein. Auf Rang zwei landeten Storys über die Persönlichkeit und den privaten Hintergrund der Kandidaten mit 17 Prozent der Berichte. Die politischen Positionen jedes Bewerbers nahmen lediglich 15 Prozent ein. Weit abgeschlagen am Ende der Tabelle lagen Berichte darüber, welche Erfolge oder Misserfolge die Bewerber bisher vorzuweisen haben, mit einem Prozent Anteil.
Das Image zählt...
Dabei hat jeder Kandidat längst sein Image in den Medien weg: Obama gilt als charismatisch und idealistisch; Clinton als kämpferisch und ernsthaft; McCain als stark und direkt; Romney als erfahrener Businessmann. Rudy Giuliani genoss bis zu seinem Ausscheiden in Florida trotz geringer Unterstützung seitens der Wähler die Gunst der Presse. "Sein schwaches Abschneiden wird von den Medien als strategischer Schachzug dargestellt", kritisierte die Medien-Watchdog-Organisation FAIR in New York, behaupteten sie doch, dass Giuliani die ersten Staaten wissentlich mit seiner Kampagne übersprang, um sich auf Florida zu konzentrieren. "Journalisten sollte klar sein, dass dies falsch ist. Giuliani gab in New Hampshire Millionen von Dollars aus, aber die Medien hatten schon früh entschieden, dass er ein Spitzenkandidat sein würde".
Ähnlich unausgewogen fällt häufig die Berichterstattung über den republikanischen Spitzenkandidaten John McCain aus, der noch im Glanz der Kampagne vor vier Jahren zu schwelgen scheint, als er dem späteren Präsidenten George Bush in den Vorwahlen bedrohlich nahe kam. Damals wurde er mit seinen direkten und häufig wenig schmeichelhaften Kommentaren gegen Bush zum Liebling der Presse. "Das Problem, mit dem die Journalisten, die ihn mit so viel Liebe überschütteten, nun konfrontiert sind, ist, ob sie den Leuten ein kleines Geheimnis mitteilen wollen: nämlich dass ihr hochgelobter, unerschrockener Aussenseiter sich in einen relativ normalen Politiker verwandelt hat", kommentiert das Politikmagazin Salon.com.
...und die Medienpräsenz
Kontrovers wurde in der Presse die Entscheidung der TV-Sender diskutiert, welche Kandidaten sie zu ihren Fernsehdebatten einluden. Laut der Medienaufsichtsbehörde FCC ist es den Sendern gestattet, selbst zu entscheiden, ob alle Bewerber die Chance haben, dort aufzutreten. Erstes Opfer dieser Praxis wurde der demokratische Kriegsgegner Dennis Kucinich, der gleich von drei Sendern, ABC, MSNBC und CNN, ausgeladen wurde. Kucinich protestierte vergeblich. "Er sollte teilnehmen können, das ist nun mal die Natur der Demokratie", sagte Kevin Howley, Kommunikationsprofessor an der DePauw Universität in Indiana. "Es geht um Meinungsvielfalt. Es geht nicht, dass Vertreter einer Perspektive, die nicht unbedingt zum Mainstream gehört, davon ausgeschlossen werden".
Akribie zwischen Nähe und Distanz
Nicht weniger pikiert reagieren die Medien, wenn der Spiess umgedreht wird. So berichtete die "Washington Post", dass Barak Obama ungewöhnlich wenig von der Presse Gebrauch macht. Anders als etwa Hillary Clinton, die regelmässig mit dem Reportertross schmust, der ihre Kampagne begleitet, gibt sich Obama ungewöhnlich desinteressiert. "Es gibt keine Charmeoffensive", sagt "Newsweek"-Korrespondent Richard Wolffe. "Die Medien werden eher als logistisches Problem gesehen als ein Instrument, seine Botschaft herüberzubekommen". Obwohl etliche Reporter diese Taktik als "gutartige Vernachlässigung" beklagen, macht sich dies jedoch bisher nicht in der Berichterstattung breit. Im Gegenteil: Einige Reporter glauben, sie müssten aufpassen, nicht vom allgemeinen Enthusiasmus des Kandidaten angesteckt zu werden, der von vielen mit Martin Luther King oder JFK verglichen wird. "Es ist schwer, objektiv zu bleiben", sagt NBC-Reporter Lee Cowan. "Die Energie um ihn herum ist ansteckend". Die "New York Times" ging letzte Woche gar so weit, einen Bericht über Obamas Haus, in dem er als Student in den 80er Jahren wohnte, zu bringen.
