Amnesty International - Mittler und Medium der Menschenrechte
Ein Gespräch mit Reto Rufer und Thierry Corbat
Amnesty International (AI) setzt sich seit Jahrzehnten für die Menschenrechte ein und klagt an, wo sie missachtet werden. Das Mittel von AI ist die Öffentlichkeit, die überall dort einen Brennpunkt schafft, wo die Menschenrechte im Versteckten verletzt werden. Reto Rufer und Thierry Corbat von Amnesty International Schweiz erzählen, wie die Organisation als Mittler der Menschenrechte agiert, welche Medien sie dabei einsetzt und wie sie damit selbst zu einem Medium wird.
Von Judith Arnold
Vor sechzig Jahren haben die Vereinten Nationen (Uno ) die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet. Diese beinhaltet für eine demokratisch verfasste Gesellschaft so grundlegende Rechte wie die Gedanken- und Gewissensfreiheit, die Religionsfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäusserung, das Informationsrecht und die Medienfreiheit. Hinzu kommt der Schutz der Persönlichkeit durch das Recht auf physische und psychische Unversehrtheit und das Verbot von Folter. Dennoch werden diese Rechte bis heute in vielen Ländern missachtet. Mit anderen Worten: Die Menschenrechte sind nicht ein für allemal garantiert, vielmehr müssen sie vielerorts erstritten und immer wieder aufs Neue erkämpft werden. Es ist daher wichtig, dass sich Menschen in demokratischen Gesellschaften dafür einsetzen, dass sich auch andere Gesellschaften demokratisieren können. Eine wichtige Arbeit leisten hier Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International.
AI ist eine Organisation, die ganz zentral über Kommunikation agiert. Ein primäres Ziel von AI ist es, gewaltfreie Gewissensgefangene zu befreien oder zumindest deren Haftbedingungen zu erleichtern. Können Sie kurz erläutern, wie dieser Kreislauf der Kommunikation aussieht, ausgehend von den Betroffenen bis hin zu den verantwortlichen Behörden?
Rufer: Im klassischen Fall erfährt Amnesty International von einer Menschenrechtsverletzung durch einen Anwalt oder durch einen Verwandten oder Bekannten des Betroffenen. Dieser kann oft nicht mehr selber kommunizieren, weil er beispielsweise im Gefängnis sitzt. In einem nächsten Schritt wird der Fall dem Internationalen Sekretariat von Amnesty International in London vorgelegt, wo man dem Sachverhalt weiter nachgeht und versucht, die Hinweise zu verifizieren und mehr in Erfahrung zu bringen. Dies geschieht über mehrere Kanäle, sei es durch Personal von Amnesty International selbst, sei es durch Anwälte oder Menschenrechtsbeobachter anderer Organisationen. In vielen Ländern ist Amnesty International nicht selbst präsent wie beispielsweise im Sudan. Auch in China gibt es nur ein Büro in Hongkong.
Corbat: Dort, wo es für AI schwierig ist, vor Ort einen Fall zu verifizieren, arbeitet die Research-Abteilung in London auch mit anderen Organisationen zusammen. Umgekehrt ist Amnesty International für viele kleine, lokale Menschenrechtsorganisationen auch eine Art Sprachrohr, um an die breite Öffentlichkeit zu gelangen.
Rufer: Falls sich dann der Verdacht auf eine Menschenrechtsverletzung erhärtet, entscheidet das Internationale Sekretariat in London, welche Massnahmen ergriffen werden. Falls eine Briefaktion gestartet wird, gehen die Informationen an die Sektionen der Länder und von dort an die unterschiedlichen Netzwerke. Am Ende der Kette sind die Aktivmitglieder, die an die Behörden, die für eine Verletzung der Menschenrechte verantwortlich sind, Appellbriefe schreiben. Damit schliesst sich der Kreis.
Wann setzen Sie in ihrem Engagement die klassischen, wann die neuen Medien ein? Wo braucht es Menschen zur Vermittlung?
Corbat: Wichtig sind Menschen bei den Research-Missionen, die Amnesty International unternimmt. Bei jedem Fall von Menschenrechtsverletzung wird ausgewiesen, ob und wann eine Mission von Amnesty International durchgeführt wurde – also die Leute vom Research-Team den Sachverhalt vor Ort untersucht haben. Ein Beispiel sind die Flüchtlingslager im Tschad, wo Amnesty International Interviews mit Flüchtlingen aus Darfur durchgeführt hat. Eine wichtige Rolle spielen zudem auch die Hunderten von Zeitungen, die das Internationale Sekretariat in London abonniert hat und als Quelle für die Einschätzung der Menschenrechtslage in den verschiedenen Ländern nutzt. Auch das Internet ist für die Recherche von Amnesty International zunehmend wichtiger geworden.
Rufer: Intern läuft die Kommunikation vorwiegend über E-Mail, vor allem die Kommunikation zwischen dem Internationalen Sekretariat in London und den Ländersektionen wie Amnesty International Schweiz. Eine Ausnahme bildet das Kampagnenmaterial, das wir in London bestellen. Auch zwischen der Schweizer Sektion und den regionalen Gruppen läuft die monatliche Information seit einem Jahr vorwiegend über E-Mail. Vor vier Jahren wurde zudem ein Extranet für die Aktivmitglieder aufgeschaltet.
