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28.02.05
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Von: Badanjak, Sascha

Aus der Wiege des Schweizer Kunstschaffens
9. Lichtspieltage Winterthur

Die Lichtspieltage Winterthur sind selbst den meisten Winterthurern unbekannt. Das zeigt eine kleine Umfrage in der Stadt, die selbstironisch als Pausenfüller während des Festivals über die Leinwand flimmert. Die vier Tage dauernde Filmwerkschau im Gaswerk Winterthur wird zu Unrecht ignoriert. Sie gibt die seltene Gelegenheit, dem Schweizer Filmschaffen bei seiner Entstehung beizuwohnen. Was es hier zu sehen gibt, sind die frisch geborenen Film-Babys, oft bevor sie an anderen Festivals laufen lernen.

Von Sascha Badanjak

Der Initiator und Geschäftsführer der Lichtspieltage Winterthur, David Baumgartner, berichtet im Pressedossier, wie sich das Festival, das vor acht Jahren mit einem Projektor in einer Velowerkstatt begann, in kurzer Zeit zu einem vielseitigen und gut besuchten Ort der Bestandesaufnahme von Low-Budget, Independent- und Undergroundfilmen entwickelt hat. Hier ist von dokumentarischen, fiktionalen, animierten, bis zu experimentellen Filmen und Music-Clips das ganze Spektrum des Schweizer Filmschaffens vertreten. An einem Abend können zudem alle, die wollen, ihren Film spontan vorbeibringen und an der "Offenen Leinwand" zeigen. Das ist ganz im Sinne der Lichtspieltage, die sich als eine Plattform für aktuelles und ambitioniertes Filmschaffen in der Schweiz verstehen. Es geht nicht um Wettbewerb und Preisverleihung, sondern um das filmische Werken mit wenig Mitteln, aber mit umso mehr Erfindungsgeist, Improvisationstalent und Herzblut. Davon wird in der Regel wenig Notiz genommen. Gegen 300 Filme wurden für die Werkschau eingesandt, 80 wurden ausgewählt und in neun Filmblöcken von etwa zwei Stunden präsentiert. Eröffnet wurde das Festival mit Filmen aus der Region Winterthur.

 

Beachtenswertes aus der Region

Bereits in diesem ersten Block gibt es Interessantes zu entdecken: Da ist zum Beispiel eine lose Gruppe von Freunden, zumeist Lehrer, die unter dem Namen "Weichfilm" in ihrer Freizeit bereits eine handvoll witziger Kurzfilme realisiert hat. Die Filme sind technisch nicht perfekt, doch besser als manch technisch ausgefeilter, aber seelenloser Abschlussfilm einer Hochschule. Das Publikum spricht denn auch spontan darauf an. Die Thematik reicht vom alltäglichen Kampf mit der Tücke des Objekts bis zur ambitionierten Verfilmung einer Beziehungsgeschichte aus der japanischen Literatur. Auf technisch wie künstlerisch bereits ausgereiftem Niveau bewegen sich die Filme von John Wilhelm. In "Armer Andreas", einem 6-minütigen DV-Film, jammert, schimpft und flucht der junge Schweizer Informatiker Andreas den ganzen lieben langen Tag vor sich hin. Das geschieht auf der linken Seite der Leinwand, während auf der rechten nach und nach immer mehr Bilder von Hungernden aufscheinen. Die Gegenüberstellung kulminiert in einer letzten, die ganze Leinwand deckenden Szene, in der Andreas den Fernseher ausschaltet, weil er sich seinen Feierabend nicht auch noch mit solchen Bildern von Hungernden vermiesen lassen will. Betroffen wird das Publikum mit der Information entlassen, dass täglich 35'000'000 Menschen weltweit an Hunger sterben, während 7'000'000 Schweizer überleben. Weniger gewichtig, aber ebenso aufschlussreich, porträtiert Bernie Forster in seinem 23-minütigen DV-Dokumentarfilm "Geneva and Me" seine schwierige Beziehung zur Stadt Genf. Ganz in der Tradition von Michael Moores "Roger and Me" ist ihm eine witzige Beziehungsgeschichte über die Stadt gelungen.