Neutrale Berichte versus Meinungsshows und Blogs
Obwohl die meisten Medien sich in der Berichterstattung Mühe geben, ausgewogen zu erscheinen, sticht wie in jedem Jahr ein Sender gegenteilig heraus: der Murdoch-Kanal "Fox News", der sich Zeit seiner Existenz als Verlautbarungsorgan der Murdoch'schen politischen Interessen gebiert. Der leidenschaftlichste und prominenteste Vertreter von "Fox News" ist Bill O'Reilly mit seiner täglichen Meinungsshow "The O'Reilly Factor". Der Kommentator ist bekannt dafür, dass er politische Gegner unter der Gürtellinie zu treffen sucht und schnell in beleidigte Proteste ausbricht. Aber als er im Januar einen Mitarbeiter der Obama-Kampagne rüde aus dem Weg schubste, ihn wütend beschimpfte, weil der ihm die Sicht versperrte, und sich dann auch noch auf die Pressefreiheit berief, wurden vor allem die Blogger aktiv. Robert Greenwald, der die Anti-Fox-Seite "Foxattacks.com" gegründet hat, glaubt, dass O'Reilly etwas entgegengesetzt werden müsse. "Unser Video hatte in drei Tagen über 300.000 Downloads und es wird von anderen Medien übernommen, das dürfte einigen Einfluss haben", sagt er. Barak Obama hat es ein Jahr lang vermieden, auf "Fox News" zu erscheinen, nachdem der Sender behauptete, Obama habe als Kind eine islamische Religionsschule besucht.
Auch John Edwards, der inzwischen ausgeschiedene Präsidentschaftskandidat der demokratischen Partei, hatte schon lange im Voraus entschieden, nicht auf "Fox News" zu erscheinen. Er boykottierte sogar die Debatten der Kandidaten des Murdoch-Senders, weil der ihm zu parteiisch ist und er von O'Reilly "unecht" und "lächerlich" genannt wurde. Von den Spitzenkandidaten der Demokraten erschien lediglich Hillary Clinton bei "Fox News". "Ich glaube, dass Murdoch Hillary grössere Chancen einräumt, die Präsidentschaft zu gewinnen", sagt FAIR-Analyst Jim Naurekas. "Deshalb finde ich es nicht so seltsam, dass Murdoch in Hillary jemanden sieht, die er unterstützen sollte in der Hoffnung, dass sie später Präsidentin wird".
Kontroversen dominieren Inhalte
In der allgemeinen Aufregung um die Persönlichkeit der Kandidaten bleibt so mancher politische Aspekt unterbeleuchtet. Obwohl Themen wie die Wirtschaftskrise und internationale Politik regelmässig aufs Tapet kommen, bleiben Bereiche wie Umweltpolitik und globale Erderwärmung häufig völlig aussen vor. Viel lieber widmen sich die Medien den heftigen Auseinandersetzungen der Kandidaten untereinander. So ergab signifikanterweise die TV-Debatte zwischen Clinton, Obama und Edwards Mitte Januar, in der sich die demokratischen Kandidaten gegenseitig heftige Vorwürfe machten, die ausgedehnteste Berichterstattung. Der gleiche Mechanismus trat ein, als Bill Clinton sich einige Male zu oft zugunsten seiner Gattin in die Diskussion einmischte. So titelte PEJ in seiner wöchentlichen Analyse der Vorwahlberichterstattung in der dritten Januarwoche "Clinton an dritter Stelle in der Berichterstattung - es ist Bill!". In den letzten Wochen lagen bei dieser Messung entweder Hillary Clinton oder Barak Obama vorne, bei den Republikanern waren es John McCain und Mitt Romney. Dabei wurde den demokratischen Kandidaten konsequent etwas mehr Platz eingeräumt als den Republikanern, wohl hauptsächlich, weil der Wettbewerb zwischen Obama und Clinton als besonders sexy gilt.
Gerti Schön lebt und arbeitet in New York
Links:
FAIR - Fairness & Accuracy In Reporting:
http://www.fair.org/index.php
Federal Communications Commission (FCC):
http://www.fcc.gov
Foxattacks.com:
http://foxattacks.com/
PEJ - Project for Excellence in Journalism:
http://www.journalism.org/
Salon.com:
http://www.salon.com/index.html
- Dateien:
p08_SchoenGerti.pdf