Corbat: Allerdings ist das Dokumentationssystem von AI nach wie vor so aufgebaut, dass auch Sektionen, die schlechte Internet-Anbindung haben, noch funktionieren können. Die Urgent Actions wurden noch bis tief in die 90er Jahre hinein per Fax an die Sektionen verschickt. Und auch wenn heute bei uns vieles über E-Mail und Internet läuft, muss das ganze Dokumentationssystem auch auf Papier funktionieren. Amnesty International hat ein Indexsystem, nach dem jedes Dokument identifiziert und abgelegt wird. Wichtig ist, dass auch Sektionen, die keinen Breitbandanschluss haben, in der Kommunikation mithalten können. Dabei verläuft die Entwicklung der neuen Medien in vielen Ländern nicht linear: In gewissen Entwicklungsändern wird die ’Kupfer-Generation’ übersprungen und gleich auf Mobilfunk gesetzt.
Wie geht Amnesty International selbst mit technischen oder politischen Einschränkungen der Kommunikation um?
Corbat: Bei Urgent Actions ist es oft so, dass der Fax oder das E-Mail nicht funktioniert. Dadurch hat die Briefpost noch immer eine grosse Bedeutung. Ich war eine zeitlang Koordinator von Urgent Actions, und als solcher habe ich den Leuten immer wieder geraten, die Appelle per Brief zu schreiben. Das kommt billiger, als wenn eine Auslandverbindung per Fax nicht zustande kommt, aber trotzdem berechnet wird. Es gibt Gebiete, da ist nach wie vor die Briefpost das wichtigste Kommunikationsmittel. E-Mail ist zwar das schnellste Medium, aber wenn in einer Mailbox massenhaft Protest-Mails eintreffen, werden sie entweder einfach gelöscht oder über einen Filter abgefangen.
Rufer: Aber auch Briefpost kommt manchmal zurück, beispielsweise unsere Appelle in China. Eine Verweigerung von Kommunikation ist letztlich immer möglich und kann jedes Kommunikationsmittel treffen. E-Mail ist zwar schnell, kann aber ebenso schnell mit einem Klick unterbrochen werden. Im Gegensatz dazu hat ein Brief mit einer persönlichen Unterschrift ein gewisses Gewicht.
Zum Stichwort China: Amnesty International war eine jener Menschenrechtsorganisationen, die im Vorfeld der Olympiade 08 in Peking auf die fehlende Informations-, Meinungsäusserungs- und Medienfreiheit im Internet hingewiesen haben. Wen erreichte die Kampagne in China selbst?
Rufer: In China ist die Zensur ja nicht auf das Internet beschränkt. Die Menschen in China können sich im Internet genau so wenig frei informieren wie über die dortige Presse. Es war daher nicht das primäre Kampagnenziel von Amnesty International, die Leute in China zu erreichen. Diese Illusion hatten wir nicht. Ziel war es vielmehr, weltweit Unterschriften zu sammeln, um über Protestbriefe oder auch indirekt über die Olympischen Komitees Druck auf das chinesische Regime auszuüben. Es gab dann allerdings eine Phase, in der China den Zugang zur Website von Amnesty International frei geschaltet hat. Dann wurden alle Dokumente möglichst schnell ins Chinesische übersetzt – und zwar nicht nur jene, die China betrafen, sondern alle, um zu zeigen, dass Amnesty International nicht einseitig gegen China gerichtet ist, sondern generell für die Menschenrechte einsteht. In diesem Moment ist es uns tatsächlich gelungen, auch an die chinesische Öffentlichkeit zu gelangen.
Wo sonst haben sich die neuen Medien als Vorteil erwiesen?
Corbat: Exemplarisch ist unsere Website für Urgent Actions: Die 300 bis 350 Appelle pro Jahr zu organisieren ist für die einzelnen Sektionen sehr aufwändig. Denn es besteht der Anspruch, dass alle Leute, die sich an einer Briefaktion beteiligen, auch weiterführende Informationen zum jeweiligen Fall erhalten. Und da ist eine Website mit der entsprechenden Software ein fantastisches Mittel, da damit viele administrative Aufgaben automatisch erledigt werden. Darüber hinaus führen wir immer wieder Diskussionen über den Wert von Online-Aktionen. Denn als eine Organisation von ’Briefschreibern’ hatte Amnesty International am Anfang gewisse Skrupel, einfach ein Formular bereit zu stellen, wo sich die Leute online eintragen können. Doch wir haben begonnen, das Internet als Plattform für die Petitionen zu nutzen, weil man online mit den Teilnehmern in einen Dialog treten kann. Über das Internet sind Rückmeldungen zu genau jenen Aktionen möglich, bei denen die Leute auch mitgemacht haben. Was also die neuen Medien betrifft, so stellen wir diese neue Feedback-Kultur in den Vordergrund.
Werden die Kontakte, die über Urgent Actions entstehen, auch dazu benutzt, um die Leute für andere Aktionen zu mobilisieren?
Corbat: Wir achten sehr darauf, den Leuten nur jene Informationen zukommen zu lassen, die sie auch interessieren. Im März beispielsweise haben wir eine Aktion für fünfzehn tibetische Mönche organisiert, die sehr erfolgreich war. Aber wir schreiben diese rund 6000 Personen nicht für andere Aktionen an, weil wir davon ausgehen, dass sie sich speziell für die Situation in Tibet interessieren. Wer allerdings weitere Informationen erhalten will, kann diese auf der Webseite der Urgent Actions anfordern.
Hat die Organisation von Protestaktionen im Internet eine quantitative Auswirkung auf die Teilnahme oder die Spenden?