 

Filmwerkschau Schweiz: Die Gebändigten

Den grössten Teil des Festivals nimmt die Filmwerkschau Schweiz ein. Sie ist in fünf Blöcke unterteilt, wovon gut die Hälfte auf Abschlussfilme von Filmhochschulen entfällt. In erster Linie sind es Arbeiten aus der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) Zürich und Luzern. Aber es sind auch Filme zu sehen, die an Schulen in Bern, Basel, an der New York University oder in Paris entstanden sind. Solche Abschlussarbeiten bringen in der Regel wenig Innovatives und sind eher den "Fingerübungen" zuzurechnen, die an den Lichtspieltagen Winterthur auch ihren Platz haben sollen. Sie sind technisch tadellos gefilmt, aber in ihrer Ausstrahlung meist verhalten bis brav. Stromlinienförmig legen sie ihre Markttauglichkeit unter Beweis und funktionieren in erster Linie als Visitenkarten für kommende Filmprofis. Es entsteht der deprimierende Eindruck, dass Innovation, Kreativität, Schrägheit und Eigenwilligkeit, welche dem Initiator der Lichtspieltage Winterthur am Herzen liegen, in den Schulen keinen Platz mehr finden. Wirklich kinotauglich ist dann aber nur der 20-minütige Spielfilm von Ralph Etter "Wackelkontakt". Er erzählt die (wahre) Geschichte der etwa 12-jährigen Sybille, die nach dem frühen Tod ihrer Eltern mit ihrem kleinen Bruder bei ihrer Grossmutter auf dem Lande lebt. Die Grossmutter (gespielt von Stefanie Glaser) leidet an Altersdemenz und läuft im Morgenrock durchs Dorf, zum Gespött der Kinder. Sybille leidet und fühlt sich in den Pausen zunehmend von ihren Schulkameraden ausgeschlossen. In ihrer Not weiss sie sich nicht anders zu helfen, als die Grossmutter im Haus einzuschliessen und anzuketten, damit sie ihr nicht länger in die Quere kommt. Dieser Film ist nicht nur gut inszeniert und professionell gespielt, er besticht auch atmosphärisch durch eine besondere Farbgebung. Die humorvolle 13-minütige Geschichte "Hoi Maya" von Claudia Lorenz hat einen Preis am diesjährigen Filmfestival in Berlin bekommen. Sie erzählt von zwei Schulfreundinnen, die sich als alte Damen wieder begegnen und verschämt ihre alte Liebe zueinander eingestehen.

 

Filmwerkschau Schweiz: Die Unbändigen

Ausserhalb des akademischen Kanons gibt es umso mehr Überraschungen: Da ist zum Beispiel die mutige Matura-Arbeit von Christian Koch aus Neukirch in Glarus, der die Nachkriegs-Geschichte "Stimmen sind da, in der Luft - in der Nacht" von Wolfgang Borchert als Vorlage für seinen Film nimmt. Auch wenn dieser mit 14 Minuten zu lang geraten ist, so vermag der Maturand doch über weite Strecken mit seiner Schauspielführung eine Intensität herzustellen und mit Belichtung und Farbgebung die Nachkriegszeit einzufangen, die beachtenswert ist. Die 11-minütige Videoanimation "The Last Connection" von Marcel Baumann aus Thalwil, die ebenfalls als Matura-Arbeit begonnen und dann über zwei Jahre angedauert hat, beeindruckt noch mehr. Ohne auch nur ein einziges Lebewesen zu zeigen, führt er dem atemlos gespannten Publikum eine Welt nach ihrem Untergang vor Augen. Selten wurde Endzeitstimmung auf so beklemmende Art und Weise erfahrbar gemacht. Eine andere Filmform zeigte Paul Dorn mit seiner 11-minütigen Performance "Das Leben der Steine 2": Während auf der Leinwand sein S-8-Film von Landschaften und Steingebäuden zu sehen ist, liest er auf der Bühne mit live Musikbegleitung Meditatives zu Stein, Zeit und Mensch vor. Andere Experimente versuchen ebenfalls, Kunst, Literatur oder Musik im Film zu verbinden. Doch solche meist sehr aufwendigen Filme sind in der Minderheit. Die Mehrheit bevorzugt Witz ohne tiefere Bedeutung und hat keinen weiteren Anspruch als den der Unterhaltung. Das Humorvolle scheint den jungen Filmschaffenden nicht nur mehr zu liegen, es ist auch einfacher mit wenig Mitteln zu bewerkstelligen und kommt bei dem ebenso jungen Publikum auch besser an. Zumeist basieren sie auf einer guten Idee, die in Bild und Ton umgesetzt wird, und prompt einen Lacher beim Publikum hervorruft. In diesem Genre fällt der 4-minütige DV-Film "Pseicho" von Simon Nagel aus Bülach durch seine Raffinesse auf: Während auf der Tonspur der Originalton von Hitchcocks "Psycho" zu hören ist, versucht auf der Leinwand in Schwarz-weiss ein Ei seinem sicheren Tod als Spiegelei zu entrinnen.

