Bilderstreit und Demokratie
Es geht um die ultimative Autorität
Der Karikaturenstreit ist ein klassischer Fall, in dem ein angeblich trivialer Anlass zum Zündstoff einer fortdauernden und eskalierenden Auseinandersetzung wird, in der es gleichzeitig um alles und um nichts zu gehen scheint. Denn verletzt werden hier Symbole, und diese haben exakt den Wert, den man ihnen beimisst. Es kommt aber vor, dass Symbole oder symbolische Gesten für zwei Kulturräume oder Gesellschaftskreise gleichzeitig grundsätzlich verschiedene Bedeutungen haben. Dass beide Seiten gleichermassen unfähig sind, die Wertschätzung der anderen anzunehmen, scheint nur aus der jeweiligen Perspektive an Kurzsichtigkeit oder Intoleranz zu liegen. Der Ursprung des Konflikts liegt eher in der Natur des Symbolischen selbst.
Von Morgan Powell
Symbole sieht man eigentlich nur von aussen; von innen, d.h. innerhalb einer funktionierenden Wertegemeinschaft, sieht man nicht "ein Symbol", sondern das Wesen, für das es steht, ein Träger gemeinschaftsstiftender Identität. Das kann und soll nicht anders sein; wer seinen Gott als "Symbol" sieht, sieht keinen Gott mehr. In Kulturen und Religionen, in denen ein Bilderverbot herrscht, reicht dieser Anspruch so weit, dass die Konkretisierung des Gotteswesens selbst nicht annehmbar ist. Jeder solche Akt des Festhaltens stellt eine undenkbare Besitznahme dar, umfasst das Unfassbare, verkleinert und trivialisiert es, kurz: er raubt dem Göttlichen sein Wesen. Durch den Verzicht auf Konkretisierung soll die Präsenz des Göttlichen für jeden überall und zu jeder Zeit zugänglich sein.
Die Kulturgeschichte des christlichen Westens kennt diese Problematik inwendig, sie hat in dieser Geschichte eine geradezu identitätsstiftende Rolle gespielt. Die frühmittelalterliche westliche Kirche hat lange gegen die Bilderakzeptanz - sprich: Idolatrie - von Byzanz tapfer standhalten wollen. Die Versuchung wurde um die Jahrtausendwende aber zu gross, die christliche Bilderandacht wurde "globalisiert", und die Ikonographie der östlichen Kirche hielt ihren Siegeszug im Westen. So könnte man den Wandel zumindest anhand der transportierten Motive und Darstellungen beurteilen; in Wirklichkeit aber stellte die neue Bilderakzeptanz im Westen eine geniale Neulösung dar, und zwar eine, die zu einer unaufhaltsamen Bilderflut führen sollte. Ein Gott, der von sich aus Menschengestalt angenommen hatte, um den Menschen näher zu kommen, solch ein Gott konnte es nicht verbieten wollen, dass man in allen kreatürlichen Formen sein Wesen wieder aufzuspüren suchte. In diesem Sinne bedeutete Konkretisierung keinen Gottesverlust, sondern den einzig sinnlich fassbaren Weg, das Göttliche auf Erden zu erfahren. So kehrte sich ein und derselbe Vorsatz, die allgegenwärtige Unfassbarkeit Gottes, in eine entgegengesetzte Entwicklung um. Gott war für jeden da, weil er sich auch in kreatürlicher Form wahrnehmen liess.
Aus diesem Gedanken heraus lässt es sich erklären, dass unter den grossen Glaubensrichtungen allein die westliche christliche Kirche eine so hohe Toleranz entwickeln konnte gegenüber verstellender oder gar schmachvoller bildlicher Darstellung. Sie hatte den Wert des Bildlichen an sich auf den Kopf gestellt; dazu gehörte es auch, dass die bildliche Darstellung der Schmach und des Schändens des menschgewordenen Gottes in der Verehrung der Passion nicht nur geringen, sondern höchsten Stellenwert erlangen konnte. Nichts könnte heutigen Muslimen wohl verfremdender, dekadenter anmuten - doch allein aus der Ehrfurcht vor dem Bildlichen lässt sich die eine wie die andere Regung überhaupt erst verstehen. Soweit auseinander stehen die zwei Traditionen in ihrem grundsätzlichen Verhältnis zum Symbolischen daher nicht. Dass der äussere Blick dabei nur zu Fehleinschätzungen führen kann, ist aber offenkundig. Auch der heutige christliche Westen weiss nicht mehr um die Furcht vor den Bildern, die der eigenen Bilderandacht zugrunde liegt.