Corbat: Teilweise schon, aber das ist schwierig zu messen. Auch deshalb, weil wir als Protestorganisation auf Menschenrechtsverletzungen hinweisen wollen, die nicht bereits in den Massenmedien präsent sind. Und solche Aktionen laufen naturgemäss etwas diskreter und weniger enthusiastisch ab als Massenproteste wie etwa für Burma vor einem Jahr oder für Tibet in diesem Frühling. Aber es trifft zu, dass es bei solch medienwirksamen Protesten auch mehr Spenden gibt oder dass online mehr Informationen dazu angefordert werden.
Rufer: Hier sind die neuen Medien sehr hilfreich, wenn es darum geht, spezifische Informationsangebote zu machen. Wer sich beispielsweise für Israel interessiert, kann sich in einem Israel-Netzwerk eintragen und so gezielt an Aktionen teilnehmen. Ob die Leute diese Angebote dann auch nutzen, ist eine andere Frage. Aber rein von der Organisation her sind die neuen Medien hier ein grosser Vorteil, da solche zielgruppenspezifischen Aktionen administrativ sonst nicht zu bewältigen wären.
Die neuen Medien bewähren sich in der internen Kommunikation und in der Administration. Gibt es auch Beispiele, wo sich die neuen Medien als Kampagnenmedien bewähren?
Corbat: Ein spezielles Beispiel ist die Plakatkampagne «Es geschieht nicht hier. Aber jetzt.» Diese Kampagne wurde, weil sie visuell sehr interessant ist, in den Blogs stark verlinkt. Und als die Kampagne im Mai vor zwei Jahren lanciert wurde, hatten wir die 20-fache Anzahl von Besucherinnen und Besuchern auf unserer Website – an einem Tag allein 20’000. Aber das war nicht geplant, auf den Plakaten war auch keine URL zu sehen. Dennoch kamen die Leute auf die Website von Amnesty International, um sich zu informieren. Das ist ein Beispiel dafür, wie archaisch das Internet manchmal sein kann. Die Kampagne kam auch als «Story of the Day» auf der Website persoenlich.com. Und nachdem die Kampagne in den deutschen Blogs war, gab es eine Latino-Welle, und später kam sie nach Ost-Europa. Das war ein Selbstläufer.
Rufer: Die neuen Medien erweitern jedenfalls das Aktions- und Kampagnenspektrum. Gezielt eingesetzt wurden die neuen Medien beispielsweise auch, als wir versuchten, über eine «Ex-Pats-Website» von US-amerikanischen Bürgern in der Schweiz für die Menschenrechtsverletzungen im Gefangenenlager von Guantánamo zu sensibilisieren. Diese Form der zielgruppenspezifischen Ansprache wäre ohne Internet nicht möglich gewesen.
Corbat: Ein weiteres Beispiel ist die Kampagne gegen Frauenhandel, wobei auf eBay symbolisch eine Frau versteigert wurde. Das war ein sehr spezifischer Einsatz des Internets als Kampagnenmedium, weil die Auktionsplattform inhaltlich eine Nähe zum Thema hatte: Frauenhandel – Handel – eBay. Durch diese symbolische Nähe konnte sich Amnesty International gewissermassen eine Institution des Internets zunutze machen, um eine Kampagne prägnant zu platzieren.
Gibt es Beispiele von Kampagnen, wo sich die neuen Medien als weniger effektiv erweisen? Oder positiv gewendet: Können Sie sagen, wo die klassischen Medien noch immer besser greifen?
Rufer: Die klassischen Medien greifen immer dann am besten, wenn es gilt, eine grössere Masse zu erreichen für ein Thema, das nicht tagesaktuell ist. Ein Beispiel ist der Briefmarathon: Dieser wird nicht einem Thema gewidmet, das in der Öffentlichkeit eine enorme Resonanz erreichen könnte. Hier geht es um Einzelschicksale; und hier sind wir auf die klassischen Mittel angewiesen wie auf den Brief. Dort, wo man die Leute mobilisieren muss, ist die direkte Ansprache wichtig. Das geschieht über die Mitglieder in den Sektionen oder über Standaktionen auf der Strasse. Bei massenwirksamen Kampagnen hingegen sind nach wie vor die Massenmedien wichtig. Oft sind die Leute über die Medien schon über eine Menschenrechtsverletzung in einer Region informiert, bevor wir sie darauf ansprechen. Das war zum Beispiel der Fall bei der Aktion für die fünfzehn tibetischen Mönche, die in China von Folter bedroht waren. Wir dürfen uns aber deswegen nicht zu Sklaven der Tagesaktualität machen, indem wir nur noch auf fahrende Züge aufspringen. Amnesty International will sich ja gerade dort für die Menschenrechte einsetzen, wo sie nicht schon im Fokus der Öffentlichkeit sind. Massenmedien bleiben aber ein wichtiger Resonanzboden für die Kampagnen.
Corbat: Ähnlich steht es mit dem Traffic auf der Website: Fünfzig Prozent der Besucher kommen über Google zu Amnesty International, weil sie in den Massenmedien etwas über Burma, Tibet oder China erfahren haben und dann im Internet recherchieren. So kommen sie auf unsere Website und bleiben da hängen. In der Fischerei redet man von ’Beifang’ , wenn etwas unbeabsichtigt ins Netz geht; so ähnlich ist das auch im Internet. Mit einer Internetpräsenz erreicht man die Leute kaum direkt, die meisten kommen indirekt auf die Website.
Zu den klassischen Medien: Amnesty International hat eine lange Plakattradition und über Jahrzehnte ein eigenes Genre geprägt: Bekannt sind z.B. Plakate, die im Rahmen von Wettbewerben entstanden sind. Warum ist AI von diesem Konzept weggekommen?