 

Neue Garde: Die Autodidakten

Eine Premiere an den diesjährigen Lichtspieltagen Winterthur hatten die ersten Abschlussfilme der KAF, der Klasse Autodidaktischer FilmemacherInnen, die sich in der Tradition der Klasse Autodidaktischer FotografInnen erstmals 2003 gebildet hat. Die zweite Klasse formiert sich gegenwärtig, und die dritte ist auch schon geplant. Offenbar besteht ein grosses Bedürfnis, sich ausserhalb der Filmhochschulen mit geringerem zeitlichen und finanziellen Aufwand ein filmtechnisches und filmtheoretisches Wissen anzueignen, das einen befähigt, selbst Filme zu machen. Von den acht Leuten der ersten Filmklasse Autodidakten haben erst vier ihren Film schon fertig gestellt. Es handelt sich dabei um Dokumentarfilme, die mit DV-Kameras aufgenommen wurden. Beat Staub porträtiert in seinem 17-minütigen Film "So gaht das" den "Surprise"-Verkäufer Simon, der freimütig über seine Spielsucht erzählt. Cornelia Bichsel begleitet in "Keimfrei, der Gang ins Musikgeschäft" eine halbe Stunde lang das Popduo "Keimfrei" bei seinem Versuch, in Berlin einen Plattenvertrag zu bekommen und so auf dem Musikmarkt Fuss zu fassen. "Back to Page One" heisst der 25-minütige Film von Michel Weber, in dem er seiner Kindheit in Südafrika nachspürt, alte Schulkollegen und Kolleginnen aufsucht und sie über die heutige Lebenssituation nach der Apartheit befragt. Markus Abegg gelingt es, mit "Ça, c’est la vie" uns einen Einblick in ein Durchgangszentrum für Asylsuchende zu gewähren. Wir werden mit der Situation jener Menschen konfrontiert, von denen wir meist nur aus den Medien erfahren, aber selten zu Gesicht bekommen. Alle diese Dokumentarfilme, mögen sie auch nicht von professioneller Perfektion sein, sind durchwegs interessant und als Fernsehsendungen denkbar.

 

Rollentausch: Music-Clips

Die Music-Clips haben erst vor drei Jahren Eingang in die Filmwerkschau Winterthur erhalten. Neuerdings beabsichtigen auch die Solothurner Filmtage ein Programmfenster für Music-Clips zu öffnen. Anscheinend gibt es zwischen Film und Musik mehr Berührungsängste als zwischen Film und Kunst. Dabei war die Musik dem Film von allem Anfang an eine treue Begleiterin. Sie durfte nur nicht Überhand nehmen. Im Music-Clip werden diese Rollen vertauscht: Die Musik dient hier nicht länger dem Film, sondern der Film der Musik. Doch die Verbindung glückt auch nur dann, wenn davon abgesehen wird, die Musik oder die Interpreten zu bebildern oder abbilden zu wollen. Eine eigene Geschichte muss zur Musik ins Bild gesetzt werden, denn das Bild dominiert den Ton nach wie vor. Jede noch so originelle Idee läuft sich schnell tot, wenn sie nicht dramatisch verdichtet wird. Ein solches selten gelungenes Beispiel ist der Music-Clip von Thomas Kaufmann, der den Song "I did it Right" von "Portefank" mit nur einer einzigen Einstellung ins Bild setzt: In einem Restaurant von bestechender Schlichtheit küsst im Hintergrund die Serviertochter ihren Liebsten, stösst ihn dann aber weg. Der Verschmähte setzt sich an den Tisch im Vordergrund und lässt singend seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf, während im Hintergrund die Serviertochter verschiedene Männer bedient, die reinkommen, bestellen, konsumieren, wieder rausgehen und ihr soviel Ärger machen, dass sie am Ende glücklich wieder ihren Liebsten küsst.

 

Sascha Badanjak ist freie Journalistin, Illustratorin und Kunstmalerin. Sie stammt aus Belgrad, und hat an der Universität Zürich Ethnologie, Filmwissenschaft und Philosophie studiert.

 

Link:

Lichtspieltage Winterthur:
http://www.lichtspieltage.ch


 
 

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