Stattdessen wird diese Thematik heute verwechselt mit Fragen um Zensur und Meinungsäusserungsfreiheit. Der despektierliche Umgang mit dem Symbolgut anderer Kulturen oder Glaubensrichtungen ist jedoch keine Meinungsäusserung an sich, und verdient es nicht, als solche verteidigt zu werden. Tatsächlich kann manchen der nun berühmt-berüchtigten Karikaturen eine politische Meinungsäusserung abgelesen werden, jedoch besteht kein Grund zu behaupten, das Recht auf diese würde grundsätzlich verletzt, wenn man auf bestimmte, für andere nicht primär politisch, sondern religiös verletzende Formen der Äusserung verzichtet. Dies nicht zu beachten, heisst Provokation - was allerdings auch für das Karikaturenprojekt der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" kaum bestritten wird, und sich in der Überempfindlichkeit der Reaktionen und den jetzt ausufernden Gewaltausbrüchen reichlich widerspiegelt.
Weshalb sind die westlichen Regierungsoberhäupter und Medienorgane um diesen Vorfall so verlegen? Warum nehmen es sich so viele vor, aus einer ungeschickten Provokation einen Lackmustest für Standhaftigkeit europäischer Werte zu machen? Zu einem guten Teil aus dem Gefühl heraus, selbst provoziert zu werden. Aber es kommt etwas Weiteres hinzu: die mal hinter-, mal vordergründige Überzeugung, die muslimische Reaktion stelle eine "Entwicklungsstufe" dar, die vom europäischen Rechtsstaat längst am Wegesrand der Geschichte zurückgelassen wurde. Hier spukt der eigentliche Abgott der Moderne, der Fortschrittsgedanke. Auch er, gerade er, ist Glaubenssache, nicht weniger absolut, auch nicht unbedingt toleranter als die "Fundamentalismen", die er im Staub des glorreichen Marsches in eine bessere Zukunft zurückgelassen haben will.
Vergessen wir nicht, dass die Zeiten und Orte, in denen man auch in Europa nicht nur für abweichende politische Meinungen, sondern auch für eine krumme Nase oder eine bestimmte Kopfform dem Tod überliefert wurde, weder lange zurück noch weit weg liegen; vergessen wir auch nicht, dass diese Art Verfolgung im Laufe der Geschichte keineswegs geringere, sondern unter technischer und logistischer Verfeinerung nie zuvor erreichte Ausmasse angenommen hat.
Darüber hinaus gibt es aber einen wahren Unterschied zwischen dem Fortschrittsglauben und anderen fundamentalen Glaubenssätzen: ersterer ist der einzige, der sich den Luxus erlaubt, keine Autorität aufzustellen, von der er sich ableiten liesse. Mit anderen Worten, die moderne Staatsphilosophie will ohne einen Gott auskommen. Diese Lösung dient dem Zweck, keinen ausschliessen zu müssen oder gar zu dürfen; der Schutz der Menschenrechte ist jedem gewährt, der nicht selber gegen sie verstösst, egal an welchen Gott man sonst glauben möchte. Die Lösung ist elegant - aus den Augen der "Gottlosen" bzw. der "Aufgeklärten" gesehen. Aber sie ist die Arroganz selbst in den Augen der "Gottesgläubigen" bzw. der "Fundamentalisten". Denn die notwendige Relativierung der Glaubenssätze kommt einem erneuten Autoritätsanspruch gleich.
Das ist der brennende Punkt, an dem sich der "Kampf der Kulturen" entzündet. Weil die europäische Staatsphilosophie ohne einen Gott auskommt, hat der Spott auf die heiligen Oberhäupter traditioneller Religionen hier eine gewisse Tradition. Europas historisch angestammte Glaubensautorität, die christliche Kirche, kann sich damit abfinden, da ihre Werte ohnehin in der Gesellschaft sowie in ihrem Umgang mit Bildern fest verankert sind. In Bezug auf die Karikaturen würde das heissen, dass diese Art Humor ihren Platz als Spannungsventil für Risse im europäischen Haus hat; sie wird aber grundsätzlich missbraucht, wenn dieselbe Freiheit einen Angriff auf aussereuropäische Institutionen und Traditionen bedeutet. Noch mehr aber: die Unbeholfenheit und Verlegenheit, mit der diesem Fehlgriff begegnet wird, vom Pauken auf europäische Werte bis auf verspätete und opportunistisch erscheinende Entschuldigungen, zeugt von der Schwierigkeit nicht nur mit den muslimischen Nachbarn, sondern auch mit den eigenen Widersprüchen umzugehen.
Dr. Morgan Powell ist Mediävist und freier Kulturjournalist.
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