Corbat: Das hat etwas mit der Kultur des Marketings zu tun. Plakate sind allgemein weniger wichtig geworden. Vor vier Jahren hat eine Klasse der Kunstgewerbeschule Plakate für Amnesty International gemacht. Aber die Plakate wurden nicht öffentlich ausgehängt, weil die Standortmiete heute so teuer ist. Seit einigen Jahren gibt es eine ZEWO-Aktion bei der Allgemeinen Plakatgesellschaft (APG), die den NGO die Möglichkeit bietet, kostenlos Plakate auszuhängen. Aber das ist an Standorten, die beispielsweise in der Sommerpause schlecht besetzt sind. Meines Erachtens ist es nicht so, dass Amnesty International das Plakat ignoriert, sondern es ist vielmehr so, dass sich AI die Plakate an guten Standorten nicht mehr leisten kann.
Rufer: Daher werden Plakatkampagnen zum Teil nur noch punktuell durchgeführt wie die Kampagne «Es geschieht nicht hier. Aber jetzt.» Diese Plakate wurden nur für kurze Zeit an ganz bestimmten Standorten ausgehängt und haben ihre Wirkung dann in anderen Medien entfaltet wie eben beispielsweise in den Blogs oder in der Presse. Aber es ist nicht so, dass wir uns solche Plakate dauernd leisten könnten.
Eingeprägt in der Geschichte von Amnesty International haben sich auch die Plakate von Künstlern wie Pablo Picasso, Joan Miró, Fernando Botero und Max Bill, um nur einige Namen zu nennen. Warum ist das Künstlerplakat heute in den Hintergrund geraten? Gibt es keine politischen Künstler mehr oder ist die Kunst für die Gesellschaft unbedeutend geworden?
Corbat: Es gibt nach wie vor Künstlerinnen und Künstler, die Amnesty International unterstützen, aber die machen nicht unbedingt Bilder, sondern Musik oder Literatur. Ein Richtungswechsel in der Kampagnenarbeit hat es vielleicht insofern gegeben, als Amnesty International mit ihren Mitteln vor allem die Aktivmitglieder stärken will. Angesprochen sind Leute, die in Menschenrechtsfragen kompetent sind und die Fälle von Amnesty International in den Sektionen behandeln und umsetzen können. Hier sind auch Kunstschaffende gefragt, doch es sind vor allem viele ’normale’ Leute, die die Kleinarbeit machen.
Rufer: Früher hat man Pablo Picasso wegen seines Genies für Aktionen von Amnesty International eingesetzt. Heute treten Prominente eher als Celebrities in Aktion und man verwendet ihre Namen und Gesichter. Vielleicht hat das etwas mit dem Kulturwandel zu tun, der mit dem Partyjournalismus von Illustrierten und Gratiszeitungen eingesetzt hat. Jedenfalls sind heute Celebrities für die Populärkultur sehr wichtig geworden. Wenn heute jemand so prominent ist wie Kuno Lauener von Züriwest, spielt es für die Medien keine Rolle mehr, ob er ein Musiker ist oder eine Miss Schweiz. Apropos Miss Schweiz: Auch Melanie Winiger und Amanda Ammann unterstützen Amnesty International. Schliesslich sind zu den Künstlern auch Sportler hinzugekommen, wie beispielsweise Patty Schnyder, die beim letzten Briefmarathon mitgemacht hat.
Corbat: Auch Franz Hohler und Pippilotti Rist unterstützen Amnesty International. Ein weiteres Beispiel ist Yoko Ono, die Witwe von John Lennon und Rechtinhaberin seiner Werke. Sie hat das Copyright seiner Songs an Amnesty International vermacht, damit AI die Musik für Eigenproduktionen verwenden kann. Entstanden ist die CD «Make Some Noise» für die Flüchtlinge in Darfur, woran sich zahlreiche Musiker beteiligt haben, darunter R.E.M., Aerosmith, U2, Lenny Kravitz, The Cure, Youssou N’Dour, Duran Duran und Tokio Hotel.
Heute setzt Amnesty International vermehrt auf die Arbeit von Werbeagenturen wie bei der Kampagne «Es geschieht nicht hier. Aber jetzt.» Welche Reaktionen gab es von den Leuten auf der Strasse?
Corbat: Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Die Werbeagentur Walker wurde auch mehrfach dafür ausgezeichnet. Es gab aber auch vereinzelt Reaktionen von Leuten auf der Strasse, die der Meinung waren, dass man diese Plakate den Kindern nicht zumuten könne. Dabei war die Auswahl der Motive ein extrem schwieriger und sorgfältiger Prozess. Einerseits wollten wir mit klaren Bildern auf Menschenrechtsverletzungen hinweisen, andererseits wollten wir nicht einfach auf den Schockeffekt setzen. Amnesty International will primär sensibilisieren und nicht schockieren. Über die Motivauswahl haben wir daher lange diskutiert.
Lebendig wurden die Plakate mit den Werbespots, die sich an vertraute Fernseh-Sendungen wie die Wettervorhersage, die Kochsendung oder das Quiz-Spiel anlehnen. Welche Erfahrungen machten Sie mit dieser ’Piraterie der Gewohnheitswahrnehmung’?
Corbat: Die Reaktionen auf die Werbespots waren kontroverser als auf die Plakate. Das hat vermutlich damit zu tun, dass die Plakate im öffentlichen Raum waren, wo man mit einer politischen Konfrontation rechnen muss. Die Werbespots hingegen wurden im Fernsehen zu einem Zeitpunkt gesendet, als die Leute wohl mehrheitlich Unterhaltung erwarteten und abschalten wollten.
Wie Plakate gehören auch Briefe zu den klassischen Medien. Briefaktionen haben verglichen mit den neuen Medien etwas Archaisches. Warum will oder kann Amnesty International im digitalen Zeitalter nicht darauf verzichten?
Rufer: Es geht um Nestwärme. Wer in den Gruppen von Amnesty International aktiv ist, will sich von Zeit zu Zeit für eine Aktion zusammenfinden. Beim Briefmarathon beispielsweise geht es darum, möglichst viele Appellbriefe zu schreiben. Zumeist geht es dabei um Fälle, die zu wenig spektakulär sind, um in die Massenmedien zu kommen. Um eine ausreichende Resonanz zu schaffen, ist Amnesty International daher auf eine starke Mobilisierung durch die Gruppen angewiesen. Und das läuft nach wie vor über Standaktionen, Unterschriftensammlungen und Briefaktionen – daran hat auch das digitale Zeitalter nichts geändert. Viele Mitglieder schreiben Briefe über das ganze Jahr verteilt. Das ist ein kleines, aber stetes Engagement. In einem Briefmarathon kommen in einer Woche bis zu 40'000 Briefe zusammen.
Besteht nicht die Gefahr, dass junge Leute, die mit den neuen Medien sozialisiert wurden, darauf nicht mehr ansprechen?
Corbat: Wir beobachten schon Unterschiede zu früher: Jugendgruppen entstehen heute schneller, gehen aber auch schneller wieder ein. Was die jungen Leute aber machen, unterscheidet sich nicht so gross vom Engagement der älteren Mitglieder. Ich habe daher nicht den Eindruck, dass man die Jugendlichen heute unbedingt mit den neuen Medien ansprechen muss, um sie zu erreichen. Wir haben zwar eine Jugendwebsite und ein Jugendmagazin mit einem Poster. Doch SMS brauchen wir sehr selten. Und Blogs haben etwas Widerspenstiges und wollen nicht von aussen vereinnahmt werden. Eigene Blogs zu führen kommt für Amnesty International eher nicht in Betracht. Zuerst einmal ist es eine Ressourcenfrage, denn funktionierende Blogs müssen über Jahre hinweg aufgebaut und gepflegt werden. Dann sind Blogs Meinungsmedien, und Amnesty International setzt nicht auf Meinungen, sondern auf Informationen. Es ist nicht wünschenswert, wenn vom Intranet oder Extranet verschriftlichte Meinungen an die Öffentlichkeit dringen.
Rufer: Es könnte im Gegenteil der Arbeit und der politischen Unabhängigkeit von Amnesty International abträglich sein, wenn in Blogs persönliche Meinungen beispielsweise über den Nahostkonflikt ausgetauscht würden. Es ist auch nicht die Aufgabe von Amnesty International, ein möglichst breites Spektrum der Meinungen abzubilden. Gerade bei kontroversen Themen wie den besetzten Palästinensergebieten oder der Tibetfrage wäre eine Pro-/Kontra-Diskussion für unsere Arbeit nicht förderlich. Amnesty International fokussiert primär die Menschenrechtsfrage und nicht allgemeine politische Probleme.
Corbat: Ein Thema ist allerdings, dass wir multimedialer werden wollen. Vor allem Filme wollen wir vermehrt online schalten. Aber das will professionell gemacht sein und ist wieder eine Ressourcenfrage. Man darf nicht vergessen: Im Internet gibt es ständig Hypes, und ob sich diese dann langfristig als tragfähig erweisen, ist eine andere Frage.
Zur aktuellen Kampagne: Geplant ist ein so genannter Briefmarathon zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember. Wozu dient die Aktion, wer nimmt daran teil, was ist das Ziel?
Rufer: Der Briefmarathon dient dazu, bestimmten ausgewiesenen Fällen von Menschenrechtsverletzungen Öffentlichkeit zu verleihen und dadurch Druck auf die verantwortlichen Regierungen auszuüben. Das Ziel ist, dass durch eine möglichst grosse Anzahl weltweit gesammelter Briefe zugunsten dieser Personen oder Personengruppen eine Verbesserung eintritt, sei es die Freilassung, eine Erleichterung der Haftbedingungen, der Verzicht auf eine Zwangsenteignung oder die Einleitung einer unabhängigen Untersuchung von Foltervorwürfen. Unsere Mittel sind primär die Mitglieder unserer Gruppen, die mit der Aktion die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit gewinnen und für die Petitionen Unterschriften sammeln. Gleichzeitig werden auch Schulen das Thema Menschenrechte in den Klassen behandeln und Briefe schreiben oder unterschreiben. Auch andere Organisationen und Unternehmen sind eingeladen, Unterschriften zu sammeln. Hinzu kommen Kirchen, die Menschenrechtsgottesdienste abhalten und die Briefe zur Unterschrift auflegen, sowie das Engagement von Konfirmanden- und andere Jugendgruppen. Ein Fall, der im Briefmarathon aufgegriffen wird, betrifft Abune Antonios, Kirchenoberhaupt von Eritrea, der an einem geheimen Ort festgehalten wird.
Können Sie Zahlen nennen, in wie vielen Fällen pro Jahr die Briefaktionen Erfolg haben? Wie viele Gewissensgefangene kommen frei, wie viele erfahren Hafterleichterung?
Corbat: Eine genaue Untersuchung wurde einmal für die Urgent Actions gemacht. Demnach führen rund vierzig Prozent der Interventionen zum Erfolg. Das heisst, in vierzig Prozent der Fälle wird die erste Forderung der Petition erfüllt. Den Erfolg von Briefaktionen weisen wir zudem regelmässig auf der Website der Urgent Actions aus.
Rufer: Generell ist der Erfolg im Kampf für die Menschenrechte aber schwierig zu beziffern, da es keine Vergleichsgrösse gibt. Wir können ja nicht wissen, wie sich die Verhältnisse ohne Intervention von Amnesty International weiter entwickelt hätten. Und das Mittel von AI, der öffentliche Druck, ist etwas Diffuses: Eine verhaftete Person wird vielleicht freigelassen, aber die verantwortlichen Behörden würden niemals zugeben, dass dies unter dem Druck der Öffentlichkeit geschehen ist. Daher ist es kaum möglich, den Erfolg von Briefaktionen in exakten Zahlen zu messen. Die Chancen sind zwar besser, eine Freilassung oder Hafterleichterung zu erwirken, je grösser der öffentliche Druck ist; ein Kausalzusammenhang nachzuweisen ist aber schwierig. Beispielsweise ist das Engagement von Amnesty International nur ein Faktor unter anderen: Hinzu kommen Anwälte, die sich vor Ort einsetzen, oder generelle politische Veränderungen. Was letztlich den Ausschlag für die Verbesserung einer Situation gegeben hat, müsste man in jedem Einzelfall prüfen. Dabei müsste man auch die unterschiedlichen Rahmenbedingungen einbeziehen, beispielsweise die Frage, ob ein Regime empfindlich auf Reputationsverlust reagiert.
Konnte sich Amnesty International in den letzten Jahrzehnten stärken, was die Höhe der Spenden, die Anzahl der Mitglieder oder die Anzahl der behandelten Fälle angeht?
Corbat: In den letzten Jahren konnten wir hinsichtlich der Anzahl der Mitglieder und der Einnahmen stetig wachsen. Auch im Hinblick auf die Anzahl der aktiv engagierten Mitglieder konnten wir die Zahl zumindest halten, was in Zeiten der allgemein abnehmenden Vereins-, Partei- und Kirchenbindungen positiv zu werten ist.
Rufer: Besondere Bedeutung hat für unser Einnahmenwachstum die Zunahme der Einnahmen aus Erbschaften und Legaten, von Stiftungen und anderen Grosspenden.
Worauf führen Sie den relativen Erfolg von Amnesty International gegenüber anderen NGO zurück? Ist das ein Resultat ihrer Kommunikationsstrategie?
Corbat: Den Medieneinsatz von Amnesty International halte ich nicht für so progressiv, um den relativen Erfolg darauf zurückzuführen. Gerade im Einsatz der neuen Medien waren wir nicht sehr progressiv und haben relativ spät zu einem Content Management System gewechselt. Und auch das Web 2.0 ist bisher an Amnesty International weitgehend vorbeigegangen. Da liegen andere Organisationen vorne wie beispielsweise Greenpeace mit ihrer Aktion «LovePeace». Eine Rolle spielt aber vermutlich das seriöse Image, das Amnesty International in den Massenmedien hat. Das verleiht der Organisation eine gewisse Autorität und schafft eine solide Bindung zu den Mitgliedern.
Wir leben in einer zunehmend ideologiefreien Gesellschaft. Ist Amnesty International ein Pool für Leute geworden, die sich engagieren wollen, ohne sich politisch oder kirchlich zu binden?
Corbat: Das kann sein. Vor eineinhalb Jahren hat Amnesty International im Rahmen ihrer Frauenrechtskampagne das Recht auf sexuelle Integrität und Selbstbestimmung thematisiert, ohne sich von Abtreibung zu distanzieren. Stimmen aus dem Vatikan haben daraufhin verlauten lassen, dass Amnesty International zu einer abtreibungsbefürwortenden Organisation geworden sei, die aus katholischer Sicht nicht mehr unterstützt werden könne. Als Gegenreaktion sind zahlreiche Leute zu neuen Mitgliedern von Amnesty International geworden, wobei viele explizit auf diese Aussage des Vatikans Bezug genommen haben.
Amnesty International ist keine politische Partei, sondern eine unabhängige Organisation, die weltweit agiert. Damit ist AI politisch und doch nicht. Damit ist AI überall und doch nirgends. Was bedeutet das für Ihr politisches Engagement in der Schweiz? Hat Amnesty International lokal genügend Präsenz und Resonanz, um als politische Stimme für Gerechtigkeit in der eigenen Gesellschaft zu kämpfen?
Rufer: Amnesty möchte die Menschenrechte im Kern nicht als Gegenstand der politischen Auseinandersetzung sehen, sondern geht von deren Universalität aus. Amnesty definiert sich folglich auch nicht als politische Organisation, sondern vielmehr als (partei-)politisch unabhängig. So ist z.B. das Folterverbot in der Schweiz nicht politisch umstritten. Sobald wir uns allerdings mit Forderungen an eine Regierung – auch an die eigene – richten, wird die Angelegenheit politisch wahrgenommen und Amnesty dadurch auch zum politischen Akteur. Das ist aktuell bei den asylrechtlichen Stellungnahmen der Fall.
Corbat: Die Stimme von Amnesty International hat in der Schweiz sehr wohl Resonanz und sie wird auch oft zitiert: Mit rund 35'000 Mitgliedern und 70'000 Spenderinnen und Spendern ist die Schweizer Sektion eine grosse Organisation. Es stimmt aber, dass ihre Reichweite lokal eine andere ist als in der Welt.
Reto Rufer ist zuständig für die Länderarbeit bei Amnesty International Schweiz und koordiniert den Briefmarathon.
Thierry Corbat ist verantwortlich für die Websites und Internet Services bei Amnesty International Schweiz.
Das Gespräch führte Judith Arnold, Kommunikationswissenschaftlerin und Redaktorin Medienheft.
Quellen:
Amnesty International (2008): Briefmarathon 2008: Briefe schreiben – Leben retten: http://www.amnesty.ch/de/aktiv/briefe-schreiben/briefmarathon
Amnesty International (2008): Peking 2008: Menschenrechte aufs Potest: http://www.amnesty.ch/de/kampagnen/olympiade-peking-2008
Amnesty International (2008): Tibetische Mönche von Folter bedroht: http://www.amnesty.ch/de/aktiv/online-aktionen/tibet
Amnesty International (2007): Burma – Land am Scheideweg: http://www.amnesty.ch/de/laender/myanmar/burma-portrait
Amnesty International (o.J.): Urgent Actions: http://www.amnesty-ua.ch/
Amnesty International (2000): Final Report of the Urgent Action Review. Standig Committee on Research and Action. London, July 2000. (interner Bericht)
Amnesty International (o.J.): Neue Plakatkampagne: «Es geschieht nicht hier. Aber jetzt.»: http://www.amnesty.ch/de/aktuell/news/2006/plakatkampagne-es-geschieht-nicht-hier-aber-jetzt http://www.amnesty.ch/de/aktuell/news/2006/plakatkampagne-es-geschieht-nicht-hier-aber-jetzt/aiarticle_gallery_view
Amnesty International (o.J.): TV-Spot: «Es geschieht nicht hier. Aber jetzt.»: http://www.amnesty.ch/de/aktuell/news/2007/spot-es-geschieht-nicht-hier-aber-jetzt
Amnesty International (o.J.): «Make Some Noise – The Campaign to Save Darfur»: http://www.amnesty.ch/de/shop/artikel/multimedia/cd-make-some-noise http://www.amnesty.ch/de/youth/news/2007/internationale-stars-engagieren-sich-mit-amnesty-international-fur-die-menschen-in-darfur
Amnesty International (o.J.): «Sexuelle und reproduktive Rechte»: AI weist Vorwürfe des Vatikan zurück: http://www.amnesty.ch/de/aktuell/news/2007/reaktion-zum-boykottaufruf-des-vatikans
Amnesty International (o.J.): Guantánamo – Ein Menschenrechtsskandal: http://www.amnesty.ch/de/themen/krieg-gegen-terror/guantanamo
Amnesty International (o.J.): Stellungnahmen der Schweizer Sektion. http://www.amnesty.ch/de/about/amnesty-schweiz/stellungnahmen
Arnold, Judith (2008): Das Internet als Portal zur Gerechtigkeit? NGO im digitalen Zeitalter. In: Medienheft, 09.05.2008: http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k08_ArnoldJudith_03.html
Greanpeace (o.J.): LovePeace: http://www.lovepeace.ch/mission.php
Stuker, Jürg (2007): Papier ist gut für Ihren Online-Erfolg (Oder: Bravo Amnesty International). In: namics Weblog, 07.07.2007: http://blog.namics.com/2006/07/papier_ist_gut.html
KASTEN
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Briefmarathon 2008
Zum Internationalen Tag der Menschenrechte wird sich die Schweizer Sektion von Amnesty International zum vierten Mal am weltweiten Briefmarathon beteiligen. Zwischen dem 1. und 12. Dezember sind alle eingeladen, Briefe zugunsten von Personen zu schreiben, die als Gewissensgefangene verfolgt, inhaftiert, gefoltert und misshandelt werden. Mit Zehntausenden von Briefen soll Druck auf die verantwortlichen Behörden ausgeübt werden, um die Situation der politischen Gefangenen zu verbessern. Gleichzeitig wird damit ein Zeichen der Solidarität für die Betroffenen und ihre Angehörigen gesetzt. Die Briefaktionen werden an Strassenständen, am Arbeitsplatz, in Schulen und Jugendgruppen sowie in Kirchgemeinden durchgeführt. Der Briefmarathon 2008 wird durchgeführt zugunsten von:
Sergei Gurgurov, Moldawien: Er wurde am 25. Oktober 2005 in der moldawischen Hauptstadt Chisinau von der Polizei unter dem Verdacht, ein Mobiltelefon gestohlen zu haben, verhaftet. In den folgenden zehn Tagen versuchte die Polizei, ein Geständnis zu erpressen. Sergei Gurgurov wurde mit Schlägen auf die Wirbelsäule traktiert, mit Elektroschocks gefoltert und mit Gasmasken beinahe erstickt. Als Folge der Misshandlungen ist Sergei Gurgurov heute mehrfach behindert. Da man die Folgen der Folter vertuschen wollte, wurde er erst am 9. Dezember 2005 aus der Haft entlassen. Am 4. August 2008 erklärte der Generalstaatsanwalt, dass keine Untersuchung auf Folter eröffnet wird. Die Briefaktion soll den Generalstaatsanwalt auffordern, eine umfassende Untersuchung der Foltervorwürfe einzuleiten.
Hakamada Iwao, Japan: 1968 wurde Hakamada Iwao wegen Mordes zum Tode verurteilt, dies aufgrund eines Geständnisses, das er nach zwanzig Tagen Verhör und ohne Beisein eines Anwalts abgelegt hatte. Vor Gericht erklärte er, dass er während dieser Zeit jeden Tag zwölf Stunden lang verhört und dabei immer wieder misshandelt worden sei. Dennoch wurde er 1968 zum Tod durch den Strang verurteilt. Der letzte Rekurs an den Obersten Gerichtshof wurde 1980 abgewiesen. Einer der Richter erklärte aber später, dass er an die Unschuld von Hakamada Iwao glaube. Dennoch wurde eine Wiederaufnahme des Verfahrens wiederholt abgelehnt, zuletzt am 24. März 2008 vom Obersten Gericht. Hakamada Iwao ist nach 28 Jahren in Einzelhaft psychisch schwer krank und muss jederzeit mit seiner Hinrichtung rechnen. Die Briefaktion soll den japanischen Justizminister Yasuoka auffordern, Hakamada Iwao die Todesstrafe zu erlassen und das Verfahren nochmals aufzunehmen.
Justine Masika Bihama, DR Kongo: Im Kongo sind sexuelle Übergriffe durch Angehörige der kongolesischen Armee und anderer Milizen weit verbreitet. Als Koordinatorin der Organisation «Synergie contre les violences sexuelles» in Goma, Ostkongo, kämpft Justine Masika Bihama gegen dieses Problem. Am 18. September 2007 waren ihre sechs Kinder allein zu Hause, als Soldaten in ihre Wohnung eindrangen und ihre Kinder schlugen, mit Waffen bedrohten und versuchten, sie zu vergewaltigen. Als Justine Masika Bihama nach Hause kam, flohen die Soldaten, konnten aber von ihr identifiziert werden. Bis heute weigert sich die Militärpolizei, die Soldaten zu verhaften. Und trotz einer formellen Anklage wurden bisher keine Ermittlungen aufgenommen. Stattdessen wurden Justine Masika Bihama und ihre Kinder wiederholt von den Soldaten bedroht. Die Briefaktion soll den kongolesischen Präsidenten Kabila auffordern, eine unabhängige und umfassende Untersuchung gegen die sexuellen Übergriffe in seinem Land einzuleiten sowie Menschenrechtsaktivistinnen wie Justine Masika Bihama Schutz zu gewähren.
«Gruppe 78», Kambodscha: Seit 1983 leben rund 150 Familien als sog. «Gruppe 78» auf einem Grundstück der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh zusammen. Es handelt sich mehrheitlich um einfache Angestellte und Strassenverkäuferinnen. Nach kambodschanischem Recht müssten sie längst als Grundeigentümer registriert sein. Seit das Grundstück eine enorme Wertsteigerung erfahren hat, sind die Familien jedoch seit 2006 mit einem Ausweisungsbefehl der Stadtverwaltung konfrontiert. Bereits in den Jahren zuvor sind Tausende von armen Stadtbewohnern unter Missachtung ihrer Eigentumsrechte vertrieben oder in Slums ohne sanitäre Einrichtungen umgesiedelt worden. Die «Gruppe 78» kämpft mit Eingaben und Petitionen gegen ihre Vertreibung, bislang aber ohne Erfolg. Die Briefaktion soll den Gouverneur von Phnom Penh auffordern, auf die geplante Zwangsausweisungen wie derjenigen der «Gruppe 78» zu verzichten.
Abune Antonios, Eritrea: Der 80-jährige Patriarch Abune Antonios ist das Oberhaupt der eritreisch-orthodoxen Kirche. 2004 hat er gegen die Verhaftung von drei Priestern protestiert und sich seither wiederholt gegen die zunehmende Einmischung der eritreischen Regierung in die kirchlichen Angelegenheiten gewandt. Daraufhin wurde er von der Regierung seines Amtes enthoben und unter Hausarrest gestellt. Die eritreischen Sicherheitsorgane konfiszierten seine kirchlichen Insignien, entführten ihn am 28. Mai 2007 aus seinem Haus und brachten ihn an einen bisher unbekannten Ort. Als Diabetiker ohne medizinische Versorgung ist seine Gesundheit bedroht. Abune Antonios ist ein politischer Gefangener, der allein aufgrund seiner freien Meinungsäusserung festgehalten wird. Dieses Schicksal teilt er mit zahlreichen kritischen Angehörigen der orthodoxen Kirche, die ohne Kontakt zur Aussenwelt in unterirdischen Zellen oder Metallcontainern in abgelegenen Armeelagern festgehalten werden. Die Briefaktion soll den eritreischen Präsidenten Afewerki auffordern, Abune Antonios umgehend freizulassen.
Seinen Anfang genommen hat der Briefmarathon am Menschenrechtstag 2001, als eine polnische Lokalgruppe in Warschau während 24 Stunden 1000 Briefe zugunsten von Gewissensgefangenen geschrieben hat. Die Aktion war ein grosser Erfolg, weshalb die Idee zwei Jahre später von Amnesty-Sektionen in der ganzen Welt aufgenommen und weiter geführt wurde. Im Jahr 2008 fällt der Internationale Tag der Menschenrechte mit dem 60. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zusammen. Diese Erklärung der Vereinten Nationen deklariert unter anderem das Recht auf freie Meinungsäusserung und das Verbot von Folter.
Weitere Informationen zum Briefmarathon sind unter http://www.amnesty.ch/briefmarathon
- Dateien:
p08_ArnoldJudith_02.pdf
